Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1901)
- Date
- 1901-12-20
- Page
- Seite 608 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228471--58208-3294639- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
608 Der judenfeiiidliche Meschumed Wollmann ist eben, als der Gottesdienst beginnen sollte, mit seinen gräflichen Trabanten in das Gotteshaus getreten, um einen vor ihm flüchtenden Juden abzufasfen. „Ich Weib, daß der Bursche unter Euch ist," sagte Möllmann. „Wollt Ihr ihn jetzt herausgeben?" Die Männer schwiegen. „Nun." fuhr der Mandatar fort, „so werd' ich ihn dann fassen lassen, wenn Ihr das Bethaus verlasset. Und nicht nur er. Ihr Alle werdet des Abends gedenken. das versichere ich Euch. Doch nun laßt Euch nicht stören, betet nur immer zu. Ich habe Zeit, ich will zuhören." Todtenstille folgte; nur von oben, aus der Frauenschuh hörte man den schrillen Angstrus eines Weibes. Alle waren wie gelähmt vor Entsetzen. Dann aber faßten sie sich und erhoben die Blicke zu Gott. Klein-Mendele zitterte an allen Gliedern. Dann aber richtete er sich auf und begann die Töne des „Kol-Nidre". jener uralten, einfachen Weise, die Niemand vergessen kann, der sie einmal gehört hat. Zitternd und unsicher klang anfangs seine Stimme, dann aber ward sie immer mächtiger, und kla^' und voll und herzbewegend klang sie durch den Raum und über die Beter hin und empor zu Gott. So hat Klein-Mendele nie wieder gesungen wie an jenem Abend. Eine wundersame Weihe war über den Menschen gekommen. Wie er so sang, war er kein trällernd Männlein mehr, sondern ein gewaltiger Priester, der für sein Volk zu Gott die Stimme erhebt. Er dachte all die einstige Herrlichkeit und dann an die vielen Jahrhunderte der Schmach und der Verfolgung, und in seiner Stimme klang es, wie wir ruhelos gehetzt worden sind über die Erde, die Aermsten unter den Armen, die Unglücklichsten unter den Unglücklichen. Und wie die Verfolgung noch nicht geendet hat, und wie immer neue Dränger gegen uns den Arm erheben, und wie immer neue Schwerter in unserem Fleische wühlen. All' unser Leid klang in seiner Stimme, unser unsägliches Leid, unsere unzähligen Thräuen. Aber noch etwas Anderes klang darill, unser Stolz, unsere Zuversicht, unser Gottvertrauen. O, es ist nicht zu sagen, wie Klein- Mendele sang in jener schweren Stunde. — weinen, weinen, weinen mußte Jeder, und doch mutzte er wieder stolz sein Haupt erheben . . . Klein-Mendele aber barg sein Antlitz in den Händen und brach zusammen." Wenige Sätze später sagt Franzos von Wollmann: „Voll da ab war er milde gegen uns. Es dauerte aber nicht lange. Im Frühling des „großen Jahres" haben ihn die Bauern, die er einst sehr gequält, erschlagen . ." Ein modernes, mit den Kunstmitteln unserer Zeit wirkendes „Lrnek Imlmclm" bietet nns Karl Emil Franzos in seinen von großen Gesichtspunkten geleiteten Erzählungen. Wahrscheinlich haben gerade diese „großen Gesichtspunkte", der Ernst, mit dem er die Hydra des Nationalilätenhaders schildert, aus! der uns die Zukunft noch manches Rathsel aufgiebt, dazu beij getragen, daß inan dort, wo man gern pikante Süßigkeiten , im Tagesgeschmack nascht, unfern Dichter nicht so liebt, wie er! es verdient. In den „Inden von Barnow" treten die Politischen Gesichtspunkte weniger hervor, und darum sei zuvörderst allen Denen unter uns, die bei der Auswahl eines Bar-Mizwa- Buches mehr den Geschmack des Buchhändlers als das, was unserer Gemeinschaft noch thut, berücksichtigen, dieses in geschmackvoller Ausstattung für sechs Mark käufliche Buch ausdrücklich empfohlen. Ein „Judenschriftsteller" ist ja bei uns leider auch manchen Juden anstößig. Vielleicht hilft dagegen die Erwähnung, daß dieses „Judenbuch" drei Übertragungen ins Russische, zwei ins Englische und zwei ins Hebräische erfahren hat. Je einmal wurden die „Juden von Barnow" ins Holländische, Dänische, Schwedische. Italienische, Spanische, Französische, Magyarische, Serbische, Polnische, Neugriechische, Rumänische, Kleinrussische und Jüdisch-Deutsche übersetzt. Wir wenden uns nunmehr zu den soeben in vierter Auslage erschienenen zwei Bänden von Kulturbildern „Aus Halb-Asien". ML.I.L70I4 Schwester Fanny. Von Dr. Adolph Kohnt. (^s ist ein erfreuliches Zeichen, daß die deutschen Romanschriftsteller unserer Tage mit löblichem Eifer bestrebt sind, sich von den Vorurtheilen ihrer Kollegen aus der alten, guten Zeit, wem» es galt, jüdische Charaktere zu schildern, frei zu machen und uns jüdische Gestalten aus der Gegenwart bezw. aus der modernen Gesellschaft vorführen, wie sie leiben nnd lebe», ohne zu übertreiben und ohne die Farben gar zu grell aufzutragen. Besonders gebührt den deutschen Romanschriftstellerinnen in dieser Beziehung lebhafte Anerkennung, die sich in Bezug auf gerechte Würdigung und humane Auffassung des Lebens vortheilhaft auszeichnen. Eine solche Erzählerin von Menschlichkeit. Wohlwollen und aufrichtiger Ueberzeugung war z. B. die vor einiger Zeit verstorbene Valeska von Gallwitz und ebenso die bekannte Novellistin Henriette von Sidmogrodzka, die talentvolle Verfasserin der Erzählungen „Anna und Moriz", „Gertrud", „Das Kind der Tänzerin", „Aus dem Leben", „Die feindlichen Brüder". „Regina" und anderer. Diese Schriftstellerin aus uraltem deutschen Adel ist eine würdige Matrone, welche soeben eine hochpvetische Erzählung aus dem Leben, betitelt „Schwester Fanny" (Berlin, Hugo Steinitz Verlag) herausgegebeu, wodurch sie die moderne Belletristik um eine kleine köstliche Perle bereichert hat. Henriette von Sidmogrodzka hat sich in rühmlicher Weise von den Vornrtheilen emanzipirt, welche so viele Vertreterinnen des Adels noch immer erfüllen, indem sie uns in der Heldin ihrer Geschichte eine Jüdin vorführt, die sich als eine echte Tochter Israels bewährt, die trotz aller Lockungen und Verführungen, die von allen Seiten auf sie einstürmen, und trotz der leidenschaftlichen Liebe, die sie erfüllt und sie in schwere Herzenskämpfe verwickelt, dennoch treu am Glauben ihrer Väter hält. Würde ich die Verfasserin nicht persönlich kennen, käme ich leicht irr die Lage zu glauben, daß nicht eine christliche, sondern eine jüdische Feder „Schwester Fanny" versaßt habe; eine solche Liebe, eine solche Verehrung nnd Pietät offenbart sich darin für den Gott Israels und die Religion des jüdischen Stammes. Aber auch sie, die Heldin der Geschichte, die Schwester Fanny, habe ich gekannt, diese edle, engelhafte Erscheinung, einen Typus der jüdischen Wohlthätigkeit, einen Engel an Schönheit und Herzensgüte, und Henriette von Sidmogrodzka gebührt der Ruhm, daß sie, dem Triebe ihres Herzens folgend, eine jüdische Heroine der Gegenwart mit all dein Reiz bekleidet, über den sie verfügt, ohne je der Wahrheit Gewalt anzuthun oder Schönfärberei zu treiben. Diese Erzählung verdient es wahrlich nach verschiedenen Richtungen hin, daß wir uns mit derselben eingehender beschäftigen. An einem Maitage des Jahres 1858 erging sich der Geheinirath v. Gleim, ein Wittwer in den mittleren Jahren, der, obwohl mit Glücksgütern reich gesegnet, dennoch ein Amt im Ministerium des Innern bekleidete, unter den duftenden Bäumen des Thiergartens zu Berlin. Er athmete entzückt die würzige Luft ein und blickte mit Stolz auf sein zehnjähriges Töchterchen,