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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-20 · Heft 51 (20.12.1901) · p. Seite 607

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 51 (20.12.1901)
Date
1901-12-20
Page
Seite 607 (sequence 9)
Language
German
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607 Dichtungen von Karl Gmil Franzos? Von M. Friedeberg. (TzV^ier Jahre suchte Karl Emil Franzos vergeblich nach einem Verleger für sei» Jugendwerk: „Die Juden von Barnow"; heute ist das Werk, an das einst kein Buch- Händler die Druckkvsten wenden wollte, das verbreitetste der modernen Dichtung, so weit sie sich mit den Juden beschäftigt, und zwar nicht allein der deutschen, sondern aller Literaturen, denn es existiren zwanzig Uebersetzungen des vortrefflichen Buches. Die Eindrücke der Kindheit wurzeln am tiefsten. Daß ich ein Verehrer der Dichtungen von K.E. Franzos geworden bin, das hat die erste Auflage der „Juden von Barnow" zu Wege gebracht, die ich gleich nach ihrem Erscheinen 1876 als Primaner las, und zwar in einer Grenzgemeinde des deutschen Ostens. Ueber die nationalen Kontraste, von denen auch ich umgeben war, und die Franzos aus seiner Heimath mit so kräftigen, wahrheitsgetreuen Strichen schildert, gingen auch mir erst die Augen auf. Mein Gerechtigkeitsgefühl, ja meine Liebe wnrde erweckt für die großen Gestalten im langen Kaftan (der volhhnische Jude, der im Sommer Holz und Getreide über die deutsche Grenze bringt, ist meist groß gewachsen, weit über unser Mittelmaß hinaus), denen ich bisher als fremdartigen Erscheinungen scheu aus dem Wege gegangen war, denn Diejenigen, die auch an hohen Festtagen im Herbst noch iir der Erenzgemeinde weilten, beteten ans ihre eigene Weise in einereigenen „Schul". Für viele Züge an den sremden Glaubensbrüder», welche mir abstoßend erschienen, fand ich erst durch die Schilderungen dieses Kulturmilieus von K. E. Franzos das rechte, sympathische Nerständniß durch die geschichtliche Begründung, welche der Dichter Halbasiens so fesselnd in seine Novellen hineinverwebt hat. Aber auch einen anderen Schlag, die von Unverständigen viel geschmähten „Polnischen", arme Glaubensbrttder, die in den überfüllten Grenznestern des Ansiedelungsrahons sich nicht ernähren konnten und daher oft nach unserer Gemeinde zum Arzt, noch öfters aber zu meinem Vater, dem Ortsrabbiner, gepilgert kamen, um durch eine erbetene Unterstützung sich und die Ihrigen wieder weiter zu schleppe», lernte ich jetzt mit anderen Augen ansehen. Die „unheilbar große Bruderkrankheit" ward mir verständlich, nud ich wehrte nun öfters den rohen Witzeleien, mit denen man oft diese Aermsten der Armen in ihrem pittoresken Elend, weil es sich von unserer Kultuctünche schreiend abhebt, noch hänselte. Ahnte ich doch damals schon, was mir späterem sehr bekannter Universitätsprosessor ans Opportunitätsgründen ausreden wollte, daß auch diese Juden Halbasiens Bein von unserm Bein. Fleisch von unsrem Fleisch sind. In Nr. 49 dieses Blattes hat Herr Rabbiner Dr. Blumenthal (Natibor) in einem besonderen Falle auf Karl Emil Franzos hingewiesen als auf den muthigen Wahrheitsfreund, durch den wir die gebildeten Glaubensverächter und die bildungs-! feindlichen Strenggläubigen unseres Ostens zuerst am kräftigsten vor aller Welt geschildert finden — und er hat darin die Mahnung zu einer jetzt von dem Hilssverein und schon früher von anderen Hilfskomitees angestrebten Besserung der Zustände Die Jude» von Barnow. Geschichten. Sechste Auflage. Berlin. 1901. — NuS Halbasien Kulturbilder aus Galizien, der Bukowina, Sudrußlaud und Rumäuie». Vierte gänzlich umgearbeitele Auflage. Berlin 1901. Concordia. Deutsche Verlagsanstalt. in Polen l«nd Galizien geknüpft. — Damals in jenen glücklichen Jugendjahren trug ich meinen Fund „Die Juden von Barnow" sofort in ein befreundetes Haus, dessen Herr, ein sehr kluger Kaufmann, aus Volhynien stammte, es aber durch gescheidte Anpassung in unserer Grenzstadt bis zum Stadtrath gebracht hatte. Man hatte dank einer feinsinnigen Hausfrau in diesem Hause eine sehr gute Bibliothek; es war sogar auch mancher überflüssige, weil oberflächliche moderne Schnickschnack darunter, — aber die von mir gefundene Perle sehlte. Ich wurde also zum Vorlesen ausgefordert. Die Kinder, eben erblühende junge Mädchen und der 15jährige Sohn des Hauses, der jetzt als Amtsrichter in einer Grenzgemeinde wirkt und sein Judenthum sehr rege bethätigt, hörten aufmerksam zu. Eben hatte ich die den Aberglauben der Chassidim geißelnde ergreifende Geschichten: „Kind der Sühne" und „Baron Schmule" zu Ende gelesen. - die dergleichen Tendenz gewidmete Novelle „Ohne Inschrift" hatte sehr angesprochen, als der meist viel beschäftigte Hausherr hinzutrat und seine Kritik mit demeineu kurzen Wort: „BobeMeißes" (d. h. Alte Großmutter-Geschichten, überlebte Sachen; abgab. Ich hörte sofort mit der Lektüre auf, muß aber in einer Zeit, in der die Späße von Wilhelm Busch und 60 andere Schnurren ebenso große Auflagen erleben, oft mich noch an diese Lapidarkritik erinnern und darüber Nachdenken, wie es kommt, daß Karl Emil Franzos in jüdischen Kreisen noch lange nicht genug geschätzt wird. Nicht um dieses eine flüchtige Wort eines in der Schule des Lebens hart gewordenen Mannes, der au das Elend seiner Väter, es war zum Theil auch noch sein eigenes gewesen, nicht erinnert werden wollte, handelt es sich, sondern um die bekannte Thatsache, daß zwar ab und zu in einer kleineren Gemeinde „Die Juden von Barnow" als Bar-Mizwa-Buch benützt werden, daß ab und zu auch ein jüdischer Litteratur- Verein das Buch in seine Bibliothek stellt, daß es aber im Wesentlichen nichtjüdische Käufer sind, denen dieses doch gerade für uns so werthvolle Buch seine neuen Auflagen verdankt. Und dabei müßte gerade diesen das feurige Pathos, in dem hier die Sünden angeklagt werden, welche das Mittelalter — leider ist es noch lauge nicht zu Ende - an den Juden verübte, schrill in die Ohren gellen. Denn es ist ein „ehrliches Buch", wie selbst Johannes Scherr zugeben mußte. Dieser Litterarhistoriker gestand, aus den „Juden von Barnow" habe er ersehen, das; auch das Schlimme an den Juden unr „Züge zeige, die wir an uns selber kennen oder doch wenigstens, so wir ehrlich gegen uns selber wären, kennen sollten". Scherr war kein Freund der Juden im Allgemeinen, aber er rühmt von Karl Emil Franzos „daß er das Beste, was er im Menschen, an seinen jüdischen Männern und Frauen, nachzuweisen wisse, jetzt in anmuthender Kleinmalerei, dann wieder in erschütternd großen Strichen darbietet." Mir als treuem Juden rieselt geradezu ei» Schauder über den Rücken, wenn ich die Geschichte „Zwei Retter" lese, die beste und wirksamste Vertheidigung gegen das unsinnige und doch noch immer von unseren Hassern so wirksam ausgebeutete Märchen vom Nitualmvrd, die ich kenne. Denn mehr als alle gelehrten Abhandlungen der Welt nützt eine gut erzählte Geschichte, die die Nutzanwendung in sich selbst trägt. Und wie versteht Franzos zu erzählen! Man höre nur die Schilderung, wie „Klein-Mendele" in eben dieser Geschichte „Zwei Retter" Kol Nidre singt.

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