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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-20 · Heft 51 (20.12.1901) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 51 (20.12.1901)
Date
1901-12-20
Page
Seite 606 (sequence 8)
Language
German
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606 Dadurch „arbeiten" sie doch nur dem Gegner in die Hände und beschleunigen den Verfall des Judenthums. Ich mache daraus kein Hehl, daß die Konservativen meine Sympathie nicht besitzen, und zwar nicht etwa, weil ich Anhänger des Sonntagsgottesdienstes wäre, sondern weil ich die Herren an der „Arbeit" gesehen habe. Was haben sie alles vor sechs Jahre» versprochen, und wie wenig haben sie geleistet! Vielleicht wollen sie aber jetzt handeln. Ich stelle daher in Folgendem meine llesiclcria auf, und zwar ohne Voreingenommenheit, sine irn, seü cum stuäio. 1. Der Religionsunterricht muß in unserer Gemeinde gründlich reorganisirt werden. Natürlich will ich den fungirendeu Religionslehrern nicht nahe treten, die unter den obwaltenden Verhältnisse» gewiß ihre Pflicht thun. Aber die Sache ist ungeheuer zersplittert, und eine ersprießliche Leistung ist unter solchen Umständen nicht gut möglich. Der Religionsunterricht muß sachlich und technisch nach einem einheitlichen Prinzip geregelt werden. Es muß festgestellt werden, was und w i e nnsereJugend unterrichtet werden soll. Auf die Gefahr hin, in gewissen Kreisen Anstoß zu erregen, muß ich's anssprechen, daß selbst die Lehrbücher einer gründlichen Revision unterzogen werden müssen, bei welcher Arbeit nicht die Lehrer allein, sondern auch die Vertreter der Wissenschaft des Judenthums betheiligt sein sollten. In den meisten Schulbüchern fehlt der höhere, allgemeine jüdische Standpunkt, und von wissenschaftlicher Seite läßt sich sehr vieles rügen. Gerade die Vertreter der Wissenschaft stehen bei uns in solchen Fragen nicht im gehörigen Ansehen, und das muß endlich einmal anders werden. 2. Der hebräische Unterricht muß eine erhebliche Verbesserung erfahren. Es ist geradezu beschämend, daß bei uns noch immer nach der alten und veralteten Methode mit so wenig ersprießlichem Erfolg unterrichtet wird, während unsere Glaubensbrüder im Osten bereits zahlreiche neue und bewährte Methoden geschaffen haben. Die jüdische Gemeinde von Berlin ist reich genng, daß sie sich den Lupus leisten kann, eine aus Fachmännern bestehende Kommission mit der Schaffung neuer Lehrmittel zu betrauen. Für gewöhnlich mag man sich mit der primitiven Kenntniß der hebräischen Sprache begnügen; aber es muß in Berlin auch eine Lehranstalt geben, in der die begabteren und lermvillige Knaben, namentlich solche, die von ihren Eltern dem Rabbinerberuf zugeführt werden, sich gründlicheres Wissen auf diesem Gebiet aneignen könnten. Es würde dadurch .der beklagenswerthe Zustand beseitigt werden, daß junge Leute auf die theologischeil Lehranstalten ohne die mindeste Kenntniß der hebräischen Sprache und des Judenthums kommen und später auch nicht viel erlernen können. 6. Die jüdische Gemeinde Berlin, die den fünften Theil der gesammten deutschen Judenheit umfaßt, mus; sich höhere Aufgaben bezüglich der Förderung der jüdischen Wissenschaft stellen. Eine große jüdische Gemeinde hat noch nicht ihre Pflicht erfüllt, wenn sie lediglich für die Unterhaltung der Synagogen Sorge trägt. DasLehrhanshatbei den Juden stets höher als das Bethaus gestanden, und ich datire unseren geistigen Verfall von dem Augenblick an, wo man das Lehrhaus gegen die Synagoge zurückzusetzeu begann. In früheren Zeiten galt bei uns das Wissen sogar mehr als die Frömmigkeit, und nicht etwa diese, sondern die „Krone der Lehre" verlieh in der jüdische» Gemeinde Achtung und Ansehen. Wenn man das Milliouenbndget der jüdischen Gemeinde in Berlin studirt, muß man erstaunen, daß sie im Lerhültniß für wissenschaftliche Zwecke fast gar nichts thut. t. Es ist seit Jahren der dringende Wunsch Vieler, daß der Gebetritus in den Orgelsynagogen einer gründlichen Revision unterzogen werde. Diese ist in der That sowohl in sprachlicher wie auch in prinzipieller Beziehung sehr nothwendig. Die Männer, die an der Schaffung des neuen Gebetbuches gearbeitet haben, waren wohl alle ehrenwerth, zum Theil auch gelehrt, aber ihr Werk zeugt davon, daß sie von dem Genius der hebräischen Sprache nicht beherrscht waren. Der neue Eebetritus wimmelt von sprachlichen, d. h. grammatikalischen und syntaktischen Fehlern, und es ist für unsere Gemeinde nur beschämend, daß daran nicht schon längst die bessernde Hand gelegt worden ist. Aber auch sachlich muß der Ritus geändert werden, da er so wenig auf Israels Vergangenheit und, was noch schlimmer ist, ans die Zukunft unseres Stammes Rücksicht nimmt. Unsere Gebete haben stets einen historischen Charakter gehabt; sie gingen von der großen Bedeutung Israels in der Geschichte der mellschlichen Gesittung aus. Es ist dies eine übel angebrachte Bescheidenheit, wenn wir unsere ruhmreiche Geschichte, wenn auch nicht verleugnen, so doch nicht genügend in den Vordergrund stellen und unserem Bewußtsein einprägen. Wir mögen wohl bescheiden sein auf unsere eigenen Kosten, nicht aber auf die unserer Vorfahren. Wir dürfen nicht auch nur den Verdacht erregen, als ob wir uns unserer Geschichte zu schämen oder die Anderen um Entschuldigung zu bitten hätten. Die synagogalen Gebete müssen stets diesem Stammesbewußtsein Ausdruck verleihen. Ueber einzelne Glaubenssatzungen läßt sich streiten, und das Judenthum hat! den Vorzug, daß es nichts Festes und Normäliges hat; jeder Jude kann sich sein Judenthnm nach eigener Ueberzeugung und! Anschauung koustrniren; aber das gemeinsame Band, welches die ganze Judenheit umschlingt, muß die Ueberzeugung bleiben, daß Israel niemals aufgehört hat. hoffnungsvoll aus eine Zukunft zu schauen, die seiner groben Vergangenheit würdig ist. Diesem Gedanken, oder noch mehr, diesem Empfinden haben die Schöpfer unserer Liturgie Ausdruck verliehen, und zu ihm muß jetzt znrückgekehrt werden. Wir wollen keine Orthodoxie, die bei uns niemals in weiteren Kreisen Eingang finden wird; die starre Orthodoxie ist ein Element des Rückschritts, oder noch schlimmer, der Versteinerung, während das Judenthnm in seiner geschichtlichen Entwickelung stets das Prinzip des Fortschritts verkündet hat. Das wahre konservative Jndenthum kann sich nur bewähren auf der Grundlage der Fortbildung im Sinne und im Geiste der jüdischen Geschichte. Das muß uns zum Prüfstein all unseres Beginnens dienen: Alles, was dazu beiträgt, das historische Bewußtsein und die gemeinsame Stammesangehörigkeit zu stärken, ist jüdisch und gut; alles, was dahin führt, die Judenheit zu zerklüften und zu zersplittern, ist verwerflich und gefährlich. Nicht die religiösen Fragen stehen jetzt im Vordergrund, sondern die historischen; jüdisch sein, heißt jetzt jüdisch fühlen und nicht nur glauben. Unsere religiöse Ueberzeugung kann Niemand verletzen, wohl aber wird^das Gefühl unserer Zusammengehörigkeit nicht nur verletzt, sondern auch abgestumpft. Das ist die Bedeutung des letzten Wahlergebnisses, das wir nicht beklagen dürften, wenn die herrschende Partei diese Lehre beherzigen würde. Wo aber nicht, so wird der jetzt erfochtene Sieg dereinst sicher ihre schmähliche Niederlage werden.

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