Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1901)
- Date
- 1901-12-20
- Page
- Seite 602 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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602 arbeiten sein, daß der Anschluß der zahlreichen noch ausstehenden Gemeinden erfolgte. Würde aber nicht das Arbeitsgebiet für den D.-J. G.-B. zu umfangreich werden? Beweist nicht auch die Erfahrung, daß die Propaganda für eine bereits bestehende Institution, auch wenn sie anders ausgestaltet werden soll, schwerer ist als für eine ganz neue Aktion? Werden überhaupt jene Gemeinden, die ans welchem Grunde auch immer vom D.-J. G.-B. abseits stehen, leichter durch das neue Programin hinüber geleitet werden können? Liegt nicht die Gefahr nahe, daß bei der beabsichtigten Verschmelzung des Iudentages mit dem D.-J. G.-B. jener überhaupt nicht ins Dasein tritt? Alle diese Fragen müssen genau erwogen und sachlich beantwortet werden, ehe der Gemeindetag, der im Februar Zusammentritt, mit einem diesbezüglichen Antrag überhaupt befaßt wird. Und wenn die Befürchtung naheliegen sollte, daß ein solcher Antrag auf allzngroßen Widerstand stoßen sollte, dann dürfte die Frage schon jetzt irr den Vordergrund treten, ob es da nicht gerochener wäre, bei dem eigentlicher: Vorschläge vom vorigen Jahre zu verbleiben. Nur müßte zur besserer: Agitation das Arbeitsgebiet genau präzisirt und nicht blos oder doch hauptsächlich die Gewinnung Einzelner erstrebt werden. Wenn zufällig der Verbandsvorsteher eines Bezirksverbandes der Frage nicht sympathisch gegenübersteht, ist dies nicht etwa gleich zu setzen der Ablehnung durch den gesammten Bezirksverband. Das sollte vor allem bewirkt werden, - es müßten alle Gemeinden, groß und klein, orientirt und aufgeklärt werden. Die Gemeindevertretungen sollten das nöthige Material erhalten, um sich schlüssig werden zu können. Es könnte dieser Weg jedenfalls, auch wenn eine längere Zeit für die Propaganda verstreichen würde, leicht zürn Ziele führen. Dieses ist auch nur die einzige richtige Methode, um über das Für oder Wider zu entscheiden. Wir verschließen uns nicht der Hoffnung, daß die Mehrheit sich für die Gesammtorganisation aussprechen wird, die sich immer mehr als eine unabweisbare Nothwendigkeit herausstellt und deren Nichteristenz wir seit Jahren bei unzähligen Anlässen schmerzlich haben entbehren müssen. Are Woche. Berlin, 18. Dezember. ie Kölnische Zeitung brachte in ihrer Nummer vom Freitag, den 13. Dezember cr. mit der Überschrift „Jüdische Streitfragen" das folgende Entrefilet: Bon zionistischer Leite wird uns geschrieben: Der „Deutsche Rabbinerverband" beabsichtigt, bei der Negierung dahin vorstellig zu werden, daß die jüdische Religion in Zukunft in religiöser und politischer Beziehung den anderen Bekenntnissen gleichgestellt werden solle, daß die Gemeindeverwaltungen in enge Beziehung zum Kultusministerium trete»: und die Rabbiner als Staatsbeamte mit staatlich garantirter Pfründe und Pensionsberechtigung angestellt werden sollen. Diese Forderungen dürften an sich vom Standpunkte der Rabbiner aus nicht unberechtigt sein; freilich müßten über die Zweckmäßigkeit einer staatlichen Organisation des jüdischen Kirchenwesens vorerst die berufenen Gemeindevertretungen gehört werden, die wenigstens früher vielfach gerade auf die gesetzliche Unmöglichkeit staatlicher Einmischung in innerjüdische religiöse Angelegenheiten großen Werth gelegt haben. Eigenartig berührt übrigens die Begründung, die die Rabbiner ihren Forderungen beifügen und deren Argumente durch eine demnächst er. scheinende apologetisch-polemische Schrift des Berliner Arabisten Dr. Schreiner verstärkt werden sollen. Es wird ausgesührt, die Inden seien nichts als eine religiöse Gemeinschaft, und als solche hätten sie ein Recht staatlicher Gleichstellung mit den andern Bekenntnissen: wären die Juden eine Volksgemeinschaft, so dürfen sie diesen Anspruch »licht erheben. Für die vorliegende Angelegenheit scheint die Ausrollung der Streitfrage nach der Existenz einer eigenen jüdischen Nationalität, die, was ethnische Eigeuthümlichkeiten anlangt, sicher bejaht werden wird, müßig. Fraglich ist auch immerhin, ob gerade diese Begründung in den maßgebenden Kreisen, in denen man de»» jüdischvolklichen Palästinabestrebungen, die der Zionismus vertritt, wohlwollend gegenübersteht, als besonders zugkräftig angesehen werden wird. Wie uns vom geschäftsführenden Ausschüsse des „Deutschen Rabbiner-Verbandes" mitgetheilt wird, ist die ganze Nachricht von A bis Z erfunden. Durch die Angabe der Provenienz hat die „Kölnische Zeitung" übrigens der Lügenfabrik, aus welcher die Nachricht stammt, einer: hübschen Streich gespielt. Die Tendenz der Ente liegt auf der Hand; sie tritt in dem Ausdruck „staatlich garantirte Pfründe" übrigens mit der schlecht verhehlte»: Absichtlichkeit hervor, Zwietracht zwischen Rabbiner»: und Gemeinden zu säen. - 4 Ir: der Reihe der sogenannten „Ritualmorde" marschirt bei den Antisemiten der von Sknrcz immer als erster aus. Am 22. Januar 1884 wurde in den: Dorfe Sknrcz bei Preußisch- Stargard ein Knabe Namens Cybulln erwordet; der kleine Körper war nach den: Eintritt des Todes kunstgerecht zerstückelt »vorden. Alsbald trat die übliche Ritualmordhetze in Szene. Der Verdacht wurde mit aller Plumpheit auf den Schüchter- Josephson hingelenkt. Allein der Spieß mußte umgekehrt »oerden. Jofephson und „die Juden" kamen gerichtlich außer Betracht, dagegen wurde gegen der: katholischen Schlächter Behrent Anklage erhoben. Der Angeklagte wurde nach langer Haft vor das Schwurgericht verwiesen. Die Geschworenen sprachen ihn frei. Bald nach diesem Urtheilsspruch wurde Behrent, de»»» seine Gesinnungsgenosse»: eine Festlichkeit veranstalteten, mit der: Mitteln versehen, nach Amerika abzndampfen. Er ging nicht allein. Ihn geleitete ein Schneider Namens Klein, der in Neukrrch einen ähnlicher: Mordschwindel inszerrirt und damit den alten Gastwirth Davidfohn fast ruinirt hatte, ferner eine Frau Onasch, welche „verdächtige Blutflecken" an dem Kleide einer jüdischen Kundin entdeckt oder hergestellt und die Verhaftung des Vaters und des Bruders der Dame herbeigeführt hatte — diese Frau war Behrents Schwägerin - er nahm ferner seinen Bruder mit. Ein Hauptzeuge, der durch einige zwanzig andere Zeugen seine Bekundungen bestätigen lassen konnte, wollte vor allemFolgendes bekunden. Als er eben nach Sknrcz zugezogen war, hatte Behrent ihn folgendermaßen angeredet -. „Die Juden sollten bei uns weniger werden, und nun werden ihrer mehr; wartet nur, ich werde. Euch was besorge»»." Der Hauptschürer der Hetze gegen die „Ritualmörder" war damals ein Pfarrer. Dessen Bruder war ein Studienfreund, des nach Sknrcz entsandten Kriminalkommissarius. Er wandte sich an den Kriminalisten mit der Zumuthung, die Schuld an dem Verbrechen ans die Juden zu schieben, obwohl er von vornherein einräumte, daß die Juden es nicht begangen hätten. Nun kornint aber die Hauptsache, was nämlich die „Berliner Zeitung" nach den „allerbesten Ermittelungen" in dieser Sache mitgetheilt hat: „Behrent, der schleunigst ans Minnesota verduftet war. Behrent, der den Juden /was besorgen" wollte, ist drüben gestorben. Vor seinem Tode aber hat er, wie durch Verwandte einer Skurczer