Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1901)
- Date
- 1901-12-13
- Page
- Seite 599 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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399 Mella aussteigen sah, zu besiegen - „was hast Du jetzt? Nichts — ja noch um zwei Kopeken weniger als nichts, die Du der Armenbüchse versprochen hast, wenn Raphael die Blume heirathet, und daß er sie kriegt, weis; ich aus guter Quelle. Du siehst also, daß der Segen Gottes nicht auf Deinem Werke geruht hat. Es ist bestimmt, daß wir unser Brod in Thränen essen sollen." Mella war vernichtet. „Wenn es wirklich Gottes Wille ist, daß ich mein Lebenlang ein Pojatz sein soll, nun denn, Gottes Wille geschehe, aber-" Ein Klopfen an der Thür unterbrach ihn. Es war der Briefträger, der ein an Mella und Uscher adressirtes Parket brachte. „Schau, Uscher, es ist frankirt und rekommandirt," rief Mella, „was mag es auch enthalten?" „Oeffne es, dann wirst Du es wissen, Du Besenstvck," antwortete Uscher voller Ungeduld. Mit zitternden Fingern löste Mella das Siegel und „ahm den Inhalt heraus — nagelneue Rubelnoten, ganze Dutzende davon, wohlgezählte fünfhundert Rubel. Zu unterst aber lag ein Zettel, auf dem einige Worte gekritzelt waren, und als Mella die Thränen der Freude und des Schreckens in seinen Augen zerdrückt hatte, da las er: „Zum Zeichen der Dankbarkeit von Einem, den Ihr durch ein reines Gotteswnnder vor einer großen Sünde bewahrt habt." „Sag, Uscher," fragte Mella, als er fühlte, daß er wieder ruhig sprechen konnte, „glaubst Du nun noch, daß Gott uns zu nichts anderem als zu Pojatzen bestimmt hat?" Fitterarische Mittheitungen. — Die von Karl Emil Franzos heransgegebene Halbmonatsschrist „Deutsche Dichtung" lEoncordia Deutsche Verlags-Anstalt Berlin) eröffnet ihren neuen, den XXXI. Band mit einem Hefte von ebenso reichem wie gediegenem Inhalt. Dem Programm der Zeitschrift gemäß, eine Heimstätte der künstlerischen Produktion in Vers und Prosa und gleichzeitig ein ernsthaftes Litteraturblatt zu sein, bietet auch dieses Heft neben Beiträgen hervorragender Dichter der Gegenwart eine höchst interessante litterar-historische Reliquie, neue köstliche, bisher nngedrnckte Jngendgedichte von I. V. Scheffel sowie eine Neihe voll Liedern, die 1831. also zu Heilles Lebzeiten, unter Heines Namen erschienen sind, über welche aber die Heine-Forscher nicht einig sind, ob sie von Heine selbst herrühren. An Novellen enthält das Heft eine Psychologisch fesselnde kürzere Arbeit von Karl Emil Franzos und eine größere Erzählung von Karl Astetl. Die dramatische Dichtung vertritt diesmal Adalbert Meinhardt mit seinem Lustspiel „Die Vertraute". Lyrische und epische Dichtungen haben Ludwig Fulda, Karl Emil Franzos, Karl Bleibtren u. A. beigefteuert. Literarische Notizen n. s. tv. schließen das Hest der bewährten Zeitschrift. die bei relativ bescheidenem Preise, (vierteljährlich 4 Mark für sechs starke Hefte) stets Vieles und Gutes zu bieten bemüht ist, und die wir unseren Lesern, schon um der Beiträge des Herausgebers selbst willen, aus das Wärmste empfehlen können. — Wissen und Lernen. Wer möchte in einer Zeit, wo die meisten Wissenschaften auch einen bedeutenden praktischen Werth gewonnen haben, und wo die modernen Kulturvölker dem Wahlspruche „Handel und Verkehr mit Wissen im Bunde erobern die Welt" huldigen, nicht gern sein Wissen bereichern! Am Wunsche, seine Kenntnisse zu vermehren, fehlt es sicher keinem strebsamen Menschen, am wenigstell unseren Glaubensgenossen, aber den meisten fehlt es vielfach an wirksamer Lerngelegenheit und praktischen Lehrmitteln. Die böse Klippe, daß viele Menschen trotz ihres Wissenstriebes in den gewünschten Fächern nicht recht vorwärts kommen, liegt daher entweder am mangelnden Lernen oder, was oft noch bedauerlicher ist. all einer unpraktischen Art desselben. Die Mühe und Arbeit, Zeit und Geld, die aus das Lernen verwandt werden, führen dann zu keinem rechten Erfolge. Am meisten kommen diese Mißerfolge wohl auf dem Gebiete der Erlernung fremder Sprachen vor. zumal bei jungen Kanfleuten. Technikern, Ingenieuren, Beamten u. s. w., die genöthigt sind, Versäumtes nachzuholen. oder die in ihrem Berufe mit dem Auslande in Verkehr treten und nun Plötzlich eine fremde Sprache lernen müssen. Da ist es ein Segen, daß die moderne Sprachwissenschaft und Lehrkunst Methoden gefunden hat. mit deren Hilfe man die Elemente einer fremden Sprache in wenigen Monaten erlernen kann. Den ersten Nang nimmt in dieser Hillsicht immer noch die weltbekannte Lehrmethode „Dr. Rosenthals Meistersch aftssystem" ein, mit dessen Hilfe jeder fleißige und normal Beanlagte eine fremde Sprache: Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch. Portugiesisch, Holländisch, Dänisch, Schwedisch, Polnisch, Russisch, Böhmisch sowie auch Deutsch in drei Monaten richtig sprechen, schreiben und lesen lernen kann. Probebriefe zum Selbstunterricht in allen 12 Sprachen n 50 Pfennige versendet die Rosenthals che Verla gsh au dlun g in Leipzig. Sprechsaat. Sehr geehrter Herr Redakteur! (^^or mehreren Wochen las ich in der litlerarischen Beilage einer hiesigen großen Tageszeitung einen Allszug aus der bekannten Rede des Herrn Professors Harnack. Die darin enthaltenen Sätze, das Judenthum betreffend, regten mich zu einer Widerlegung an. Mein Vorhaben konnte ich jedoch nicht aussühren, da ich trotz aller Mühe, die ich mir gab, zu der Einsicht kam, daß dies Unternehmen einer berufenen Persönlichkeit, die eine gewandtere Feder führt, überlassen werden muß. Ich hoffte, nun in eitler jüdischen Zeitung eine gründliche Widerlegung der Behauptungen des Herrn Professors zu finden. Vis jetzt habe ich über dieses Thema nichts gelesen gehabt Um so mehr freute ich mich, in Ihrem geschätzten Blatte henke eine Abhandlung über dieses Thema zu finden. In den trefflichen Ausführungen vermisse ich nur das Volksthüm° liehe, die Art der Beweisführung, die auch für den Nichtgelehrten unbedingt überzeugend sein muß. So könnte zum Beispiel dargethan werden, daß nicht nur „Er predigte gewaltig. . sondern, daß es im Iudenthnm zu keiner Zeit an Männern sehlte. die durch die Würde ihrer Persönlichkeit und die Erhabenheit ihres Charakters und Wesens dem Volke voranleuchteten, zu denen das Volk mit Liebe und Verehrung emporbliekte. Nicht nur! die ersten großen Lehrer und Propheten, sondern auch die späteren Talmndweisen. die vielgeschmähten Pharisäer, waren es. die einen heil-! und segenvollen Einfluß ausübten. Sind es etwa Zwangsmaßregeln oder Gewalt gewesen, wodurch das Volk bestimmt wurde, die Lehren der Rabbiner zu befolgen? Durch das heilige, vertrauenerweckende, schlichte und ehrliche Wesen der großen Lehrer, durch ihr erhabenes Vorbild übten sie diesen mächtigen Einfluß aus. daß das Volk ihre Worte und Lehren als heilige Offenbarungen aufnahm und befolgte. Also nur „die Kraft der Persönlichkeit, die hinter den Worten stand- Ferner: „Die reine Quelle des Heiligen war Längst erschlossen" giebt der Herr Professor zu. „aber Sand und Schutt waren über sie gehäuft worden, und ihr Wasser war verunreinigt worden" . . . Mit den tausend Dingen, die als Schutt bezeichnet werden, „die Christus beseitigt hat", sind natürlich die vielen Praktischen Gesetze gemeint, die zwar nicht immer das verlockende Schild „Liebe" zur Schau tragen, aber umsomehr dazu geeignet sind, aus den Menschen erzieherisch zu wirken. Ist denn eine Religion nur dazu da, um einzelnen höherstehenden Gelehrten und Philosophen durch schöne Worte und Thorien Befriedigung zu gewähren? Vielmehr ist es Sache einer Religion, und ganz besonders der jüdischen, die breiten Massen durch Erziehung, durch