Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1901)
- Date
- 1901-12-13
- Page
- Seite 598 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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5B8 Trotz Uschers sorgsarner Pflege aber dauerte Mellas Krankheit eine ganze Woche, und seine Rekonvaleszenz nahm ebensoviel Zeit in Anspruch. Am ersten Tage, als er wieder ausgehen konnte, erfuhr er eine große Ueberraschung irr Gestalt eines Briefes von seinem Bruder, dem Chasan und Schochet von Skulm — seit jenem Briefe, der Mella die Anregung gegeben hatte, ein Weltverbesserer zu werden, hatte er nichts von seinem gelehrten Bruder gehört. „An meinen theuren, geliebten Bruder, dessen Anblick mir Gott als Balsam für mein Herz gewahren möge," las Mella mit lauter Stimme, damit auch Uscher, der ihn neugierig angesehen hatte, des Genusses theilhaftig würde. „Wenn sich auch meine Haud erst nach langer Zeit wieder ausstreckt, um Dir Nachricht von mir zu geben, so Hab' ich im Herzen doch nie Deiner vergessen. Ich habe Dir Folgendes zu berichten. In Bezug auf meine Kinder habe ich keinen weiteren Zuwachs zu melden. Die beiden Aeltesten sind glücklich verheiratet, und die Anderen wachsen heran wie Cederu auf dem Berge Libanon und erfreuen meine Augen durch ihre Schönheit. Auch was mein Einkommen betrifft, Hab' ich — gelobt sei der Name des Ewigen — nur Gutes zu sagen, und zwar hat es sich aus demselben Umstande gebessert, dem vor einigen Jahren die bedeutende Verminderung zuzuschreiben war. Aber das Ganze ist so wunderbar, daß ich es Dir ausführlich erzählen muß. Du erinnerst Dich vielleicht noch, daß ich Dir in meinem letzten Schreiben von einem gewissen Peretz Wedel Mittheilung machte, dem Pächter der Krupka, der sein Weib verlassen hat. Was die Frau betrifft, so ist sie tugendhaft und gottessürchtig, eine Perle unter den Frauen Israels. Während der ganzen Abwesenheit ihres Mannes kam nie ein Wort der Klage oder des Vorwnrfs über ihre Lippen, sondern sie brachte die Zeit damit zu, daß sie fastete und zu Gott betete, er möge den Sinn ihres Mannes ändern; auch lehrte sie die Kinder nicht, den Namen ihres Vaters verfluchen, was unter den Umständen doch sehr wohl hätte geschehen können. Wer wird null noch sagen, daß der Herr des Weltalls die Stimme seiner Gerechten nicht erhört? Höre, was für ein Wunder ihr geschah. Vor einer Woche, oder vielleicht ist es etwas länger her, saß ich im Schlachthaus und wetzte meine Messer wie sonst, wenn ich nichts anderes zu Lhuu habe. Plötzlich höre ich aus dem Zimmer, in dem die Frau mit ihren Kindern wohnt — sie hat jetzt nur das eine Zimmer, während sie früher das ganze Haus bewohnte — plötzlich höre ich, wie gesagt, einer! solchen Schrei, daß meine Hand zurückfuhr und das Messer solchen Schaden nahm, daß ich eine volle Stunde brauchte, um es wieder herzustellen. Auf den Schrei höre ich die Stimme eines Mannes, und das Herz erzitterte in mir, denn ich er- * kannte sie als die Stimme des durchgegangenen Ehemannes Peretz Wedel. Und er sagte: „Channe, ich war im Begriff, eine große Sünde zu begehen, für die mich Gott noch irn Jenseits verflucht hätte, aber der Ewige hatte Erbarmen mit mir und schickte mir in einer guten Stunde ein Zeichen vom Himmel. Und so bin ich zu Dir zurückgekommen, und wenn die Grausamkeit, mit der ich Dich und meine kleinen Kinder behandelt habe, Dein Herz gegen mich nicht vergiftet hat, so nimm mich wieder ans und las; das Geschehene vergessen sein." Und dann hörte ich heftiges Schluchzen und ein Geräusch, das verursacht wird, wenn zwei Menschen sich küssen. Das ist aber noch nicht alles. Ich habe aus gewissen Anzeichen gesehen, daß Peretz in Borstchik gelebt hat, in derselben Stadt, in der auch Du lebst, geliebt und geachtet von Allen, die Dich kennen, wie Du selbst sagst — Gott sei Dank dafür. „Vielleicht ist Dir der Name Peretz Wedel nicht erinnerlich? Er hat einen starken Leib und eine Warze auf der Stirn; die ist zwar nicht so groß wie das Horn, das Gott auf der Stirn der Königin Vaschti hervortreten ließ, als sie vor den König Ahasverus befohlen wurde, aber doch immerhin groß genug. Und über dem linken Auge fehlt ihm die Braue, denn die wurde versengt, als er noch ein Kind war-" Mella hielt plötzlich inue und sah Uscher an, der seinen Blick ruhig erwiderte. „Merkst Du nichts, Uscher?" rief Mella aufgeregt aus. „Was denn?" „Wen er meint — die fehlende Augenbraue, die Warze auf der Stirn — siehst Du noch immer nicht, wer es ist?" „So sag' um Gotteswillen doch, wer ist es?" rief Uscher, von der Aufregung Mellas angesteckt. „Niemand anders als Rummle Klinker; hat er nicht eine Warze auf-?" „Schilt mich nur tüchtig wegen meiner Dummheit," keuchte Uscher, die Hände in die Luft werfend, „ich Hab' einen Kürbis auf meinen Schultern statt eines Kopfes — natürlich ist er's — und-" „Und das Zeichen vorn Himmel, von dem er zu seinem Weibe sprach, das ist unser Stück, in dem wir genau seine Worte Wiedergaben, wie mein Bruder sie mir berichtete," schrie Mella. Die Beiden sahen sich verblüfft an. Endlich rief Mella triumphirend aus: „Ach!" Ich hab's gewußt - die Moral, die schöne Moral. Haben wir nicht mehr gethan, als zehn Maggidim ausgerichtet hätten, wenn sie zehn Tage lang mit zehn Ellen langen Zungen gepredigt Hütten?" „Jawohl, und wir haben auch so viel Geld dafür erhalten," sagte Uscher höhnisch. „Bist Du nicht ein Esel, Mella? Die Einzige, die etwas davon gehabt hat, ist Rummeles Weib - geh und verlange eine Bezahlung von ihr." „Mir genügt es, daß die Vorsehung mich zu ihrem Werkzeug erkoren hat," sagte Mella fromm. „Das Werkzeug derVorsehung!" wiederholte Uscher wüthend. „Sag' lieber, daß Du der Vorsehung ins Handwerk gepfuscht hast, denn sie hat Dich zu nichts Anderen! als zu einem Pojatz bestimmt, ganz gewiß aber nicht zu einen! Weltverbesserer. Und darum bist Du auch bestraft worden, denn wenn Du bei Deinem Geschäft geblieben wärst, was wäre geschehen? Erstens hätte das Fest im Hause Benjamins keine Störung erfahren, wir Hütten Rummle nicht erschreckt und fortgetrieben, und er hätte uns reichlich belohnt, nicht nur bei der Verlobung, sondern auch später bei der Hochzeit, die sehr bald hätte stattfiuden sollen. Ferner wärest Du auf anständige Art, gehörig gegen die Nachtluft geschützt, aus dem Hause des Bäckers fortgegangen und hättest Dich nicht erkältet, und das Geld, das wir während des Chanukafestes verdient hätten, wäre nicht verloren gewesen. Und so?" - er focht heftig mit den Annen in der Luft herum, um den Widerspruch, den er in