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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-13 · Heft 50 (13.12.1901) · p. Seite 597

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 50 (13.12.1901)
Date
1901-12-13
Page
Seite 597 (sequence 11)
Language
German
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so frohlocke nicht dein Herz, ans da'; es Gott nicht sehe und es in seinen Augen mißfällig sei." (Sprüche 24, 17.) „Wenn du siehst, daß der Esel deines Feindes unter seiner Last zusammengrbrochen ist, dann sollst du nicht teilnahmslos daneben stehen, sondern Beistand, Beistand sollst du ihm leisten." (2. Mose 23, 5.) „Hungert dein Feind, so speise ihn, dürstet ihn, so gieb ihm zu trinken, und Gott wird es dir vergelten." (Sprüche 25, 21.) So fordert denn die heilige Schrift Fremdenliebe und Feindesliebe, und damit ist die uneingeschränkte, universelle Geltung des Gebotes der Nächstenliebe über alle Zweifel erhaben. Die wissenschaftliche Forschung der Liberalen protestantischen Theologie hat das eben besprochene Vorurtheil längst aufgegeben, und nur der Umstand, daß es in Laienkreisen noch immer fortwnchert, macht es Dellen, die uns übelwollen, möglich, uns Haß gegen das übrige Menschengeschlecht anzudichten. Möge die Zeit nicht mehr fern sein, wo die Wahrheit triumphirt und die jüdische Sittenlehre in ihrer Reinheit und Lauterkeit erkannt wird. Komödiant und Weltverbesserer. Von Snmuel Gordo». HI. ^VV^scher konnte nicht fortfahren! ein Freuden geheut verhinderte ihn daran. Zitternd vor Zorn, ließ er seine Augen über die Zuhörer schweifen, die sich in eine schreiende, stoßende, sich vor Lachen die Seiten haltende Menge verwandelt hatten. Aber als sein Blick aus Rummle fiel, da kam ein gewaltiger Schreck über ihn, denn das Gesicht des Bräutigams war leichenfahl, und die Augen traten ihm ans den Höhlen hervor. „Der Bräutigam — seht hin!" schrie Uscher so laut er konnte und wies mit dem Finger auf Rummle hin. In einem Augenblick war jedes Angenpaar ans den Viehhändler gerichtet. „Es ist nichts," sagte Dieser, indem er die Umstehende», die ihm zu Hilfe geeilt waren, abwehrte, „die Hitze hat mich überwältigt. Wie Ihr seht, kann ich wieder fest aus den Füßen stehen, doch bitte ich für heute um Entschuldigung. Ich will nach Hause; Ruhe wird die beste Medizin für mich sein. Ich bitte, das Fest deswegen ja nicht zu unterbrechen." Eine große Verwirrung folgte seinen Worten; er benutzte sie und entfernte sich. Die Gäste begannen ebenfalls Abschied zu nehmen! wer hatte je von einem Verlobungsfeste gehört, bei dem der Bräutigam fehlte? Als die jungen Leute, die Rummle gefolgt waren, znrückkehrten und berichteten, er hätte sich eingefchlofsen und wollte Niemanden einlassen, da gab es viel Kopfschütteln und Flüstern! es machte nicht den Eindruck, als ruhte der Segen des Himmels aus dem Bunde. Raphael hatte sich mit den Ellbogen einen Weg zu Blume zu bahnen gewußt, und wenn die Beiden sich für einen Augenblick die Hänbe reichten und einander tief in Angen blickten, so war das nichts Unrechtes. War nicht Rummle fortgegangen, ohne Blume den Verlobungsring an den Finger zu stecken? Mella und Uscher schlichen betrübt heim, wie Wölje, denen man das Fell verbrüht hatte. Man hatte sie ohne viele Umstände hinausgeschoben, und es war natürlich nicht daran zu denken gewesen, die übliche Sammlung vorzunehmen. „Der neidische Satan hat diese Verwirrung bewerkstelligt," sagte Mella, „er sürchtete, daß die Moral in nnserm Stücke die Herzen der Menschen dem Bösen abspenstig machen würde; er wußte, wie listig wir es angestellt hatten — und das Beste sollte erst kommen. Ach, die Moral, die schöne Moral!" „Mach' Dir Deine Moral in Essig »nd Zwiebeln ein." brummte Uscher, der das Ereigniß weniger philosophisch nahm, „denn bei der Bezahlung wird es wohl alles sein, was Du zum Frühstück, z»ii> Mittag und zum Abendessen bekommen wirst." „Verliere nur nicht den Muth," beruhigte ihn Mella, „bedenke, daß dies der erste Chanukaabend ist, wir werden uns schon an den folgenden Abenden entschädigen." Das war auch Mellas ehrliche Absicht gewesen, doch kam ihm etwas Unvorhergesehenes dazwischen. Am folgenden Morgen machte er nämlich die Wahrnehmung, das; er sich, als er aus dein heißen Zimmer in die kalte Nachtlust hinansgegangen war, eine heftige Erkältung zugezogen hatte, die ihm den Gebrauch seiner Stimme benahm. Natürlich war eine Wiederholung der Vorstellung für den Moment ausgeschlossen. Uscher Pflegte ihn mit betrübter Miene, aber ohne Murren über ihr Pech. Zu Mittag ging er fort, um etwas Proviant zu holen, und als er wiederkam, verrieth sein Gesicht, daß er eine seltsame Nachricht bringe. „Denke Dir, Mella, Rummle Klinker ist fort!" „Was ist da weiter? Er wird wiederkoinmen," krächzte Mella mit heiserer Stimme. „Das wird er nicht, denn er hat alles verkauft. Heute zeitig früh war er bei Leib Klapka, der mir die Geschichte selbst erzählt hat, und bevor noch die Leute von dem Frühgottesdienst zurück waren, war das Geschäft fertig. Leib hat ihm das Hans und die ganze Einrichtung abgekauft — wie er selbst sagt, durchaus nicht zu seinem eigenen Schaden - und Rummle ist sofort abgereist, wohin, das weiß Keiner." „Was man nicht alles hört!" sagte Mella und schüttelte den Kopf, so gut es sein steifer Hals gestattete, „jetzt wird vielleicht doch noch der Raphael die Blume kriegen." „Meine Sorge," kommentirte Uscher, doch wollte er damit sagen, daß das nicht seine Sorge war, sondern daß ihn ganz andere Dinge beschäftigten. Den ganzen Tag über Pflegte er seine»; Kameraden, machte ihm Umschläge und wartete ihn, »vie eine Mutter ihr krankes Kind. Gegen Abend wurde Mella unruhig. „Hast Du Schmerzen?" fragte Uscher. „Nein, aber ich glaube, Du solltest jetzt gehen und trachten, ein paar Kopeken zu verdienen. Ich spreche nicht aus Egoismus, den»; ich bin krank, und »nein Appetit ist nicht groß, aber Du hast einen gesunden Magen, Dir wird der Hunger wehthun." „Was? Ich soll svrtgehe»! und Dich in Deiner Krankheit allein lassen?" rief Uscher entrüstet aus, „wenn ich Hunger leide, so ist es um so nöthiger, daß Du schnell gesund wirst, damit »vir beide wieder an unser Geschäft gehen können." Mella bestand nicht auf seinen» Willen, und als Uscher ihm die heiße Grütze brachte, da ergriff er seine Hand, die er fest drückte, und sah ihn mit einem thränenfeuchten Blute an.

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