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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-13 · Heft 50 (13.12.1901) · p. Seite 595

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 50 (13.12.1901)
Date
1901-12-13
Page
Seite 595 (sequence 9)
Language
German
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595 Redner keine hohe Meinung, da er die Ansicht ansspricht, in 30 Jahren (!) werde sich kein Rabbiner mehr gegen die Einführung einer Orgel erklären. Die Orgelfrage lasse sich nicht ausschließlich vom religiösen Standpunkt ans entscheiden, hierbei seien auch Opportunitätsrücksichten mit in Erwägung zu ziehen. Es fänden sich Beispiele, wo man selbst biblische Gesetze aufgehoben habe, wenn cs galt, für Gott und Göttliches zu wirken. Die endgiltige Entscheidung über die Einführung einer Orgel habe die Gemeindeverwaltung, nicht die Rabbiner. Daher will Redner in dieser Frage sich der Entscheidung selbst enthalten. Möge die Verwaltung Prüfen und das Nichtige treffen. Daß er religiöse Bedenken nicht als vorliegender achten könne, müsse er zum Schluß nochmals betonen. Nunmehr richtete Herr D. Wolfsohn (kvns.) an Herrn Rabbiner Dr. Frank folgende Frage: „Werden Sie, Herr Rabbiner, in einer Synagoge, in welcher der Orgelgottesdienst eingesührt ist, amtiren?" Herr Rabbiner Dr. Frank: „Aus diese Frage verweigere ich, weil sie nicht hierher gehörig, die Antwort." Darauf nahm Herr Wolfsohn das Wort zu einer Rede, die ein umfassendes Studium des gesummten Materials erkennen ließ. Redner hob hervor, daß hier zwei rabbinische Gutachten einander gegenüberstände», so daß sich Jeder das ihm zusagende Gutachten wählen könne. Es sei indessen noch nie dagewesen, daß ein orthodoxer Rabbiner sich für die Einführung der Orgel ausgesprochen oder deren Einführung überhaupt vom Religionsstandpnnkte aus als statthaft erklärt habe. In dem Augenblicke, wo dies geschehe, höre ein Rabbiner aus, orthodox zu sein, beziehungsweise für orthodox zu gelten. Die Orgel als solche sei gewiß kein christliches Instrument, aber durch deren Verwendung in den christlichen Kirchen, sei sie zu einer christlich-kirchlichen Einrichtung geworden. Für ihre Ueberzeugung hätten die konservativen und orthodoxen Juden seit Jahrtausenden die größten Opfer gebracht, Gut und Blut hergegeben, eigene Gemeinden gegründet, herrliche Gotteshäuser unter großen Aufwendungen an Geldbeiträgen errichtet; wo aber wäre es je vorgekommeu, daß die liberalen Juden auf ihre eigenen Kosten Orgelsynagogen erbaut, für die Verwirklichung dieser ihrer Lieblingsidee, die für sie allerdings keine Gewissenssache sei, irgend welche Opfer gebracht hätten. (Diese Behauptung entspricht nicht den Thatsachen. D. Red.) Während in den großen und kleineren Städten die großen Orgelsynagogeu meist leer bleiben, sind die Synagogen der konservativen Juden mit ihrem traditionelleil Gottesdienste überfüllt. Redner warnt in diesen ernsten Zeiten ganz besonders vor der durch den Streit um die Orgel drohenden Zersplitterung unserer besten Kräfte. Einigkeit im Judenthnm sei gerade jetzt nöthiger wie je zuvor, wo so viel Feindschaft, so viel Haß uns ningiebt, und wo wir so große Aufgaben auf den Gebieten der öffentlichen Wohlfahrt, des Ausbaues unserer gemeinnützigen Einrichtungen und Anstalten zu erfülle» haben. Er weist noch besonders darauf hin, daß nach dem Ergebnis; der letzteil Wahlen das Stinunenverhältniß der jüdischen Wähler gegen oder für die Orgel in zwei fast gleiche Hälften getheilt sei, mithin zwei nahezu gleich starke Parteien hier in Betracht kommen. Es könne daher die orgelsrenndliche Partei keineswegs mit Recht gerade die große neue Synagoge für sich in Anspruch nehmen; wäre doch hier sicher die Befürchtung am Platze, daß, wie in den Orgelsynagogeu anderer Städte, auch die große Synagoge nach Eiusührnng der Orgel und der durch sie bewirkten Verdrängung der konservativen regelmäßigen Besucher verödet und verlassen bleiben werde. Redner schließt seine Rede mit einem Appell an die Versammlung, die der blühenden Kölner Gemeinde drohende unheilvolle Zersplitterung durch Ablehnung der Vorlage abzuwenden. Den Standpunkt der Mehrheit des Vorstandes vertrat Herr- Rechtsanwalt Dr. Callmann, der die im konservativen Sinne des Judenthums gehaltenen bisherigen Ausführungen als „Ghetto-Ansichten" bezeichnete, die keinen Anspruch auf Berücksichtigung erheben können. Für ihn ist der von Herrn Rabbiner Dr. Frank vertretene Standpunkt, nach welchem keine religionsgesetzlichen Bedenken vorliegen, maßgebend. Die Orgel soll seiner Auffassung nach das mangelnde Verständnis; der hebräischen Gebete vieler Besucher des Gottesdienstes ersetzen und diesen zur Erbauung und Erhebung verhelfen. Der Vorstand habe jetzt der Welt offen verkündet, auf welchem Standpunkte er stehe, möge die Repräsentantenversammlung das Gleiche thun. — Nachdem noch die Herren Dr. Apfel und Sally Bielefeld für die Orgel gesprochen, wandte sich Herr Rechtsanwalt Tr. Mannheim sehr energisch und eindringlich gegen die Orgel. Redner charakterisirt seine Stellungnahme trotz seiner sehr freien religiösen Anschauung, als den Ausfluß einer wahrhaft liberalen Gesinnung, indem er die ständigen konservativen Besucher der neuen Synagoge vor einem Gewissenszwang, der diesen überzeugungstreuen Bekennern des Judenthums an der Stätte ihrer Erbauung durch Einführung der Orgel droht, bewahren will! Die Orgelfreunde würden in ihrem Gewissen keineswegs bedrängt, wenn sie aus eine Annehmlichkeit, die ihnen die Orgel in der Synagoge vielleicht gewähre, verzichten müßten. Er mache die in dem Gutachten des Herrn Rabbiners Dr. Rosenthal vertretenen Grundsätze zu den seinigen und werde sich, gestützt auf diese, mit aller Macht der Einführung einer Orgel in die neue Synagoge widersetzen. Das Schlußwort hatte Herr Rosenberg für die Orgel, welchem sich persönliche Bemerkungen der Herren Rabbiner Dr. Nosenthal und Frank, der Vorsitzenden, der Herren S. Wolfsohn und Rechtsanwalt Dr. Callman» anschlossen. — In namentlicher Abstimmung wurde hierauf die Vorlage abgelehnt; an der erforderlichen Zweidrittelmehrheit fehlten zwei Stimmen. Die Entscheidung werden nunmehr erst die nächsten Wahlen bringen. — Zum stellvertretenden Vorsitzenden wurde in dieser denkwürdigen Nersammlung Herr Simon Frank gewählt. Die Sittenlehre des Judenthums. Bon Dr. M. Joseph. V. icht gern haben wir uns der Aufgabe unterzogen, die jüdische Religion gegen falsche Auffassungen zu vertheidigen. Schon allein dies, daß wir uns überhaupt vertheidigen sollen, empfinden wir als eine Beleidigung, die unserer Glaubensgemeinschaft angethan wird. Leider aber unterliege!; wir hier einem Zwange, den ivir nicht abwehren können. Schon um unser selbst willen müssen wir wahrheitswidrigen Darstellungen der jüdischen Sittenlehre entgegentreten, weil diese bedauerlicherweise oft genug von außen in unsere eigenen Kreise getragen werden und zu unserer Beschämung zuweilen gläubige Gemüther finden oder doch zu allerlei Zweifel

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