Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1901)
- Date
- 1901-12-13
- Page
- Seite 594 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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5S4 dem liberalen Gedanken ein gesunder Kern steckt, sondern,! daß in den liberalen Männern, die mit ihnen arbeiten, Ver- § stand und Energie, Opferinnth und Fleiß, Geist und Charakter sich einigen. Vielleicht denkt gar Mancher: wenn die Liberalen allein im Stande waren, einen orthodoxen Rabbiner nach Berlin zu bringen, so müssen auch die Anhänger des Letzteren den Sonntagsleuten entgegenkommen. Mancher schenkt lieber etwas, als daß er es sich ertrotzen läßt. Eine neue Aera beginnt, sie dauert zunächst drei Jahre; seid ans der Hut ihr Wächter Israels, und noch mehr ihr Hüter des freien Gedankens! Ein Liberaler. »AM Brief aus Köln. Von Hermann Moses. Köln, im Dezember. ohl selten mag man in unserer alten Kolonia einer Sitzung der Repräsentantenversammlung mit größerer Spannung entgegengesehen haben, als der am 28. November d. I. stattgefundenen; stand doch nichts Geringeres auf der Tagesordnung als der vom Vorstande eingebrachte Antrag „Einführung einer Orgel in der neuen Synagoge, Roonstraße". Sie sehen, wir sind mit den Reformen des Gottesdienstes hier in der „Provinz" gegen die Reichshauptstadt noch etwas zurück; während dort schon der Kampf um die Einführung des Sonntagsgottesdienstes entbrannt ist, wobei man selbstverständlich den alten Sabbathgottesdienst noch beibehalten will, begnügen sich die Kölner Reformer noch ganz bescheiden mit der Orgel. - Da nun nach dem Statut unserer Synagogengemeinde 88) „Aendernngen, welche den beim Gottesdienste zu beobachtenden Ritus betreffen", im Repräsentantenkollegium einer Mehrheit von zwei Dritteln und im Vorstande, der aus sieben Mitgliedern besteht, einer solchen von mindestens vier Stimmen bedürfen, durste nach der jetzigen Zusammensetzung des Repräsentantenkollegiums angenommen werden, daß die leidige Orgelfrage bis zur nächsten, in zwei Jahren stattsindenden Wahl ruhen werde. Indessen sollte diese Annahme sich als nicht zutreffend erweisen. Das erst ün laufenden Jahre neu in den Vorstand gewählte Mitglied, Herr Rechtsanwalt Dr. Eallmanu, stellte im Vorstandskollegimn den Antrag auf Einführung der Orgel und zwang dieses dadurch, zu der Frage Stellung zu nehmen. Das geschah denn auch, indem zwei Vorstandsmitglieder, die noch dem früheren alten Vorstande angehörten und bis dahin gegen die Einführung der Orgel waren, sich zur Orgel bekehrten. Es sind dies die Herren Jac. de Jonge, Vorsitzender des Vorstandes, und Dr. Apfel. Unter Herrn de Jonges Amtsführung als Vorsitzender des Vorstandes würdigte letzterer die vor einigen Jahren an den Vorstand gerichtete Petition von Orgelfreunden auf Einführung des musikalischen Gottesdienstes nicht einmal einer Antwort! 'Hilij-oi'n nuUnulm'! — Nachdem nun der Antrag im Vorstande die erforderlicher: vier Stimmen erhalten hatte, gelangte er an das Repräsentantenkollegium, und dieses hatte am 28. November darüber zu berathen. - Die Repräsentanten waren bis auf zwei durch Krankheit verhinderte Herren vollzählig zur Stelle, ebenso die Mitglieder des Vorstandes. Als Gutachter waren die beiden Rabbiner der Gemeinde, die Herren Dr. Frank und Dr. Rosenthal, eingeladen und erschienen. Auch das Publikum aus beiden Heerlagern füllte den Zuhörerraum bis auf das letzte Plätzchen. — Und jetzt beginnt unter lautloser Stille die Sitzung, die der Vorsitzende, Herr Fritz Rothschild, mit Worten freundlicher Begrüßung an die neugewählten Vorstandsmitglieder eröffnete. „Das Wort hat Herr Rabbiner Dr. Rosenthal", verkündet der Vorsitzende, und Aller Augen richten sich auf den seit vier Jahren in unserer Gemeinde wirkenden Rabbiner. Sichtlich tief bewegt und durchdrungen von dem ganzen Ernste des Augenblicks, der über Krieg und Frieder: in einer blühenden Gemeinde entscheiden sollte, verliest der Rabbiner sein Gutachten, welches, in der Hauptsache von lediglich religionsgesetzlichen Vorschriften und Erwägungen ausgehend, und viele anderen, gegen die Einführung der Orgel sprechenden Gründe unberücksichtigt lassend, zu den: Schlüsse kommt: „Die Einführung der Orgel in ein jüdisches Gotteshaus ist durch die Lehren, Gesetze und Vorschriften der jüdischen Religion strengstens verboten, durchaus unstatthaft." i? Die Red.) Dies sucht er aus religionsgesetzlichen Vorschriften, ans welchen auch die Handhabung der Heilighaltung des Sabbaths, der Schechita, der Eheschließungen und Ehetrennungen, der Bestattung der Todten u. s. w. beruhen, nachzuweisen. Insbesondere thut er dies in der Beantwortung dreier Fragen, die er sich gestellt: 1. Ist die Einführung der Orgel in der Synagoge nach den Gesetzen und Vorschriften der jüdischen Religion erlaubt? 2. Ist die Orgel zur Weihe oder weihevolleren Gestaltung des jüdischen Gottesdienstes erforderlich? 3. Ist die Einführung der Orgel, namentlich mit Rücksicht auf die Kölner Verhältnisse, zweckdienlich? Die erste Frage beantwortet der Rabbiner ans Grund der jüdischen Gesetze und Lehren mit „Nein", die zweite Frage mit Rücksicht auf die gerade dem altehrwürdigen, traditionellen jüdischen Gottesdienste innewohnende Weihe mit „Nein" und die dritte Frage ebenfalls mit „Nein", weil die Einführung der Orgel in der neuen Kölner Synagoge zu einer unüberbrückbaren Spaltung der bisher einigen, blühenden Gemeinde führen müßte. Hieran anschließend giebt der Rabbiner zum Schluß die feierliche Erklärung ab: „Ich werde in einer Orgelsynagoge nicht amtiren, auch daun nicht, wenn die Orgel schweigt." Hierauf erstattete unser Rabbiner Dr. Frank sein Gutachten, welches auch er zur Verlesung bringt. In: Gegensatz zu seinem Amtsbruder kann Herr Rabbiner Dr. Frank in unseren religionsgesetzlichen Schriften und Lehren nichts finden, was gegen die Einführung der Orgel in der Synagoge ins Feld geführt werden könnte, trotz eifrigsten Studiums. Er sei stets in: Sinne des Judenthums thätig gewesen und habe während seiner Amtsführung nie den Antrag gestellt, irgend etwas vor: unseren traditionellen Kultuseinrichtnngen abzuschaffen. Dieselbe Frage habe l862 die Berliner Gemeinde beschäftigt. Der damalige Synagogenvorstand habe die Gutachten der beiden Berliner Rabbiner Dr. Sachs und Rosenstein eingeholt, die sich gegen die Einführung der Orgel aussprachen, während fünf auswärtige als Gutachter vernommene Rabbiner dafür waren. — Durch die immer mehr abnehmende Kenntnis; des Hebräischen habe unser Gottesdienst viel an Andacht und Innigkeit verloren, die Orgel könne hierfür Ersatz schaffen. Vielleicht ziehe sie auch Elemente heran, die bisher den: Gottesdienste fern blieben, ja, dem Judenthum gar verloren ginger:. Von der Weiterentwickelung der konservativen Richtung hat