Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1901)
- Date
- 1901-12-13
- Page
- Seite 593 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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5S3 wahres Wort. Keine streitende Porter kann und darf den Frieden wollen. Sie würde sich damit zur Unthätigkeit verdammen. Frieden bedeutet Nachgiebigkeit, Unmännlichkeit, der Liberale dagegen will den Fortschritt und koste er den bittersten Kampf Die liberale Partei in dem Wahn, die Forderung des Sonntags enthalte in sich allein Fortschritt genug, verzichtete auf die laute und rücksichtslose Betonung, daß nur sie allein in sich die Gewähr für einen Fortbestand, der gleichbedeutend mit einer wirklichen Entwickelung des Judenthums ist, biete, vergaß oder scheute sich, eindringlich daraus hinzuweisen, daß die Rückschrittspartei jede wirkliche Kultur verhindere, da Rückwärtsbewegen auch in religiösen Dingen der Anfang vom Ende ist. Kann die träge und indolente Masse der besitzenden und gebildeten Juden überhaupt gefaßt werden, was ich bezweifele, so ist es weder mit dem Sonntagsgottesdienst, den sie doch nicht besuchen würde, wenn sie auch eine Petition unterschreiben, noch mit Betheuerung der Friedensliebe, an der ihnen herzlich wenig gelegen ist, sondern mit der Belehrung, daß höchste Errungenschaften der Kultur durch den Sieg der Orthodoxen gefährdet sind, daß der Heranwachsenden Jugend ein Berständniß des Gottesdienstes, eine Theilnahme an dem Religionsunterricht eine Qual, nicht zur Befriedigung und Erhebung würde, wenn die auf Abschaffung alles Deutschen im Gottesdienst, auf massenhafte Vermehrung des Lehrstoffes gerichteten Bestrebungen der Rechten den Sieg davontragen, daß jeder freie Gedanke unterdrückt, daß die abgelegten Formen wieder zum Sieg geführt, daß die Freiheit, ans deren Besitz wir so stolz waren, vernichtet werden soll. Wer die Debatten und Anträge der Repräsentantenversammlung während der letzten Zeit verfolgt hat, der weiß, wie diese Herren sich nicht scheuen, im Krankenhause einen Prozentsatz für die Aufnahme christlicher Patienten vorzuschlagen, wie sie schnüffeln, ob die Schwerkranken nicht etwa gar durch Liebigs Fleischextrakt gesund geworden sind, oder ob die Kinder in den Waisenhäusern nicht etwa durch den Genuß eines mit Fleisch belegten Butterbrotes ihr ewiges Seelenheil gefährden. Wer die Liberalen erwecken wollte, der mußte diese Rückschrittler mit und ohne Schinkenstulle entlarven und nicht von faulem Frieden reden, den man mit solchen Gegnern nicht halten dars. Liegt schon in allen bisher hervorgehobenen Momenten Grund genug, um eine Niederlage herbeizuftthren, so wurde er durch die Kandidatenliste erheblich verstärkt. Es sind gewiß aus ihr lauter wackere Männer verzeichnet — persönlich weiß ich außer den drei früheren Repräsentanten nur von zweien unter ihnen — aber die neu anfgestellten dürften zumeist über ihre Straße oder ihren engen Bekanntenkreis hinaus kaum irgend Jemandem vertraut sein. Ist das jüdische Berlin wirklich so arm an Männern von Ruf und Bedeutung? Wo ist denn die Universität, wo sind die Schriftstellerkreise, wo die Richter und Beamten, wo die hohe Finanz? Sollten sich wirklich keine weithin leuchtenden Namen, keine hervorragenden Männer darbieten, die den aufgestellten Fabrikanten, Rechtsanwälten und Aerzten gleichwerthig wären? Ein einziger Geheimer Medizinalrath und Universitätsprofessor hätte mehr gewirkt wie die vielen Rentiers, deren Integrität in keiner Weise angetastet werden soll. Aber mir wird von verschiedenen Seiten versichert, diese Kandidatenlisten würden im Geheimen, im engsten Kreise gemacht; vielleicht lernt das geheime Komitee aus dem Resultat, daß Berlin äV. und vielleicht auch Berlin 0. andere Anschauungen hegt als es selbst. Einer der schlimmsten Schäden für die liberale Partei Berlins ist ferner der, daß sie kein eigenes Organ besitzt. Die Zeitschrift, die diesen Gedanken Gastfreundschaft gewährt, steht gewiß auf dem Boden des Liberalismus, aber sie ist kein Berliner Blatt, sondern, wie ihr Name sagt, eine allgemeine Zeitung für das gesammte Judenthum. Für den Geschmack vieler answärtiger Leser berücksichtigt sie schon viel zu sehr die Berliner Verhältnisse; sie kann dies, ohne sich zu schädigen, nicht in höherem Grade thun. Sie darf aber ferner kein ausschließliches Parteiblatt sein, und sie trennte sich, so entschieden sie auch die liberalen Kandidaten befürwortete, in der ausschlaggebenden Frage, der des Sonntagsgottesdienstes, von der kämpfenden Partei. Nun gab diese liberale Partei von Zeit zu Zeit ein Blättchen heraus, das oft gewiß sehr gute Artikel enthält, und es ist ja nicht anzunehmen, daß alle Mitarbeiter dieses Blattes nach Jahren ans einem Saulus zum Paulus werde» und die ehemaligen Freunde in anderen Blättern bekämpfen werden. Aber die langen Artikel, die dieses Blättchen füllen, erfordern Zeit und Geduld znm Lesen, und gerade diese beiden Erfordernisse, die heutigen Tages überhaupt selten gefunden werden, sind bei jüdischen Lesern rarer als bei anderen. Lieber kurze, scharfe Ermunterungen, aber öfter, als Flugblätter, deren Herstellung viel Geld erfordert und keines einbringt, in einem unbestimmten Zeitraum. Wir besitzen eine große Anzahl Männer und Frauen in unserer Gemeinde, die Hunderttausende für Kranken- und Waisenhäuser, Siechen- und Altersversvrgungsanstalten geben: sollte es nicht unter den Reichen Israels ein Paar geben, die für solche litterarische Agitation die nöthigen, nicht übermäßigen Summen zur Verfügung zu stellen den Willen und die Mittel hatten? Die Schlacht ist geschlagen, die Niederlage ist zur Wahrheit geworden! Am 1. Januar 1902 ziehen zu den 8 Liberalen, die als Mitglieder bleiben, 3 orthodoxe Stellvertreter in die Repräsentantenversammlung ein, denen das Loos günstig war, und 10 orthodoxe Mitglieder, darunter 8 bewährte Kämpen. Dann stehen die Rechten zu den Linken 13 gegen 8, eine einzige Stimme fehlt ihnen an der ziveidrittel Mehrheit, durch welche sie im Stande sind, selbst die einschneidendsten Beschlüsse herbeizuführen. Es ist abzuwarten, wie sie von ihrer Gewalt Gebrauch machen werden. Allzu schüchtern waren sie nicht, da sie die knappe Majorität besaßen, die nur dadurch zur Minorität wurde, daß diese frommen (!) Herren gar oft unter denen gesehen wurden, die da fehlten. Mit der Macht pflegt die Bescheidenheit nicht zu wachsen. Radikale Politiker wünschen manchmal das volle Erstarken des Konservatismus, weil eine vollständige Aenderung und Besserung nur dann eintreten kann, wenn alles „verunjeniert" werde. Es wäre ein grober Fehler, wenn unsere Liberalen so dächten. Denn die große Masse der Freisinnigen, aber Indolenten läßt sich durch die Energie der Gegner eher abschrecken als anstecken, sie wähnen dann, es sei ja doch nichts zu machen und lassen die Dinge gehen, wie sie eben gehen wollen. Vielleicht aber mißbrauchen die jetzigen Herren ihren Sieg nicht, vielleicht haben sie einsehen gelernt, daß nicht nur in