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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-13 · Heft 50 (13.12.1901) · p. Seite 592

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 50 (13.12.1901)
Date
1901-12-13
Page
Seite 592 (sequence 6)
Language
German
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592 dem also ist. der Mensch ein freies, vernünftiges Wesen ist, sv gebt ihm die Möglichkeit, sich frei den Glauben zu wählen nnd ihn zu bekennen! Verfolgt ihn nicht, wenn er sich vollständig von dem äußeren Bekennen des Glaubens lossagl oder ihn gegen einen anderen vertauscht, sobald dieser andere wärmere Gefühle in ihm hervorrnst, in ö herern Maße seinem geistigen Sein, seiner geistigen Entwickelung, den klimatischen, kulturellen oder rechtlichen Verhältnissen des Ortes entspricht. . .! Welcher Glaube besser ist, hat Jeder für sich zu entscheiden. Schoil deshalb muß mall die Verfolgungen unterlassen, weil man Niemanden zwingen kann, nach einer bestimmten Schablone zu denken oder zu glauben. Das Gebiet des Glaubens und des Gedankens ist äußerer Einwirkung nicht zugänglich. Mit ihr erreicht man nur Schlechtes. Solche „äußere Einwirkungen" beleidigen die besten Gefühle im Menschen, beleidigen die Würde des Menschen als eures freien, vernunstigen Wesens und lassen Verschlossenheit und Heuchelei, Verstellung und Lüge. Bosheit und Menschenhab auskommen." Das sind Worte, deren Kühnheit um so hoher angeschlagen werden muß, als die Gefahr nahe genug liegt, daß der ehrliche Sohn seiner Kirche hinter den Mallern eines Klosters mundtodt gemacht wird. Und doch haben Männer wie Stachowitsch und er nur zum Ausdruck gebracht, was Viele empfinden, und was trotz der Finsterlinge sich durchsetzen muß und wird. Es wird die Zeit kommen, wo die Worte Eingang finden werden, mit denen der Adelsmarschall in Orel schloß: „Laß ab, Casar, das ist nicht das Deine, das ist Gottes in Ewigkeit! Ihm allein ist die Gewalt gegeben, zu binden und zu lösen, ohne das Recht, sie den Prokuratoren und Richtern weiter zu geben!" Nach -er Schlacht. Berlin, 1". Dezember. ir können es nicht leugnen, wir sind gründlich geschlagen! Der ehrliche Kämpser, der nicht ansteht seine Niederlage zu bekennen, wird zugleich versuchen, nach den Gründen dieses seines Unterliegens zu forschen. Wenn im politischen Kampfe die Freisinnigen unterliegen und die Konservativen siegen, so hört man ost von Wahlbeeinflussungen sprechen. Bei geheimen Wahlen, ivie der vorliegenden, wird inan trotz allen Glaubens, das; die unterliegende Partei die bessere nnd die numerisch stärkere sei. sich der Wahrheit nicht verschließen dürfen, das; die siegreiche die populärere ist. Vor zehn Jahren etwa zogen die Orthodoxen in größerer Anzahl in die Berliner Repräsentantenversammlung ein; erlangten sie die große Majorität. Schon damals hatten die Liberalen, die Gefahr ahnend, die ihnen drohe, sich zu einem Verein zusannnengethan: es war zu spät; die von ihnen ausgestellte und sorgfältig ausgewählte Liste fiel gründlich durch. Unterdes; erstarkte die Organisation, so daß die im Jahre 1898 gewählten Männer, l'> an der Zahl, der liberalen Liste entnommen waren. Auf dieser stand, nnd zwar nach dem Vorschläge gerade der liberalsten Kandidaten, auch ein Mitglied der Rechten, Herr Leonhard Sachs, den man wegen seiner ausgezeichneten, ans verschiedensten Gebieten des Gemeinwesens erprobten Arbeitskraft in der Versammlung nicht entbehren zu sollen glaubte. Aber die liberalen Reihen lichteten sich: ein Repräsentant, Herr Rudolf Moste, trat ans, ein anderer, Herr Albert Meyer, starb, ein dritter, Herr Landgerichtsrath Löwe, wurde gerade ans Vorschlag der schlauen rechten Seite des Hauses zum Mitglied des Vorstandes gewählt. Ans ihren Platz wurden drei liberale Stellvertreter berufen; aber gerade diese drei, Justizrath Simon, die Kaufleute Benas Levh und Willibald Löwenthal, wurden durch das Loos, das erst am 1. Oktober 1901 gezogen wurde, zum Ausscheiden verdammt, durch das Loos, das bekanntlich den Frommen günstig zu sein Pflegt. Es hätte nun nahe gelegen, daß auch die Herren von der Rechten diese drei Männer, die sich wohl bewährt hatten, auf ihre Liste gesetzt hätten, besonders Herrn Simon, der sich um das Zustandekommen des Krankenhausstatuts große Verdienste erworben hatte, und der durch seinen scharfen Verstand und seine bedeutenden juristischen Kenntnisse der Versammlung weiter von großem Nutzen hätte sein können; die Herren von der Rechte» hätten damit nichts anderes gethan, als die Herren vo» der Linken mit der Aufstellung des Herrn Sachs gethan hatte». Aber da es den Orthodoxen zunächst um ihre Alleinherrschaft zu thuu ist, so haudelten sie nicht nach dem von den Liberalen gegebenen Beispiele. Die Wahl des Jahres 189 8 war in sehr merkwürdiger Weise zu Staude gekommen. Es gab zwei liberale Listen, die eine des liberalen Vereins, die andere die des eifrigen Sonntagsstreiters Herrn G. Levinstein. Wer blos auf der einen oderanderen Liste stand, fiel durch; »nr wer aus beiden verzeichnet war, erhielt die Mehrheit. Das war ein gutes Kampfmittel, es wurde diesmal verlassen. Die beiden liberalen Listen glichen sich fast durchweg, nur daß auf der des liberalen Vereins drei Namen mehr standen; daher glaubten wohl die meisten der Levinsteinschen Genossen, in deren Kreisen vielleicht nicht die nöthige Agitation entfaltet worden, daß sie sich nicht besonders anzustrengen brauchten, denn, so mußten sie meinen, die ihnen empfohlenen Männer hätten der Helfer genug in anderen Reihe». Aber ein schwerer Fehler war der, daß die beiden Theile der liberalen Partei denselben Schlachtruf ausstießen, der bei der einen schon das vorige Mal hergehalten hatte: die Einführung des Sonntagsgottesdienstes. lieber diese Frage soll hier nicht theoretisirt werden, um so weniger, als diese Blätter sich gegen die Einführung eines solchen Gottesdienstes ausgesprochen haben. Hier möge so viel genügen: die hauptsächliche, ja säst ausschließliche Betonung dieser Frage war der größte taktische Fehler, den die Partei begehen konnte. Sie war es erstens, weil Kämpfer, besonders Inden, sich nicht zweimal für dieselbe Idee begeistern lassen, sie war es zweitens, weil sie trotz der ',80V Unterschriften bei den Aelteren und zugleich bei den Unreifen die unpopulärste Frage ist, die es giebt. Ich selbst habe Männer gesprochen, deren Liberalismus seit Jahrzehnten erprobt ist; sie stimmten in das lügenhafte Geschrei der Gegner ein, daß die jetzigen Liberalen den Sabbath abschaffen »vollen und erklärten deshalb, gegen die liberale Liste stimmen zu wollen oder überhaupt nicht zu wählen. Was der Centralverein von sich allein nie hätte bewirken können, das brachten die Anti-Sonntagsartikel der Blätter zu Wege, ferner die bekannte Thatsache, daß sogenannte liberale Rabbiner unserer Gemeinde den Sonntagsgottesdienst perhorreszire». War das ausschließliche Vorschieben des Sonntagsgottesdienstes eine verhäilgnißvolle Maßregel, so war eine schlimmere die Mattheit und, ich scheue das Wort nicht, die geringe Wahrhaftigkeit des ganzen liberalen Aufrufs: „Wir wollen de» Frieden!" Dieser Ausspruch ist für jede Kampfpartei ein nii-

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