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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-13 · Heft 50 (13.12.1901) · p. Seite 591

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 50 (13.12.1901)
Date
1901-12-13
Page
Seite 591 (sequence 5)
Language
German
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591 Heim gestellt und vom bayerischen Centrum angenommen worden, gestellt von Dr. Heim und zur Annahme empsvhlen von Dr, Daller, 4. Wie eilt Lichtpunkt in all' dieser Trübniß erscheint uns das Schreiben, mit dem der berühmte Astronom Professor W i l h ei m Förster zu der konfessionellen Debatte über die Universitäten Stellung nimmt, und in dein es unter anderem heißt: „Ist denn die konfessionelle Einschränkung des reinen und freien Wahrheitsstrebens an unseren Universitäten die größte Gefahr für die geistige und sittliche Klärung und Festigung der Jugend und für die Eintracht des Zusammenlebens? Ich glaube das nicht, halte vielmehr dafür, daß die trennenden Wirkungen der konfessionellen Verschiedenheiten und Befangenheiten auch nicht entfernt so unheilvoll sind wie diejenigen Trübungen des reinen Wahrheits- und Gerechtigkeitssinnes von denen in dem Fieber nationaler Erregungen und Begeisterungen nicht wenige der Nniversitätsprofessoren, nicht blos der deutschen, ergriffen sind, und mit denen sie das Urtheil der Jugendsowohl hinsichtlich des Rassenhasses, als hinsichtlich der angeblichen Vaterlandsfeindlichkeit der Bestrebungen der unteren Volksktassen, mitunter so byzantinisch verwirren. Neben aller berechtigten Kritik der Fehler, die auch von der Regierung begangen werden, wäre i hier für die ausgezeichneten leitenden Männer des Universitätslebens! ein reicheres Bethätigungsseld für das Streben nach dessen Reinhaltung im Sinne intellektueller Wahrhaftigkeit." Unter den vielen von den englischen Antisemiten gegen die eimvandernden russischen Juden erhobenen Beschuldigungen, wird keine mit solcher Hartnäckigkeit aufrecht erhalten wie die, daß die Einwanderer „Paupers" sind, in England der öffentlichen Armenpflege zur Last fallen. Diese Beschuldigung wird jetzt durch die von der „Times" eben veröffentlichen statistischen Zahlen über die Armuth in London ebenso wie alle anderen Anklagen gegen die fremden Juden als absolut erlogen hingestellt. Die Armuth in London ist in dem letzten Jahre nicht unerheblich gewachsen, und die Zahl der Armen ist von 100682 Anfang November 1900 auf 105 115 am Beginn des November dieses Jahres gestiegen. Bei der Bertheilung der Armen nach den einzelnen Londoner Stadttheilen stellt sich heraus, daß die Zahl der Armen der acht südlichen Armenbezirke 40391 mit einer Zunahme gegen das Vorjahr um 1968 beträgt, während die sieben Armenbezirke von East-Londvn 18094 Arme mit einem Plus von 1330 aufweisen. Geht man die einzelnen Armenbezirke East-Lvndons naher durch, so findet man in dem Bezirk Camberwell 4505 Arme, während das vielverschrieene Whitechapel nur 25, das so arg „verjudete" St. Georgs-in-the-East ganze 8 Arme aufwies. Die statistischen Zahlen lauten für die Juden günstig, selbst wenn man die Armen, welche keine öffentliche Armenunterstntzung in Anspruch genommen haben, hinzuzählen wollte. Die fatale Zunahme der Armen gegen das verflossene Jahr betrug in Camberwell 453, in Whitechapel 145 und im östlichen St. Georgs drei. Damit ist nun die Legende von den fremden „Paupers" ebenso rnl absurdum geführt wie die von der rapiden Vermehrung der Fremden, oder daß diese den englischen Arbeitern das Brod vom Munde fortnehmen. Leider kommt es den englischen Antisemiten ebensowenig wie ihren Gesinnungsgenossen in Berlin, Könitz und Wien auf die Ergründnng der Wahrheit an. Wird ihnen die eine Behauptung als böswillige Lüge nachgewiesen, sind sie rasch bei der Hand, eine andere zu erfinden, mit der sie eine Weile laug gute Geschäfte machen, um sie daun gegen eine dritte Lüge einzutauschen. So ist kürzlich eine Londoner „Halfpeu ny-Zeitung" mit einer Reihe von neuen Beschuldigungen gegen die fremden Juden hervorgetreten, denen sie vorwarf, daß sie keine Gegenstände konsumiren, ans denen ein Zoll oder eine Steuer liegt, daß sie durch ihre bescheidene Lebensweise nicht zur Vermehrung des Natioiialreichthimis beitragen, viele Anarchisten in ihrer Mitte zählen und alle für die Buren Partei ergreifen. Letztere Beschuldigung wird frech ausgesprochen, trotzdem mehr als 1500 englische Juden in Südafrika aus Seiten Englands fechten. Von solchen blödsinnigen Anklagen ist bis zur Blutbeschuldigung der Weg gar nicht mehr so weit. Inzwischen nimmt die fremdenfeindliche Bewegung an Umfang und Tiefe z». Am 26. November wurde auf der Konferenz der Nationalunivn der Konservativen und der Konstitutionellen zu Wolverhampton eine Resolution gegen die Einwanderung fremder Paupers angenommen. Eine gleiche Resolution wurde von dem Board of Guardians von Stepneh (Ost-London) gegen eine starke Minorität angenommen. 4 Man traut seinen Angen kaum, wenn man in den russischen Blättern die Mittheilung liest, daß Fürst Uchtomski, der Herausgeber der „Petersburgski Wjedomosti", gemaßregelt wurde und zwar wegen eines Aufsatzes, der für die Gewissensfreiheit in Rußland eintrat. Fürst Uchtomski gilt bekanntlich als ein persönlicher Freund des Zaren. Der Vorgang, um den es sich dabei handelt, ist folgender: Ans dem griechisch-orthodoxen Misstonskongreß, der im Oktober in Orel stattfand, erhob sich am Schluß der Adelsmarschall Stachowitsch, um eine Petition wegen Freigebung des religiösen Bekenntnisses zu stellen. Die Herstellung der Gewissensfreiheit sei die Hauptaufgabe der Versammlung. Man kann sich das Erstaunen und die Entrüstung des Kongresses vorstellen. Die kirchliche und reaktionäre Presse, voran die „Moskauer Zeitung", erklärte es für einen unerhörten Frevel, daß ein solcher Antrag von einem Adelsmarschall ausgehe; nur bei weit gediehener sozialer Demoralisation sei ein solcher Antrag möglich gewesen; Stachowitsch sei ein Revolutionär, ein Robespierre. Die hauptstädtische Presse nahm sich nach Kräften des Angegriffenen an, vor allein das Blatt des Fürsten Uchtomski. Schon beim Abdruck der Rede fügte es hinzu, daß „die Gewissensfreiheit als ein elementares Recht und eine elementare Pflicht des wahren Christen schon längst gebieterisch die Verwirklichung verlange." Sensationell aber wirkt, daß in demselben hochallgesehenen Organ der aufgeklärten Konservativen ein Geistlicher der Staatskirche, T. Tscherkaßki, mit kühnem Wagemuth sich also ausläßt: „Ist es nicht für unser ganzes russisches Land und für unsere Orthodoxie etwas Niederdrückeudes, daß wir, die ivir die ungeheuren Errungenschaften der Wissenschaft genießen, an dem Kulturleben der Welt theilnehmeu und mit den Völkern Europas eine Familie bilden, bis jetzt noch nicht der Gewohnheit entsagt haben, diejenigen Leute zu verfolgen, die nicht ebenso denken, glauben und ihre» Glauben bekennen wie wir? Die körperliche Sklaverei ist bei uns aufgehoben, kann man aber die geistige Knechtung wirklich ruhig ansehen? Stimmt das mit dem großen Vermächtniß Christi und mit dem Grundprinzip des Christenthnms: „Freiheit ist da, wo der Geist des Herr» ist?" Liegt nicht ein Widerspruch darin, daß in orthodox-kirchlichem Sinne der Definition des Menschen die Erkenntniß der Freiheit des Geistes, der Freiheit des Willens zu Grunde gelegt wird? „Der Mensch ist ein freies, vernünftiges Wesen, welches nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen ist," lauten die ersten Angaben in jedem beliebigen Leitfaden sür den Elementarunterricht in der orthodoxen Lehre. Wenn

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