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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-13 · Heft 50 (13.12.1901) · p. Seite 590

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 50 (13.12.1901)
Date
1901-12-13
Page
Seite 590 (sequence 4)
Language
German
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590 Wo alles verlangt wird, kann nichts erreicht werden. Die biblischen Wissenschaften sind von Christen begründet und werden von ihnen fast allein kultivirt; die Religionsphilosophie >,»d ähnliches scheint den Abwehrvereinen, Tageszeitungen und Predigten überliefert zu sein, und die Geschichte selbst hat wohl mit Grätz ihren entgiltigen Abschluß gefunden. Nicht nur die alte und mittlere, sondern auch die neue; wenigstens sammelt man nirgends die zahllosen Schriften, die über Juden und Iudenihum in der ganzen Welt erscheinen, und man bekümmert sich nirgends um die zahlreichen nothivendigen Aufgaben, die gelöst werden müßte», und deren Bearbeitung von Tag zu Tag schwieriger wird. Wenn das Jndenthum sich dessen bewußt ist, das; eine gerechte Würdigung seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur durch einen Umschwung in dem Geiste der gebildeten Stünde unseres Landes herbeigesührt werden kann, und daß dieser Umschwung nicht durch die Tageslitteratnr, sondern nur durch ernste und unparteiische wissenschaftliche Begründung erzielt wird, dann sollten umfassende Maßnahmen zur Besserung bald getroffen werden. Gegenwärtig führt unsere Wissenschaft ein elendes Dasein. Sie hat die Fühlung mit der wirklichen Gelehrsamkeit und mit den Interessen und Aufgaben des Lebens verloren und zieht in ihre Verkümmerung das durch geistvolle aber feindliche Werke heftig bedrohte Jndenthum täglich mehr hinein. Die Woche. Berlin, 10. Dezember. aß auch die Berathung des Zolltarifs im Reichstage Gelegenheit zu Ausfällen gegen die Juden geben würde, hätte kaum Jemand geglaubt. Indes;, die Antisemiten machen auch das Unwahrscheinlichste möglich. Diesmal war es der Abgeordnete Dr. Vogel, der die Juden in die Debatte hineinzerrte und dabei eine so erstaunliche Kenntniß der biblischen Geschichte an den Tag legte, daß er den Handels- Minister zu korrigiren wagte, weil er von „Herrn Potiphar" sprach. „So viel ich weiß, war Herr Potiphar eine Frau," sagte der Antisemit und bewies damit, daß er in der That nicht viel weiß. Natürlich nahm er keinen Anstand, in seiner Rede ohne jeden Zusammenhang gegen die „Lewy's" vorzugehen und zu sagen: „Der Name scheint Ihnen nicht zu gefallen (Lachen links), mir gefällt er auch nicht. Wenn Sie den Namen umtaufen wollen, so wenden Sie sich doch an den früheren Oberpräsidenten Volt Bromberg, der macht es!" Die Heiterkeit der Linken und das Schweigen des Angegriffenen werden den Herrn wohl belehrt haben, daß er mit seiner Jungfernrede nicht eben den Vogel abgeschossen hat. 4 DieJustizdebatten in der bayerischen Kammer beschäftigen natürlich noch die Presse aller Richtungen. Am wichtigsten ist uns dabei das Urtheil der maßgebenden Blätter des Centrmns. Die „Kölnische Volkszeitung" belehrt uns darüber, daß das Vorgehen des bayerischen Centrums nicht den Beifall der Preußischen Centrumsfraktion gefunden habe — und die Rede des bayerischen Justizministers erfreulicherweise auch nicht. „Mit der „Stimmung der Bevölkerung" in solchen Fragen ist es eine mißliche Sache. In weiten protestantischen Kreisen des Deutschen Reiches ist zweifellos „Stimmung" dafür vorhanden, das; katholische Beamte möglichst wenig eingestellt werden; als berechtigt werden die deutschen Katholiken diese Stimmung niemals anerkennen, sondern verlangen, daß die verfassungsmäßige Gleichberechtigung auch ihnen gegenüber zur Wahrheit werde. Allerdings würden die deutschen Katholiken sehr froh sein, wenn in allen Zweigen der staatlichen Verwaltungen katholische Beamte auch nur annähernd im Verhältniß der katholischen Bevölkerung zur Gesammtbevölkernng ausgenommen würden. Wir sagen „annähernd", denn wir verlangen keine sogenannte mechanische Parität. Auch bei strikter Durchführung des Antrages Heim, woran noch der Erklärung des Justizmimsters nicht zu denken ist, würden in der Justizverwaltung die Israeliten immer noch besser stehen als die Katholiken. Andererseits darf aber auch nicht vergessen werden, daß den Israeliten manche Verwaltungszweige tatsächlich so gut wie verschlossen sind, daß sie sich daher naturgemäß in stärkerer Anzahl der ihnen tatsächlich nicht verschlossenen Justizverwaltung znwenden. Grundsätzlich schief ist der Antrag Heim unter allen Umständen." So ein Centrumsblatt über die bayerische Centrumspartei. Auch die Nationalliberalen sind mit dem Anträge nicht einverstanden. So schreibt die sehr gemäßigte und zurückhaltende „Allgemeine Zeitung": „Da die bayerische Verfassung den Israeliten volle Gleichberechtigung gewährt, ist ein Praktischer Erfolg dieses Antrages, selbst wenn er durchgeht, schwerlich zu erwarten. Im Uebrigen dürfte der von einem Theile des Centrums zum ersten Male in der Abgeordnetenkammer angeschlagene antisemitische Ton kaum viel Gegenliebe im Hause wie im Lande finden." Wir schließen hier eitlen Bericht unseres Münchener- Korrespondenten an, in dem die einschlägigen Verhältnisse charakteristisch dargestellt werden. —i. München, 8. Dezember. Am 29. November gelang es dem Abgeordneten Dr. Heim seinem Antrag bezüglich der Einschränkung der Ernennung von Inden zu Richtern in der bayerischen Kammer der Abgeordneten zur Annahme zu bringen. Denjenigen Centrumsmitgliedern, welche, im Herzen für den All trag, ihre verfassungsrechtlichen Bedenken gegen den Antrag bis dorthin nicht hatten überwinden können, erleichterte er. sich der leider auch vom Minister anerkannten Stimmung der Bevölkerung gegen die Juden zu beugen, dadurch, daß er sein früheres Verlangen, Inden nur im Verhältniß derselben zur Gesammtbevölkernng zu Richtern zu ernennen, dahin einschränkte, dies nur „möglichst" zu thun; und damit hat er es fertig gebracht, für seinen Antrag in der Kammer der Abgeordneten eine.Mehrheit zu gewinnen. Mit der Stimmung der Bevölkerung ist es etwas Schönes; heute ist die Stimmung gegen alle Advokaten, morgen gegen alle Beamten, übermorgen gegen das Militär und wieder einmal gegen alle Besitzenden. Wen aber der Staatsanwalt vor die Schranken des Gerichts gezwungen, der vergöttert den Advokaten, der seine Freisprechung errungen, und wem nach einem Krawall das Militär wieder Ruhe geschafft, der windet der noch oor Kurzem geschmähten Soldateska Lorbeerkränze. Daß die von jeher als wandelbar bezeichnet« Volksguust aber das Staatsleben beherrschen könnte, sollte man für unmöglich halten. Nicht die Volksstimmung. sondern das Bedürfnis und die Erfahrungen des Volkes sollten das Staatsleben bestimmen und haben dies bei besonnenen Politikern sollst gethan, insbesondere in den Zeiten nationalen Aufschwunges. Derselbe Dr. Heim hat am 27. November nach vieleil, aber meist unbegründeten Angriffen auf das bayerische Rechtsleben, wobei er den bayerischen Richtern nachsagt, daß einem die Haare zu Berge stehen, wenn man geschäftlich mit ihnen zu thun habe, über ihre Unkenntniß im kanfmännischen Leben, zu einem charakteristischen Vorfälle Veranlassung gegeben. Als er den Satz aufstellte: „Wir brauchen Juristen, die speziell auf dem Gebiete der Kaufmannschaft praktisch thätig gewesen sind, und daun erst zur Rechtsprechung kommen," rief der Vorstand der Centrumsfraktiou Dr. Daller. höhnisch wohl, dazwischen: „Juden brauchen wir." Dr. Heim wußte darauf nichts zu sagen, als daß er mit den Worten fortfuhr.- „Es ist sehr schwer, darauf meinem verehrten Fraktions- Vorstand sofort zu antworten." Und zwei Tage darauf ist der Antrag

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