Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1901)
- Date
- 1901-12-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Berlin» 13. Ae;ember 1901. 65. Jahrgang. Nr 50. Allgemeine eitung öes Auöenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-Preis.- Durch Buchhandel, I Post oder direkt von der Expedition in Berlin I unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. I Nedacteur: Gustav Karpeles. l Begründet von Nabbiner D* Ludwig Philippson Nonn. Verlags-Grpedition: Lerlin, Zerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgeni. Zeitung des Judenthums", Berlin 8VV., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Änhklt. Leitartikel: Ein Wort über die jüdische Wissenschaft. — Die Woche. — Nach der Schlacht. — Brief aus Köln. Von Hermann Moses. — Die Sittenlehredes Iudenthums. Von Dr. M. Joseph V. — Feitilleton: Komödiant und Weltverbesserer. Von Samuel Gordon. III. — Littcrar»fche Mittheilmrgerr. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten. Berlin, Samter, Neustadt i. O., Hamburg, M.-Gladbach, München, Wien. — Von Nah und Fern. Gin Mort über die jüdische Wissenschaft. - Berlin. 10. Dezember. ^üLedem, der sich mit jüdischen Angelegenheiten beschäftigt und dem die Ehre des Iudenthums am Herzen liegt, nmß es unangenehm auffallen, daß die wissenschaftliche Vertretung des Iudenthums eine so mangelhafte ist. Da werden zahlreiche gelehrte Abhandlungen von Christen geschrieben, die darauf Hinzielen, das Christenthum zu verherrlichen und als eine dem Judenthum überlegene Religion hinzustellen, die jüdische Wissenschaft aber schweigt und schwankt. Manche dieser Bücher haben einen ungewöhnlichen Ersvlg; sie kommen in die Hände der ganzen gebildeten Bevölkerung; die Blicke Vieler richten sich wie fragend auf die jüdischen Gelehrten, und Niemand antwortet, als wenn man ein böses Gewissen hätte. Scheinbar haben sich unsere Gelehrten aufs hohe Roß gesetzt und betrachten mit Ruhe und Gleichmnth das Getümmel des Kampfes; in Wirklichkeit aber ist ihnen gar nicht mehr wohl zu Mnth, es gährt in ihren Köpfen und es arbeitet in ihren Herzen, und nur zu gern möchten sie mit großen Werken, mit einer großen That hervortreten, deren plötzliches Vorhandensein den Gegner verstummen macht. Diese That bleibt aber aus und sie wird ausbleiben, so lange ihr nicht eine andere That vorangegangen, nämlich eine gründliche Reform der jüdischen Wissenschaft, beziehungsweise ihrer Anstalten. Niemand wird leugnen, daß die eigentlich berufenen Vertreter unserer Wissenschaft heutzutage nicht die Rabbiner sein können, denn wenn dieser Stand auch manches Mitglied von guter Begabung aufzuweisen hat, so sind doch Viele durch Berufsgeschäfte in Anspruch genommen, und es fehlen allen Denen, die nicht in einer Universitätsstadt wirken und deren Bibliotheken benutzen können, die nothwendigen Hilfsmittel für ein fruchtbares Studium im modernen Sinn. Sieht man aber von den Rabbinatssitzen ab, so bleiben als Centren des jüdischen wissenschaftlichen Lebens nur noch die Lehranstalten und Seminare übrig, und dort ist es nicht so, wie es sein sollte. Wir finden dort vor allem den Talmudgelehrten, der nach althergebrachter Sitte oder Unsitte den Talmud vortrügt, ohne auch nur den Versuch einer wissenschaftlichen Behandlung dieser Disziplin zu unternehmen. Die unglücklichen jungen Leute, die mit den besten Absichten von der Prima des Gymnasiums zu dieser längst bankerotten und abstoßenden Methode kommen, lernen jetzt nicht Achtung vor dem vielgenannten Werke. Der Talmud birgt große Schätze für die Erkenntniß des Iudenthums, und dieselben könnten gehoben werden, wenn man in den Wirrwarr chronologische Ordnung brächte, wenn man der Entwickelung des Gesetzes und der Ideen nachginge, wenn man den historischen Untergrund klarlegen würde. Aber nein, man „lernte" und wird so lange „lernen", bis nur noch unverbesserliche Schwärmer die Last dieser „Forschung" auf sich nehmen, die ihnen keine Bewunderung, sondern die Verwunderung der denkenden Menschen einbringt. Nun ist aber der Talmud mitsammt der ganzen halachischen Litteratur nur ein Gebäude unter vielen anderen auf dem langen Wege der Entwickelung unseres Stammes, und man kann kaum behaupten, daß die wissenschaftliche Erforschung desselben die wichtigste Ausgabe unserer Wissenschaft darstellt. Wenn mau die Bedeutung einer gelehrten Disziplin nach ihrem Einstuß auf das Leben einschätzt oder nach ihrer Wirksamkeit auf das Leben späterer Geschlechter, so wird der Talmud eine untergeordnete Rolle spielen gegenüber der Bibelexegese, der Philosophie und vor allem der Geschichte. Diese wichtigen Disziplinen aber sind meist durch zwei oder gar einen einzigen Dozenten vertreten, an die man die Zumuthung stellt, ein Unmögliches zu vollbringen. Ein solcher Gelehrter muß bewandert sein in der Geschichte, der jüdischen und christlichen Exegese, in der orientalischen Sprachwissenschaft, in den inodernen biblischen Werken und Anschauungen; er sollte die Geschichte der Philosophie der Juden, Christen, Mohamedaner und Heiden bis in die Einzelheiten kennen und daneben systematische Religionsphilosvvhie vortragen; ihm müßten die Quellen der jüdischen Geschichte, die in der ganzen Weltlitteratur zerstreut sind, und ihrer kritischen Würdigung vertraut sein, zusammen mit den Thatsachen der Geschichte, die sich über einen Zeitraum von vielen Jahrtausenden erstreckt. Wer aber den Umfang dieser Disziplinen, die auch noch durch die Aufzählung minder wichtiger vermehrt werden könnten, einigermaßen überblickt, wird wissen, daß ein Einzelner bei großer Begabung sie vielleicht überschauen, daß aber nicht ein Mensch auch gleichzeitig in allen produktiv thätig sein kann.