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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-06 · Heft 49 (6.12.1901) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 49 (6.12.1901)
Date
1901-12-06
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 den erhofften, höchst befriedigenden Erfolg gezeigt und wird daher auch in diesem Jahre fortgesetzt werden. Die Absicht, die Wohlthaten der Anstalt ausschließlich Unbemittelten zuznwenden, kann jedoch nur durch die kräftige Mithilfe weiter Kreise zur Ausführung gelangen. Noch ist die Zahl der Freunde dieser Anstalt zu gering, um die finanzielle Sicherung für die kommenden Jahre zu gewährleisten. Da' nun in dieser Anstalt ein Werk der wichtigsten sozialen Fürsorge verwirklicht ist, wenn wir unseren bedürftigen Glaubensgenossen, welche nach überstandener Krankheit der guten Pflege und der kräftigen Landlust benöthigen, sowie insbesondere den überarbeitete»', bleichsüchtigen Frauen und Mädchen durch Wiederherstellung ihrer Gesundheit die Kraft und die Lust zur Arbeit wiedergeben, so ist nicht daran zu zweifeln, daß viele Menschenfreunde ihr Wohlwollen bekunden und den» Verein beitreten werden. Der Vorstand besteht ans folgenden Herren und Damen: Martin Sünon. Vorsitzender; Louis Sachs, stellv. Vorsitzender; Siegfried Brünn, Dr. L. Feilchenfeld. Frau Dr. Frankl, Frau Franciska Gi»»sberg, Hugo Heitmann, Professor Dr. Lazarus, San.-N. Dr. Maretzki, M. Metzenberg, Frau Rosa Meyer, Frau S.-N. Mühsam, Emil Pincus, Frau Hermine Nathenan, Frau Rosa Sachs, Frau Dr. Wiesenthal. H. Witkowski. 8. Berlin, 24. November. Zum erster» Mal liegt nunmehr auch ein gedruckter Bericht über das zweite Waisenhaus der hiesigen jüdischen Gemeinde in Pankow vor, welcher von dessen Direktor Herrn I. Grün wald erstattet ist. Vor 19 Jahren als „Erziehungshalls Pankow" von dem verstorbenen Jnstizrath Makower begründet, diente dieses Haus zunächst dazu, 39 russischen Flüchtlingskindern eine Stätte zu ihrer Erziehung zu bieten. Die Knaben sollten hier zu sauberen, ordnungs- und wahrheitsliebenden Menschen erzöget» und nach Erlangung der nöthigen Schulkenntnisse ohne Ausnahme zu Handwerkern ausgebildet werden, damit sie dereinst ihren Familien eine Stütze und ihren Brüdern in Rußland eil» Vorbild seien. Der Erfolg war ein glänzender. Im Oktober 1885 wunderten nach bestandener Prüfling die ersten drei Gesellen nach Amerika aus. die übrigen, denen die vorangegangenen Kameraden Helfer und Berather wurden, folgten auf demselben Wege nach. Die Auswanderung wurde auch für die Geschichte der jüdischer» Gemeinde zu Berlin bedeutsam. welche die freiwerdenden Stellen nach und nach mit Berliner Waisenkindern besetzte, bis sie an» 1. Januar 1891 das Hans in eigene Verwaltung übernahm und damit ihr Zweites Waisenhaus begründete mit dem Zwecke, halb oder ganz verwaiste, verlassene oder sonst der Armenpflege der Gemeinde allheimfallende Knaben zu pflegen, zu erziehen und vorzugsweise zu Handwerkern heranzubilden. Von der» 128 Berliner Knaben, die bisher in das Waisenhaus eingetreteu sind, haben 73 die Anstalt bereits verlassen, von denen 66 ein Handwerk erlernt haben. Es befinden sich darunter Tischler, Maschinenschlosser, Tapezierer, Lederarbeiter, Schneider. Gärtner, Holzbildhauer, Klempner, Töpfer, Gürtler, Stubenmaler, Buchdrucker, Buchbinder, Zahntechniker, Sattler, Nadler, Holzdrechsler, Uhrmacher. Graveure, Goldarbeiter, Bäcker. Klavierbauer, Mechaniker und Musterzeichner. Gegenwärtig zählt das Haus 55 Zöglinge, und zwar 37 Schüler und 18 Handwerkslehrlinge. Die meisten der entlassenen Zöglinge sind in Berlin in Arbeit, und ein vortreffliches Bindeglied für die Zöglinge, welche außerdem in steter Beziehung zum Waisenhause verbleiben, ist der hauptsächlich zur gegenseitigen Unterstützung der Mitglieder begründete „Handwerkerverein ehemaliger Pankower Kameraden" geworden. Die Anstaltsschnle steht unter Aufsicht der königlichen Regierung zu Potsdam und ist wiederholt von der Schulbehörde revidirt worden. Die Zöglinge unterstehen ärztlicher und zahnärztlicher Beaufsichtigung und Behandlung; ernstlich erkrankte Kinder finde!» im jüdischen Krankenhause unentgeltliche Aufnahme. Verschiedene Theaterdirektionen haben de»» Zöglingen wiederholt freien Eintritt zu den Vorstellungen gewährt, auch der Vorstand des Zoologischen Gartens sendet alljährlich eine Eintrittskarte für sännntliche Pfleglinge der Anstalt. Außerordentlich bedauerlich ist es, daß dem Hause, dessen schweres Erziehungswerk zu so reichem Segen gediehen ist, bisher nur vier Stiftungen zngewendet worden sind, worunter sich eine gütige Spende der Kaiserin i»n Betrage von 3000 Mark befindet, und es steht lebhaft zu wünschen, daß die Zahl der Stiftungen eine recht baldige und angemessene Vermehrung erfahre. Die Aufnahme der Kinder — und zwar ausschließlich von Knaben — erfolgt durch die Waisenkommission der jüdischen Gemeinde nach Anhörung des Direktors. Aufnahmefähig sind die Kinder vom vollendeten sechsten bis znm vollendeten zwölften Lebensjahre. Dieselben können bis zur Beendignng ihrer Lehrzeit in der Anstalt behalte»» werden. Bemerkenswerth und mustergiltig erscheinen uns die vom Direktor anfgestettten und in vier Punkten prägnant zusammengefaßten Gr»n»dsätze zu sein, nach denen der Arbeitsplan zur Durchführung gelangt. Bei jedem Unterrichtsgegenstand wird auf die Wichtigkeit und Nützlichkeit des Handwerks hingewiesen. Durch das Zusammenleben der Handwerkslehrlinge mit den Schulen» wird in glücklichster Weise auf die Entwickelung der Schüler eingewirkt. Die strenge, durch das Hans geübte Kontrolle über die Lehrlinge ermöglicht es. den Lehrmeistern an Ordnung und Pünktlichkeit gewöhnte Burschen zu erhalten, und endlich bietet das Zusammenhalten des Hauses mit den früheren Zöglingen die Gelegenheit, die Wirksamkeit der Anstalt in diejenigen Kreise hineiuzntragen. für welche dieselbe bestimmt ist. Auf der Basis der strengen Durchführung dieser Grnndsätze hat sich das Haus als ein Erziehnngshaus für Handwerker jüdischen Glaubens durchaus bewährt, und es konnte wirksam gegen das Vornrtheil angekämpft werden, welches gegen die Erziehung jüdischer Knaben zu Handwerkern zum Theil jetzt noch besteht. Zugleich konnte auch die Grundlage der Thätigkeit des Hauses als richtig erwiesen werden, daß bei der Waisenerziehung das Hauptgewicht auf die Ausbildung der Waisen nach ihrer Entlassung ans der Schule zu legen ist. §2 Berlin, 2. Dezember. Unter den russischen Rabbinerschulen nimmt die zu Nowogrudok einen besonderen Rang dadurch eil», daß dieselbe den Forderungen der Zeit sich nicht ver schlossen und die allgemeine Bildung der Hörer zu vervollkommen sich bestrebt. Herr Rabbiner Eppstein, eine anerkannte talmudrsche Autorität, ist das Oberhaupt dieser Jeschiwah. die von Studirenden aus ganz Rußland besucht wird. Im Interesse der Erhaltung dieses Instituts bereist gegenwärtig Herr Nabb. I. N. Sameck als Abgesandter desselben Deutschland, um die Hilfe edler Glaubensgenossen anzusprechen. Die Spenden, die für diesen Zweck einlanfen, werden an zwei bekannte Bankhäuser in Frankfurt a. M. und in Karlsruhe eingeschickt und von diesen zweckmäßig verwaltet. Wir können das Hilfswerk für die Anstalt allen Freunden und Förderern des Thorastudiums auf das Wärmste eiupschlen. x. Pasewalk, 1. Dezember. Bei der jetzt stattgefundenen Stadt- Verordneten-Ergänzungswahl wurden die Herren Albert Jacob»), Vorsteher unserer Gemeinde, und Fabrikbesitzer Paul Behrend als Stadtverordnete gewählt. Durch dieses Resultat haben unsere Glaubensgenossen die bis jetzt innegehabten drei Sitze irn Stadtverordnetenkollegium weiter behalten, da demselben außer der» genannten Herren noch Herr Goetz Lehmann angehört. Es gereicht uns dies zur besonderen Freude festzustellen, da auch hier vor Jahren die Wogen des Antisemitismus hochgingen, und es den Anschein hatte, als sollte auch unsere Stadt ein Herd für die antisemitische Seuche für spätere Zeiten bleiben. Unsere Befürchtungen sind Gottlob nicht eingetroffen, wir haben jetzt Ruhe und leben mit unseren christlichen Mitbürgern in besten» Einvernehlnen, wozu auch wahrscheinlich unsere Beamten viel beigetragen haben, da beide, Rabbiner und Kantor, bei der nichtjüdischen Bevölkerung und den Behörden des besten Wohlwollens und Ansehens sich erfreuen. Den Bemühungen unseres Rabbiners Dr. Fiukel ist es mit Hilfe des Verbandes der Synagogengemeinden Pommerns in Stettin gelungen, die vorpommerschen Gemeinden mit Pasewalk zu Verbinder» und so ein Bezirk srabbinat Pasewalk zu schaffen. Es gehören demselben außer Pasewalk und Loecknitz nun noch folgende Gemeinden an: Demmin, Greifswald, Stralsund, Swinenlünde und Neckermünde. Herr Dr. Finkel hat bereits in seiner Eigenschaft als Bezirksrabbiner diese Gemeinde»» besucht und überall eine überaus liebenswürdige Aufnahme gefunden. Möge es seiner Thätigkeit gelingen, in diesen bis jetzt verwaisten Gemeinden den religiösen Sinn zu heben und das Interesse für das Judenthum zu wecken, und möge auch dies Beispiel in andere»» Gegenden zum Heile unserer Gemeinschaft Nachahmung finden. — Cammirr, 22. November. Der jüdische Lehrer und Kultusbeamte Herr I. Finder wird, nachdem er 37 Jahre der hiesigen Synagogengemeinde treu gedient hat und auf eine 52 jährige Amtsthätigkeit znrückblicken kann, nunmehr in den wohlverdienten Ruhestand treten. Ans diesem Anlaß ist Hern» Finder der Adler der Inhaber des königlichen Hausordens von Hohenzollern verliehen »vorder». Die Uebergabe der Insignien gestaltete sich zu einen» feierlichen Akt für alle Betheiligten. Herr Landrath Dr. v. Massow begab sich in Begleitung der Magistratsmitglieder Herren Breslich und Ge-

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