Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1901)
- Date
- 1901-12-06
- Page
- Seite 586 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228469--58168-3294597- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
586 Nächsten wie dich selbst. An diesen zwei Geboten hängen das ganze Gesetz und die Propheten." (Matth. 22, 36—40.) Demnach verstand im Sinne Jesu nur Derjenige die jüdische Religion recht, der Gottesliebe und Menschenliebe als ihre höchsten Forderungen betrachtete. Es verdient auch hervorgehoben zu werden, daß der Schristgelehrte Jesu ausdrücklich beipflichtet und die Bemerkung hinznfügt, daß ganz gewiß Gottesliebe und Menschenliebe weit höher stehen als alle Gott dargebrachten Opfer. (Fortsetzung folgt.) Komödiant und Weltverbesserer. Bon Samuel Gordo». II. (?^ ch sehe nun, was Du meinst," sagte Uscher, als Mella fertig war, „Dn willst, daß wir die Szene, die zwischen Peretz und seinem Weibe stattfand, anfführen, damit die Männer sich ein Beispiel daran nehmen und nicht ebenso handeln sollen." „Ganz richtig," erwiederte Mella, „wir können die Stelle in dem Briese meines Bruders auswendig lernen, und wenn wir in die Häuser kommen, wo man uns auffordern wird, die Gesellschaft zu unterhalten, werden wir die Szene vortragen, wie sie wirklich stattgefunden hat. Es ist ganz unnöthig, Grimassen dabei zu machen, sondern wir müssen eine so ernsthaste Miene beibehalten wie der Maggid." „Ich bin ganz Deiner Ansicht," sagte Uscher, „nur müssen wir uns beeilen, denn morgen ist der erste Festtag." „Und morgen ist auch die Verlobung beim Bäcker Benjamin, dessen Tochter den Viehhändler Rummle Klinker heirathen wird; da wird es hoch hergehen. Und wo wäre es passender, von solchen Dingen zu reden, als in der Gegenwart Jener, die sich in kurzem die Hände zum ewigen Bunde reichen werden?" „Gewiß nicht. Sag' einmal, Mella, wer ist denn der Rummle Klinker?" „Da weißt Dn soviel wie ich — daß er vor zwei oder drei Jahren herkam und, da er ein kleines Vermögen besaß und durchaus kein Dununkops war, bald zn den bedeutendsten Männern der Gemeinde gehörte — dazu kommt noch, daß er, wenn auch nicht mehr in der ersten Jugend, doch ein Junggeselle, und so allen Familien ein ersehnter Schwiegersohn war. Und jetzt wird er Blume, die Tochter des Bäckers und das schönste Mädchen in der Stadt, als sein Weib heimsühren." „Es heißt, daß es nicht gerade ein Liebesbund ist — von ihrer Seite nämlich," sagte Uscher mit leiser Stimme. „Es heißt?" wiederholte Mella spöttisch, „ich kann es sogar beschwören, ich gehe nicht umsonst so viele Jahre im Hanse Benjamins ein und aus. Der Bräutigam, den sie gern haben möchte, ist Raphael, der Sohn des Todtengräbers — das ist ein goldner junger Mann, sag' ich dir. ein ausgezeichneter Kopf. Hat der Mensch nicht alle acht Gymnasialklassen in zwei Jahren sozusagen über Nacht gemacht? Aber er ist arm, und wie sagt nur das Sprichwort? Die Kenntnisse eines armen Mannes finden keine Anerkennung. Ich würde gleich zwei Kopeken für die Armenbüchse spenden, wenn irgend ein Wunder sich ereignete und Raphael doch noch seine Blume heimführen könnte." „Was hilft es, voll Wundern zu reden?" sägte der praktische Uscher, „kannst Du Wunder vollbringen? Wenn du's vermagst, so mach mich rasch zum Millionär. Was liegt uns daran, wen Blume heirathet? Laß uns lieber unsere Sache ill Angriff nehmen." Darauf entspann sich eine eifrige Debatte, wie das Ganze ausgeführt werden sollte. Die Vertheilung der Rollen war nicht schwer, denn nach ihrer Körperbeschaffenheit war Uscher von vornherein zum Ehemanne, Mella zn seinem Weibe bestimmt; auch die Toilettenfrage wurde in befriedigender Weise gelöst. Man brauchte einen Rock und einen Shawl für Mella, sonst nichts, und wenn auch sein struppiger kurzer Bart ihn nicht gerade als ein Ideal holder Weiblichkeit erscheinen ließ, so war dadurch der Phantasie des Publikums desto mehr Spielraum gelassen. Den ganzen Tag über lernten sie mit aller Macht ihre Rollen, und am folgenden Morgen hatten sie die feste Ueberzeugnng gewonnen, daß die neue Wendung, die sie ihrem Berufe gaben, großes Aufsehen machen würde. Die ganze Stadt war auf über die Verlobung Blumes, der Bäckerstochter, mit Rummle Klinker, dem reichen Viehhändler. „Brod und Fleisch",'eine gute Partie, sagte inan scherzhaft. Jeder, der nur irgend etwas galt, war eingeladen worden und gedachte der Einladung Folge zu leisten, und der alte Benjamin hatte eine Barches zu dem Feste gebacken, die, was den Umfang betrifft, das achte Weltwunder war. Am Abend wurde das Empfangszimmer von neun Kandelabern erleuchtet; sieben davon hatte Frau Rifke von ihren Nachbarinnen geliehen. Am obersten Tischende saßen Blume und Rummle. Die Braut war blaß, die niedergeschlagenen Augen waren ein wenig geröthet; aber das war nur natürlich — sollte sie nicht in kurzem das Haus ihrer Eltern verlassen? Rummle hatte ein gefälliges, behäbiges Aeußere, das durch eine auffallend bunte Weste noch erhöht wurde. Von Zeit zu Zeit warf er seiner Braut einen Seitenblick zu, um ausfindig zu machen, warum sie jedesmal, wenn er ihre Hand in die seine nahm, so erschrocken zusammenfuhr. Am entferntesten Ende des Zimmers saß hinter dem Fenstervorhang znsammengekauert Raphael, der Sohn des Todtengräbers, der in zwei Jahren acht Eymnasialklassen absolvirt hatte, von bitteren Gedanken verzehrt. Plötzlich ging eine Bewegung durch die ganze Versammlung. „Die Komödianten sind da," ging es von Mund zn Mund, „jetzt werden wir etwas zu hören bekommen — heute werden sie sich sicherlich auszeichnen." Ein schallendes Gelächter grüßte Mella und Uscher, als sie eintraten; aber sie waren an einen solchen Empfang gewöhnt und ließen sich dadurch nicht außer Fassung bringen. Sie warteten ruhig, bis die Fröhlichkeit verstummt war, dann trat Mella vor und sagte: „Verehrte Gesellschaft! Es ist bis nun immer unsere Gewohnheit gewesen, Sie durch Possen und Gaukeleien zu unterhalten, die geeignet sind, viel Lachen hervorzurufen; aber wir haben den Entschluß gefaßt, fortab keine Pojatzeu mehr zu sein, sondern ernste Stücke aufzuführen, welche Ihnen Lebensweisheit lehren sollen. Als erste Probe werden wir uns heute erlauben, eine Tragödie zu spielen, die den Titel führt: „Die verlassene Frau." Kaum hatte er zu Ende gesprochen, als das schallende Gelächter von neuem und in verstärktem Maße ausbrach. Mella