Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1901)
- Date
- 1901-12-06
- Page
- Seite 585 (sequence 11)
- Language
- German
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585 deine Mitmenschen deinem Wunsche gemäß gegen dich handeln sollten, wenn der Fall umgekehrt läge. Willst du, daß deine Mitmenschen gegen dich wahrhaftig, gerecht und redlich sein sollen, so sei du es auch ihnen gegenüber! Willst du, daß sie deinen Schmerz, dein Elend Mitempfinden und sich dir hilfsbereit zeigen sollen, wenn du ihrer bedarfst, so hilf auch du ihnen, wenn sie in ihrer Noth deiner bedürfen! So glücklich und Passend aber auch diese Umschreibung als blos praktische Norm sein mag, so muß doch ausdrücklich auf ein Mißverständniß hingewiesen werden, dem sie leicht ausgesetzt sein könnte. Es könnte nämlich scheinen, als würde die Menschenliebe hiermit auf die Selbstliebe zurückgeführt, als sollten wir nur aus Rücksicht auf das Ei gen wo hl unseren Mitmenschen gegenüber ein moralisches Verhalten zeigen. Damit aber würde die Moral nicht nur von ihrer Höhe Herabfinken, es muß auch die Gefahr entstehen, daß wir uns verhärten und zu Menschenfeinden werde», wenn wir selbst Gefühllosigkeit und Härte im Leben erfahren haben. Unser moralisches Verhalten soll aber durch das lebendige Gefühl bestimmt werden, daß wir alle Kinder sind eines Vaters; aufrichtiges Wohlwollen, inniges Mitgefühl, in welchen, fremdes Leid nachzittert, sie sollen den reinen, lauteren Quell bilden, aus dem unsere schönsten sozialen Tugenden entspringen. Welche Bedeutung man in den Kreisen der oielgeschmühten Schriftgelehrten und Pharisäer dem Gebot der Nächstenliebe beilegte, darüber nur noch zwei kurze Aussprüche: Der berühmte R. Akiba, aus dem Anfang des ziveiten nachchristlichen Jahrhunderts, sagte ausdrücklich: „Das Gebot, liebe deinen Nächsten wie dich selbst, enthält einen der umfassendsten und wichtigsten Grundsätze der Thora." Sein Zeitgenosse Ben Asai bemerkte diesem Ausspruch R. Akibas gegenüber, noch wichtiger und bedeutsamer sei es, daß die Thora schon auf ihren ersten Blättern die Einheit des Menschengeschlechts lehre, weil sich daraus alle idealen Forderungen der Nächstenliebe von selbst ergeben. (Sifra, Kedoschim 45.) Bei solchen Aussprüchen sollte man es für unmöglich halten, daß immer noch vielfach das Gebot der Nächstenliebe als eine neue Offenbarung des CH ristenthums betrachtet wird. Die wissenschaftliche protestantische Theologie der Gegenwart hat diese Ansicht zwar anfgegeben, aber in den gebildeten Laienkreisen ist sie noch lange nicht überwunden. Hat doch erst im vorvorigen Winter der Dichter des „Johannes" das Christenthum als die Religion der Liebe dem Judenthnm als der Religion des Gesetzes mit einer kaum zu übertreffenden Schroffheit gegenüber gestellt. Vielleicht hätte man trotz aller poetischen Freiheit vo» den. Dichter erwarten dürfen, daß er die Zeitgeschichte ein wenig gründlicher stndirt, ehe er den Gegensatz zweier Anschauungen in einer wahrheitswidrigen und für uns Juden so verletzenden Weise gestaltete. Jedenfalls halten wir es dein über den Unterschied des Jndenthums vom Christenthum weit verbreiteten Vorurtheil gegenüber für unsere Pflicht, die Entstehung dieses Vornrtheils ein wenig zu beleuchten. Das echte Christenthum stellt von Anfang an den Glauben an Jesus in den Mittelpunkt des religiösen Interesses. Daher ist denn das Dogma, die ganz bestimmte Form des Glaubens, zu einer so großen Bedeutung im Christenthum gelangt. In der neueren Zeit jedoch, besonders seit den Tagen des Pietismus und noch mehr des Rationalismus, sucht man den Schwerpunkt der christlichen Lehre nicht so sehr im Glauben, als in der Moral, oder, wie man auch wohl sagt, nicht im Glauben an Jesus, sondern in dem Glauben Jesu. In Wirklichkeit unterschied sich freilich der Glaube Jesu in nichts von dem jüdischen Glauben seiner Zeit. Sein Evangelium bestand in der frohen Botschaft von der Nähe des messianischen, des Himmelreiches, und mit dieser Botschaft verband sich für ihn ganz von selbst und ganz im Sinne des damaligen Judenthums die eindringliche Aufforderung zur Buße, weil nur die Bußfertigen ins Himmelreich ausgenommen werden konnten. Bei seinem reinen, reichen und weichen Gemüth hatte er es tief gefühlt, daß Gottesliebe und Menschenliebe die höchsten Forderungen der israelitischen Religion bilden. Sein Herz marin inniger Liebe den Menschen, zumal seinem damals so unglücklicher» Volke zugewandt. Er hat daher in seiner Büßpredigt oft und nachdrücklich von der Liebe gesprochen und, wie angenommen werden darf, die blos äußere Gesetzlichkeit bekämpft, wenn auch die Predigt vom nahen Reich durchaus im Mittelpunkt seiner frohen Botschaft, seines Evangeliums stand. In alledem lag nichts, was über den Vorstellungskreis und das religiös-moralische Bewußtsein des Judenthums jener Tage irgend hinausging. Das moderne, liberale Christenthum aber macht sich hier einer doppelten Ungenauigkeit schuldig. Denn erstens macht es im Evangelium Jesu das sekundäre, weil abgeleitete Moment von der Predigt der Liebe zur Hauptsache und spricht demgemäß gern von einem Evangelium der Liebe, während es das Evangelium Jesu, streng historisch betrachtet, mit dem kommenden messianischen Reiche, ganz im Sinne des damaligen jüdischen Glaubens, zu thun hatte. Zu diesem jüdisch-messianischen Glauben gehörte, wiederum ganz wie bei Jesus, das Kommen des Reiches Gottes nicht blos über, sondern auch in den Menschen, mit anderen Worten, nicht blos die Erlösung und Erhöhung Israels, sondern auch das absolute Beherrscht- und Erfülltsein des Menschengeistes von einer geläuterten, vertieften religiös-moralischen Auffassung und Gesinnung. Hier also, wie dies von liberalchristlicher Seite häufig geschieht, einen Gegensatz zu konstruiren, ist nach den vorliegenden Zeugnissen unhistorisch und darum auch unberechtigt. Unzweifelhaft hätte dieser Gegensatz in den Worten Jesu klar und unzweideutig zum Ausdruck kommen und in seiner Verkündigung eine durchaus centrale Stellung einnehmen müssen. Die zweite Ungenauigkeit besteht darin, daß mau aus Jesu Predigt von der Gottes-und Menschenliebe einen Gegensatz zum Judenthum heranshöreu^will, während Jesus nur, wie jeder wahrhaft fromme Jude seiner Zeit und aller Zeiten, zur blos äußerlichen Gesetzlichkeit ein gegensätzliches Verhältniß hatte. Das Gesetz selbst aber wollte Jesus in keiner Weise aufgehoben wissen. Dies wird irr neuerer Zeit auch von den wissenschaftlichen Vertretern der Protestantischen Theologie mehr und mehr zugegeben. Es ist daher verkehrt, in Jesus, wie selbst in jüdischen Kreisen aus Unkenntniß häufig geschieht, einen religiösen Reformator erblicken zu wollen. Wie wenig jedoch Jesus selbst den Glauben hatte, daß die jüdische Religion die äußere Gesetzlichkeit vertrete, dafür wollen wir nur eine Stelle aus dem Neuen Testament selbst anführen: Ein Schristgelehrter, so heißt es dort, tritt an Jesus mit der Frage heran : „Meister, welches ist das Hanptgebot im Gesetz?" Und Jesus antwortet: „Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Das ist das erste und größteGebot. Ein zweites ihm ähnliches ist: Du sollst lieben deinen