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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-06 · Heft 49 (6.12.1901) · p. Seite 584

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 49 (6.12.1901)
Date
1901-12-06
Page
Seite 584 (sequence 10)
Language
German
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584 gehen alle sreiwillig und freudig mit. Wie wäre es auch möglich, sie zu täuschen, da die Dampfer von Genua und Bordeaux über vierzig Tage laufen, die Mädchen sich mit den anderen Güsten wochenlang frei an Bord bewegen, und sich jedes genau informiren kann. Wenn das Schiff im Hafen von Buenos Aires ankommt, besteigen es zunächst der Polizeichef, seine Beamten, die Sauitätspolizei, und jede Person wird nach Alter und Beruf genau gefragt. Das Mädchen, das sich nicht ausweifen kann und das 21. Lebensjahr noch nicht erreicht hat, wird in das Johanuiskloster, eine Art Arbeitshaus, gegeben und dort getauft. Es muß drei Jahre laug harte Arbeit verrichte», vor der Oberin stets knien; es wird im Weigerungsfälle grausam bestraft und nach mehrjährigem Dienste einer vornehmen katholischen Herrschaft als Magd überwiesen. Ich habe manch russisch-jüdisches Mädchen hinter den Gittern der Klosterfenster weinen sehen. Und auch die eleganten Lasterhöhlen werden fast täglich revidirt, und jedes Mädchen kann jeden Augenblick sich an ihren Konsul wenden und frei sein. Der Agent, der minderjährige Mädchen ins Land bringt, erhält eine mehrjährige Gefängnißstrase." „Haben jene Mädchen," forschte ich weiter, „bei ihrer Abfahrt noch einen Schimmer von religiösem Sinn? Kennt man denn in Polen nicht das Wort der Bibel: „Es soll keine Buhlerin sein unter den Töchtern Israels?" „Nein, von Religion ist keine Spur mehr bei ihnen. Die Eltern sind schlecht und geben es zu, oder die Mädchen sind schon längst ans dem Elternhause verstoßen. Die fürchterliche Armnth und die geringe Bildung treiben sie alle auf den Weg des Lasters. Das Ganze gilt Allen — Besitzern, Agenten, Mädchen — als Geschäft, bei dem sie theils wohlhabend werden und dann zu einem ehrbaren Lebenswandel zurückkehren, theils aber auch verkommen und nntergehen." „Aber warum mußten Sie bei Ihrem Wissen und Ihrer Klugheit so untergehen?" „Ja, wenn ein liebender Vater mich erzogen hätte, ich säße nicht hier. Mein Vater starb im Alter von 34 Jahren. Und dann mußte ich hinaus in die Welt, die mich heute verstößt. Kein Mensch will jetzt von mir etwas wissen. Aber Gott ist ein Gott des Erbarmens. Wenn ich hier sterbe, so lassen Sie mich auf jüdischer Erde begraben, lassen Sie ein Gebet für mich sprechen, damit ich Ruhe finde. . . ." Und der Mann schlug immer leidenschaftlichere Töne an und brach in ein heftiges Weinen aus, während ein Schauer den ganzen Körper durchzitterte. Der göttliche Strahl, der selbst aus der Seele des größten Verbrechers sich nicht ganz verliert, begann zu leuchten. q« -t- Etz hat sich ein Komitee mit der schweren Aufgabe gebildet, dem schändlichen Mädchenhandel Einhalt zn thun. Soll die Arbeit, soweit Juden in Betracht kommen, Erfolg haben, so genügt es nicht, die Grenzen zu bewachen, und die Schuldigen der Strafe auszuliefern, die Hydra des Lasters zeigt immer neue Köpfe. Nach Galizien und Polen muß die Hilfe gehen und dort die Geister wecken, die traurige Lage der unglücklichen Juden bessern, ihr Wissen fördern, ihren Kulturgrad erhöheu, ihnen echte Frömmigkeit geben. Die Typen jener gebildeten Glaubensverächter und jener bildnngsfeindlichen Strenggläubigen, wir kennen sie durch Karl Emil Franzos, sie sind zu Tausenden in Halbasien zu finden. Es nutzt nichts, der deutsche Jude und der angesehene Glaubensgenosse in jenen Ländern müssen heute jenen Männern gleichen, die mit dem Schwert in der einen Hand den Feind überwanden, mit der Kelle in der anderen den Tempel bauten. Es gilt gegen den Judenhaß zu kämpfen, es gilt das Böse aus der eigenen Mitte zu bannen. Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott! Der Austaltspark legte sein Herbstgewand an. Müde fielen die Blätter vom Baum, und schrill saug der Wind durch das raschelnde Laub sein trauriges Lied vom Sterben und vom Vergehen. Ich aber dachte an die düstere Zelle und an ihren einsamen Bewohner, und durch den Sinn ging mir das Wort: „Immer sei der Mensch gottesfürchtig in der Stille, und er bekenne die Wahrheit und er spreche die Wahrheit, auch in seinem Herzen!" Aie Sittenlehre des Iudenthmns. Von Dr. M. Joseph. IV. ^J^^on den beiden genannten Folgerungen, die sich aus der? Gottesliebe ergeben, hat man von jeher die Menschenliebe in den Vordergrund gestellt. Und ganz gewiß mit Recht! Denn Mäßigkeit und Selbstbeherrschung werden schon durch die Klugheit empfohlen, zur Arbeit drängt die Noch des Lebens und zur Erfüllung der Berufspflicht das wohlverstandene persönliche Interesse. Die moralisch-religiöse Auffassung vermag diesen Forderungen der Klugheit nur mehr Halt und Kraft, mehr Stetigkeit und Festigkeit, mehr Werth und Bedeutung zu verleihen. Der Menschenliebe dagegen wirkt häufig genug der natürliche Egoismus in tausend Gestalten entgegen, der immer und immer wieder durch die ideale Förderung der Menschenliebe überwunden oder doch aus sein berechtigtes Maß zurückgeführt werden muß. Daher wurde im Judenthum das Gebot der heiligen Schrift „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst," (Lev. XIX., 18) stets als einer der wichtigsten und umfassendsten Grundsätze der Sittenlehre betrachtet. Zu Hillel, dem großen Schriftgelehrten, der etwa eine Generation vor Jesus lebte, kam einmal, so lautet eine bekannte Erzählung, ein Heide, der an ihn die anscheinend wunderliche Zumuthung stellte, er solle ihm den Inhalt der jüdischen Religion in der kurzen Zeit beibringen, in welcher er auf einem Fuße stehen könne, dann wolle er sich zum Judeuthum bekehren. Hillel antwortete ihm: „Was du nicht willst, daß man dir thu', das füg' auch keinem Andern zu. Nun gehe hin, mein Sohn, und vertiefe dich in die einzelnen Folgerungen, die sich daraus ergeben." (Sabbath 31 n.) Im Neuen Testament findet sich derselbe Ausspruch in positiver Fassung: „Was du willst, das; man dir thue, das thue auch Anderen." (Matth. 7, 12, Luc. 6, 31.) Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß auch diese Fassung ans der jüdischen Ueberlieferung herübergenommen ist. In jedem Falle ist die erstere Fassung, wie wir mit Bestimmtheit wissen, eine in jener Zeit übliche Umschreibung des biblischen Gebots: „Liebe deinen Nächsten wie dich sebst." Glücklich können wir diese Umschreibung, auch die im Neuen Testament, nur insofern nennen, als sie dein Gebot der Nächstenliebe eine für die Praktische Anwendung geeignete Form giebt: „Willst du wissen, was du deinem Mitmenschen schuldest, so frage dich jedesmal, wie

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