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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-06 · Heft 49 (6.12.1901) · p. Seite 583

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 49 (6.12.1901)
Date
1901-12-06
Page
Seite 583 (sequence 9)
Language
German
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583 kommt den jüdischen Zuchthäuslern mit dem größten Wohlwollen entgegen. Am Sabbath ruht die Arbeit; sie arbeiten am Sonntag in ihren Einzelzellen. Jeder erhält sein Gebetbuch. An den hohen Festtagen verbinden sie sich zu gemeinsamer Andacht. Rabbiner und Pfarrer haben jederzeit Zutritt. Während des Passahfestes erhalten die Gefangenen acht Tage lang aus einem Gasthanse streng rituelle Kost, die aus privaten Mitteln bestritten werden muß. Zu den Sterbenden erhält die Chewra kadischa Zutritt, die Leichen gelangen auf dem Fried- Hofe der zugehörigen israelitischen Gemeinde zur Beisetzung. * * * Mit düsteren Empfindungen betrete ich immer diese Stätte, und noch trauriger gestimmt verlasse ich sie. Unheimliches Schweigen herrscht auf den endlos langen Korridoren, und in den Zellen wühlt oft der Schmerz. Wie viele Lebensromaue haben hier ihren erschütternden Abschluß gefunden, wie hart wird Jrrthum und Leichtsinn hier gebüßt! Wie viele Kinder des Glückes würden vielleicht ebenso straucheln, wenn an ihrer Wiege ein ander Lied gesungen worden wäre, wenn man in gleicher Stickluft sie erzogen hätte, wenn neben ihnen am Wege dieselbe Mühsal schritte. Da drüben sitzt ein junger Mensch von zwanzig Jahren. Sein Vater ist Chassid in Polen und betet den ganzen Tag. Die Stiefmutter hat den Sohn in die mitleidslose Fremde hinausgestoßen. und daun ist er immer weiter abwärts geglitten, zur Lüge, zum Diebstahl, in das Zuchthaus. Neben ihm sitzt ein sechzigjahriger Mann aus Warschau. Das soziale Elend ist groß. Das Branntweinmonopol hat Zehntausende zu Bettlern gemacht, das tägliche Brod fehlte, da ist er blutarm über die Grenze gewandert und hat sich am Gute seines Nebenmenschen vergriffen und hat den Namen seines Gottes entweiht. Die Sünde ward ihm zur Gewohnheit — und jetzt wickelt er Cigarren. So trägt jeder sein Trauerspiel mit sich, mit Noch beginnt es, und mit Verzweiflung will es enden. Und nun hatte John Meierowitsch mich um ineinen Besuch gebeten, da er mich sprechen müsse. Es gewährte mir einen eigenartigen Reiz, in die Seele dieses Mannes einen Blick zu thun und vielleichtauch von einem „Eingeweihten"zu erfahren, ob denn wirklich die Behauptung der Hetzpresse, daß jener schändliche Handel nur in den Händen von Inden ruhe, wahr sei. Und so betrat ich die Zelle des „Agenten aus Buenos Aires." Wir sind allein. Die Morgensonne leuchtet durch das schmale Fenster. Der Insasse sieht mich prüfend an. Er weiß nicht, ob ich nicht, wie einst der Londoner Rabbiner, im Aufträge der Justizbehörde komme, ihn auszufragen. Ich beruhige ihn, ich hätte nicht zu richten, sondern nur zu mahnen und zu trösten. Und er schöpft freudig Muth. „Was haben Sie denn da gebetet?" so beginne ich das Gespräch, indem ich, wie immer, auf das sonst übliche Anstalts- Du verzichte. „Hier diese Worte bete ich täglich: „Immer sei der Mensch gottesfürchtig im Stillen, und er bekenne die Wahrheit!" „Nun," so werfe ich ein, „bekennen Sie auch mir einmal die Wahrheit! Sie nannten sich in Ihrem Schreiben John, hier aber steht Israel Meierowitsch?" „Dasselbe fragte mich der Richter. John heiße ich nach meinem englischen Paß und Israel, weil ich dem Volke Israel angehöre." „Das ist ja sehr schmeichelhaft für das Volk Israel. Aber sagen Sie mir, wie kommen Sie in diese entsetzliche Lage? Was haben Sie nur gethan?" Er will nichts gethan haben. Er ist unschuldig wie die Anderen alle. Ein erneutes Nevisionsgesnch ist im Gange. Er dachte gar nicht daran, Mädchen über die Grenze zu befördern. Das Gericht habe eine Postkarte mißverstanden. Die eigenen Glaubensbrüder hätten ihn zu Grunde gerichtet. „Sind Sie verheirathet?" frage ich weiter. Er antwortet niedergeschlagen: „Meine Frau schickte mir den Scheidebrief, meine Geschwister sagten sich von mir los, mein Sohn antwortet mir nicht mehr." „Haben Sie etwas gelernt?" „Ich spreche sieben Sprachen, darunter Spanisch. Englisch, Italienisch, Französisch. Ich war Agent in Bnenvs Aires und auch Dolmetsch bei der dortigen Polizei. Auch die Bibel kenne ich." „Und warum kannten Sie nicht das Bibelwort: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige!" „Ich habe ja nichts Böses gethan. Man hat mich in den letzten Wochen dreimal photographirt, in Sosnowice, in Benthen und hier; man hat mein Bild in alle Welt geschickt, man wird nichts finden." Und nun beginnt er sein trauriges Leben vor mir auszurollen. Die Härte seines Wesens schwindet, er sängt an zu weinen und Helle Thränen laufen ihm über das Gesicht. Er stammt von russischen Eltern. Früh starb der Vater. Er blieb mit sechs Geschwistern zurück. Die Kinder wurden unter Verwandten vertheilt, er kam nach Ostindien, nach Kalkutta. Er war allein in der Welt und lernte. Das Glück hatte ihn mit seinem Vater verlassen, nichts wollte gelingen. Da ging er nach Buenos Aires. Dort wurde er Agent, ging täglich zu den Schiffen, vermittelte für die ankommenden Fremden Häuser, Felder, Maaren und anscheinend auch — andere Dinge. Die Noch betäubte sein Gewissen, das Unrecht wurde sein Geschäft. „Aber ist es nicht scheußlich, daß Juden zu solch lasterhaften Dingen sich hingeben? Ist es wahr, was die antisemitische Presse behauptet, daß diese Agenturen nur in jüdischen Händen ruhen?" „Das ist erlogen!" ruft er schnell aus. „Bueuos Aires ist eine große Stadt. Auch das Laster hat dort seine Stätte. Die öffentlichen Häuser haben Engländer, Franzosen, Spanier, Italiener und auch, aber nur zu einem kleinen Theile, russische Juden zn Besitzern. Und gerade wie Jene einige Male jährlich in ihre Heimath reisen oder schicken, um neues Material herbeizuschaffen, so machen es auch Diese." „Wie groß ist die Zahl der jüdischen Mädchen, die so jährlich nach Buenos Aires gehen?" „Die Zahl der nach Brasilien gehenden kann ich nicht wissen, aber aus Argentinien kehren jährlich die jüdischen Besitzer oder ihre Vertreter höchstens dreimal in die Heimath zurück, und jedesmal folgen ihnen zwei, drei, höchstens vier Mädchen." „Ist es wahr, daß jüdische Mädchen oft unter falschen Vorspiegelungen hinausgelockt werden und ihre Eltern im Jammer zurücklassen?" Er lachte bitter auf. „Auch das ist erfunden! Nur was von Grund auf verdorben ist, geht hinaus, um die schmutzige Gasse mit den kostbaren, rasfiuirt ausgestatteten Salons, um das trockene Brod mit den leckeren Bissen umzntauschen. Sie

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