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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-06 · Heft 49 (6.12.1901) · p. Seite 581

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 49 (6.12.1901)
Date
1901-12-06
Page
Seite 581 (sequence 7)
Language
German
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581 jener- Herr zum Wahlvorstand gehöre. In Wirklichkeit erfolgte dieses Manöver nur. um den Stimmzettel in die Hand zu bekommen. Letzterer wurde gegen^das Licht gehalteil und da sich zufällig der liberale vom konservativen Stimmzettel durch einen schwarzen Strich unterschied, konnte genau die religiöse Richtung des Wählers erwiesen werden. In einem Falle, den wir selbst beobachtet haben, gelang es den Kämpen des Centralvereins, einen Wähler, dessen liberale Richtung durch jenes Manöver zur Feststellung gelaugt war, so lange zu bearbeiten, daß er sich statt seiner Liste die konservativen Kandidaten auskleben ließ. Von liberaler Seite wurde nunmehr der Wähler aufmerksam gemacht, daß er sich einen seiner Richtung nicht genehmen Stimmzettel habe aufdrängen lassen, und, angewidert durch dieses Treibe«, kehrte der Wähler um, und verzichtete auf die Ausübung seines Wahlrechts in diesem Lokal. Während in der Oranienburgerstratze vor dem Wahllokal mit lauter Stimme als Kampfgeschrei: „Hier Centralverein Schabbes" ertönte, erscholl in der Schönhauser Allee entsprechend der dort wohnenden orthodoxen Bevölkerung, in Umlautnng der Vokale der Schlachtruf: „Hier Centralverein Schabbos!" Wesentlich ruhiger gestaltete sich der Wahlakt in den Lokalen des Westens und in Charlottenbnrg. Durch die ausgedehnte Agitation, welche vor dem Wahltage unternommen worden ist, ist jedenfalls das eine Gute erreicht worden, daß eine große Zahl unserer Glaubensgenossen aus ihrem Zndifferentismus aufgerüttelt wurde, daß ihnen wieder zum Bewußtsein gebracht wurde, daß sie Inden sind und für jüdische Interessen einzutreten die Pflicht haben. Doch bleibt es trotz dieser ungeheuren, mit allen erdenklichen Mitteln in Szene gesetzten Wahlbeeinflussungen immerhin erstaunlich, daß nur 42 Prozent der Wähler von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht haben. Geradezu befremdend muß es allerdings wirken, wenn man einmal einen Vergleich aiistellt, was die jetzigen Wortführer des Centralvereins vor drei Jahren gesagt und welcher Ansicht sie diesmal Ausdruck gegeben haben. Ein Herr, dessen Worte im letzten Flugblatte des Centralvereins mit großem Nachdruck vorgeführt worden sind, schrieb diesmal mit genau dem gleichen Feuer und der gleichen Wärme gegen die Liberalen, wie er bei der vorletzten Wahl gegen den Centralverein aufgetreten ist. Ihm hätte das nicht passiren können, wenn er nach Heineschem Rezept gehandelt hätte, der nach seinen eigenen Worten jedesmal, bevor er schrieb, seine politischen Grundsätze in seinen früheren Schriften wieder nachlas, „damit ich mir nicht widerspreche und man mir keinen Abfall von meinen liberalen Prinzipien vorwerfen könne". Er ries diesmal zur Betheiliguug au der Wahl auf. um der liberalen Partei eine Niederlage zu bereiten, wie sie noch keine Partei in der hiesigen Gemeinde erlebt habe, und vor drei Jahren schrieb derselbe Herr gegen die Konservativen: „Wir hoffen, daß diese Zeilen in letzter Stunde ihre Wirkung nicht versagen werden, und daß die Herrschaft der Feinde der Vernunft bald beseitigt sein wird!" Und an einer anderen Stelle hieß es: Die Vertreter des Centralvereins, und zwar ihre bedeutendsten, sind hart bis an die Grenze dessen gegangen, was in einem Kulturstaate geduldet werden kann; sie haben gezeigt, daß Dünkel, Machtgelüste. Unduldsamkeit lind skrupellose Rücksichtslosigkeit zur Substanz dieser Partei gehören. Sie haben nur die Erkenntniß bestätigt, daß die Orthodoxie und was mit ihr verwandt ist. nur so lange duldsam ist, so lange sie nicht die Macht besitzt, und ich glaube es Voraussagen zu dürfen, daß, wenn diese Partei auch diesmal siegt, sie naturgemäß ihren ganzen Haß gegen alles, was im Judenthum mit Vernunft und Wissenschaft zusammenhängt, in der übermüthigsten Weise zur Geltung bringen wird. Der Lammespelz, den diese Partei vor den Wahlen umgeworfen, soll nur über ihre wahre Natur hinwegtänschen." Bei der diesjährigen Wahl ist also dieser Wortführer mit der gleichen Wärme für die „Feinde der Vernunft" eingetreten, wie er vor drei Jahren zum heftigen Kampfe gegen sie aufgerusen hat. Es erscheint uns schwer, diese gegentheiligen Anschauungen ausznktären, um so mehr, als in der Partei, für welche das Wort ergriffen wird, nicht solche Sinnesänderungen in der kurzell Frist von drei Jahren vor sich gegangen sind, um die jetzt geäußerte Ansicht stützen zu können. Wie wir hören, werden die vielen Unregelmäßigkeiten, die bei der Wahl vorgekommen, zum Gegenstand eines Protestes von liberaler Seite gemacht werden. -AM We jüdischen Justizbeamten des Königreichs Bayern in -er Kammer der Abgeordneten. München, 1> Dezember. er Abgeordnete Dr. Heim hat seinen vom Finanzausausschusse abgelehnten Antrag „es sei die Staatsregierung zu ersuchen, in der Justizverwaltung Israeliten nur in einer Anzahl anzustellen, welche dem Verhältnis; der Israeliten zur Gesammtbevölkerung entspricht" in der Sitzung der Kammer der Abgeordneten vom 28. November 1901 in der Form wieder aufgenvmmen: „Die Kammer wolle beschließen: „Es sei an die Regierung die Bitte zu stellen, Israeliten möglichst nur im Verhältniß der israelitischen Bevölkerung zur Gesammtbevölkeruug iu die Justizverwaltung aufzunehmen." Der Antrag ist nicht für sich allein berathen worden, sondern gelegentlich einer Unzahl von unbegründeten Vorwürfen gegen den Justizminister wegen angeblicher Protektion von Verwandten seiner selbst und seiner Referenten, deren Nichtigkeit mit Leichtigkeit sofort nachzuweisen war. Die ganze, sich durch zwei Tage hinziehende Diskussion hat keinerlei Thatsachen ans Licht befördert, welche den Antrag zu stützen vermochten; keiner war im Stande, auch nur eine Spur eines Vorwurfs gegen einen der im Amte befindliche» jüdischen Justizbeamten zu erheben; die Stimmung der Bevölkerung, Aeußernngen eines jüdischen Hausirers, der einen Prozeß bei einem christlichen Amtsrichter verloren hatte und iu der Eisenbahn die voll einem Abgeordneten mitangehörte lächerliche Aeußerung gethan hatte, bei einem jüdischen Amtsrichter hätte er gewonnen; der Bankerott eines jüdischen Fabrikbesitzers, die Ersteigerung eines Anwesens durch jüdische Güterschlächter zu einem billigen Preis, öde Schimpfereien auf die Inden überhaupt, endlich die Haltung der „Frankfurter Zeitung" und anderer Blätter, die einen Katholiken zum Antisemiteil machen könnte», wurden ins Treffen geführt. Aber von der ganzen bayrischen Centrumspartei hat sich nicht ein einziger Abgeordneter zu einigen Worten gegen den Antrag aufgerafft; ihr Vorsitzender Dr. Daller, durch dessen Stichentscheid im Finanzausschüsse der Antrag gefallen war, erklärte, für den Antrag in seiner nunmehr abgeänderten Form zu stimmen, während dasselbe Centrum im Reichstage seinen Toleranzantrag stellt. Lediglich der Referent Lernv entschuldigte sich zwar, indem er meinte, daß auch ihm die schwere wirthschaftliche Bedrückung des christlichen Landvolkes durch dasJudenthum zu Herzen gehe, er könne aber wegen der Verfassungsmäßigen Grundsätze und der Rücksichtnahme aus die absolut richterliche Objektivität, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit, die ihm weit höher stehen als die Zinne der Partei, nicht für den Alltrag stimmen. Er wird wohl die genannten Eigenschaften, »ach dem, ivas er schon früher sagte, den im Amte befindlichen israelitischen Justizbeamten zngeschrieben haben. Der Justizmiliister Dr. von Leonrod sagte: „Ich komme nun zum Schluß zum Antrag Dr. Heim. Der Herr Antragsteller hat gestern die Tendenz seines Antrages dahin präzisirt, daß bei Anstellung jüdischer Staatsdienstaspiranten im Justizdienst der nun einmal vorhandenen Stimmung der Bevölkerung Rechnung getragen werde. Der Ihnen vorliegende Antrag ist im Wesentlichen die Wiederholung eines Antrages, den Dr. Heim schon im Ausschuß bereits gestellt hat. Dort habe ich folgende Erklärung abgegeben: „Ich darf davon ausgeheu, daß den Herren Antragstellern ferne liegt.

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