Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1901)
- Date
- 1901-12-06
- Page
- Seite 578 (sequence 4)
- Language
- German
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578 söhriung dieses Gesetzes der beiden großen Geislesrichtungen die Arbeit der ganzen Kulturgeschichte geworden ist. Nach verschiedenen unvollkommenen Vermittelnngsversuchen ist der soziale Lichtkeim zn eitler höheren harmonischen Richtung, in welcher die naturwüchsigen Rassengegensätze der welthistorischen Kulturvölker schließlich zur Versöhnung gelangen sollen, in neuer Zeit aufgegaugeu. Spinoza erscheint jenem Forscher als der Genius, in dem die moderne Weltanschauung sich verkörpert. Man mag nun im Einzelnen gegen diese Auffassung mancherlei und nicht ohne Berechtigung Vorbringen, im Großen und Ganzen wird man doch bekennen müssen, daß sich die Entwickelung der großen Menschheitsidee, wie sie sich typisch in dem Kampfe zwischen Judenthum und Hellenismus ausprägt, so zugetragen. Und noch mehr. Man wird, wenn man die Dinge dieser Welt objektiv betrachtet, unbedingt zugeben müssen, daß dieser Kampf auch heute noch nicht beendet ist, und daß die Harmonie, welche durch die moderne Weltanschauung Spinozas erreicht worden sein soll, neuen Zweifeln und neuen Anschauungen den Weg hat ebnen müssen. Gerade in unseren Tagen ist ja der Kampf zwischen der Wahrheit und der Schönheit mit einer Gewalt entbrannt wie seit Jahrhunderten nicht. Was ist Schönheit, was ist Wahrheit? Die Einen behaupten, die Wahrheit sei die Schönheit, und auch das Häßliche sei schön, wenn es wahr dargestellt wird. Die Anderen verfechten das alte Grundprinzip der Sittlichkeit, die über aller Schönheit stehe. Der heiße Kampf, der einst „in jenen Tagen um diese Zeit" in Palästina zwischen Judenthum und Hellenismus entbrannte und beide in zwei große feindliche Lager theilte, ist auch heute noch nicht ausgekämpft. Darum kann inan auch, wie es einst Heine, vielleicht von demselben Gedanken allsgehend, gethan, die Menschen in zwei große Parteien eintheilen: in Juden lind in Hellellen. Zu den ersteren rechnet er allerdings die Menschen mit asketischen, bildfeindlichen, vergeistigungssüchtigen Trieben, zu den letzteren die Menschen voll lebensheiterem, entfaltungsstolzem und realistischem Wesen. Später kam er freilich zu einer anderen Anschauung, und es ist unser Stolz, daß gerade er erklären mußte, er habe früher nicht eingesehen, daß Moses trotz seiner Befeindung der Kunst dennoch ein großer Künstler war llnd den wahren Künstlergeist besaß, und daß er wie über den Werkmeister, so auch über das Werk, über die Juden nie mit hinlänglicher Ehrfurcht gesprochen habe und zwar gerade seines hellenischen Naturells wegen, dem der jüdische Asketismus zuwider war. Erst als seine Vorliebe für Hellas vergangen, sah er es ein : „Die Griechen waren nur schöne Jünglinge, die Juden aber waren immer Männer, gewaltige, unbeugsame Männer, nicht blos ehemals, sondern bis auf den heutigen Tag, trotz 18 Jahrhunderten der Verfolgung und des Elends." Die Geschichte des Mittelalters und selbst der modernen Zeit habe selten in ihren Tagesberichten die Namen der Ritter des heiligen Geistes eingezeichnet, denn sie fochten gewöhnlich mit geschlossenem Bisir, ebensowenig die Thaten der Juden. „Was ihr eigentliches Wesen, sei der Welt unbekannt. Man glaubt sie zu kennen, weil man ihre Bärte gesehen, aber mehr kam nie voll ihnen zum Vorschein; und wie im Mittelalter, sind sie auch in der modernen Zeit ein wandelndes Geheimniß. Es mag enthüllt werden an dem Tage, wovon der Prophet geweissagt, daß es alsdann nur noch einen Hirten und eine Heerde geben wird, und der Gerechte, der für das Heil der Menschheit geduldet, seine glorreiche Anerkennung empfängt." Es erscheint uns als der höchste Triumph für die Weltanschauung des Geschichtssabbaths, daß einer der genialsten Vorkämpfer der hellenischen Weltanschauung am Abend seines Lebens zu dieser Erkenntniß gelangt ist. Nein, der Kamps des Judenthums mit dem Hellenismus ist noch lange nicht zu Ende. Er wird erst dann in einer höheren Harmonie sich auflösen, wenn die Wahrheit mit der Schönheit, die Sittlichkeit mit der Freiheit im Bunde die Menschheit regieren werden. Bis dahin aber, meine lieben Freunde, lasset uns unsere kleinen Chanukahlichter weiter anzünden. Sie zeigen uns, daß das Judenthum noch lebt und zum Kampfe gerüstet ist, heute wie in den Tagen des Hämmerers Juda Makkabi glorreichen Angedenkens. Me Woche. Berlin, 3. Dezember. ie unsere Leser schon aus den Tagesblättern wissen, hat die bayerische Abgeordnetenkammer einen Antrag des Centrumsabgeordneten Heim betreffend die Beschränkung der Zahl der jüdischen Richter in Bayern nach zweitägiger Debatte in namentlicher Abstimmung mit 77 gegen 51 Stimmen angenommen. Der Antragsteller hatte am Donnerstag seinen Antrag in einer längeren Rede begründet, in der er die unglaublichsten Beschimpfungen der jüdischen Bevölkerung vorbrachte. Dieser unerwartete Ausgang der Angelegenheit wird sicher nicht verfehlen, großes Aufsehen zn erregen. Wir bringen an anderer Stelle einen ausführlichen Bericht aus der Feder eines mit den einschlägigen Verhältnissen wohlvertrauten Fachmannes, und begnügen uns für heute, den Eindruck zu konstatiren, den dieser unerwartete und unerfreuliche Ausgang der Justizdebatte im zweitgrößten deutschen Bundesstaate bei allen Freunden des Rechts und des Fortschritts Hervorrufen muß. Die Debatte über die jüdischen Justizanwärter in Hessen, von der wir schon in der vorigen Woche sprachen, ergab noch manche interessante Momente, die im Interesse der Sache nicht übergangen werden dürfen. Nachdem sich die Antwort des Jnstizministers lange verzögert und der Petitivnsausfchuß etwa IVsJahre zur Abfassung einer farblosen Resolution benöthigt hatte, erschien die Frage unerwartet schnell auf der Tagesordnung. Man hatte das Gefühl, als wünsche der Jnstizminister dieses immerhin etwas unbehagliche Thema schnell erledigt zu sehen. Einem Bericht der „Darmstädter Zeitung" über diese Verhandlungen entnehmen wir noch folgende Einzelheiten: Abgeordneter Köhler-Langsdorf (Antis.) erklärt, nach seiner Ansicht werden die nächsten Wahlen eine immer größere antisemitische Mehrheit in den Landtag bringen. Es sei bedauerlich, wenn man sehe, daß Juden als Notare angestellt würden, Erbvertheilungen machten u. s. w. Die Inden sagten doch selbst, daß sie ei» Volk unter den Völkern bildeten. Die allergrößte Anzahl der Abgeordneten habe antisemitische Tendenz. (Widerspruch.) Gegen die letzte Behauptung des Vorredners wendet sich Abgeordneter Ulrich (Soz.) Seine Partei bekämpfe bei den Inden nur die Anmaßungen, wie sie solche bei jeder Partei bekämpfe und zurückweisc. Der Ausschuß erwarte, daß die Regierung prinzipiell den Standpunkt der religiösen Gleichberechtigung wahre; dies sei einfach der absolut