Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1901)
- Date
- 1901-12-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Nr. 49. Berlin, 6. Dezember 1901. eitung des Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. I Diese Zeitung I Abonnements - I Post oder direkt I unter Streifbar I Redacteur erscheint wöchentlich. Preis: Durch Buchhandel, , von der Expedition in Berlin; ld bezogen Vierteljahr!.3 M. : Gustav Karpeles. Begründet von Nabbiner Ludwig Philippson-Vomi. Verlags-Crpe^ition: Verlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 8W., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Zum Chanukafeste. — Die Woche. - Nachklänge zur Nepräsentantenwahl. — Die jüdischen Ir stizbeamten des Königreiches Bayern in der Kammer der Abgeordneten. — Auch ein Interview. Von Dr. Adolf Blumenthal in Natibor. — Die Silteulehre des Iudeuthums. Von Dr. M. Joseph IV. — Feuilleton: Komödiant und Weltverbesserer. Von Samuel Gordon. II. — Klage eines vergessenen Chanukaleuchters. Von I. Cornelius, Lehrer a. D. in Rotenburg a. d. Fulda. — Literarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Pasewalk, Cammin, Lissa i. P., Breslau, Wiesbaden, Karlsruhe, Stuttgart, Wien — Von Nah und Fern. Jum Chanukafeste. Berlin, 5. Dezember. s wäre vergebliches Bemühen, wenn wir uns darüber hinwegtäuschen wollten, daß das Channkafest heute eine ganz andere Bedeutung hat als in früheren Zeiten. Ueber die Feier in alten Tagen wissen wir eigentlich nur sehr wenig. Das Channkafest galt als ein geschichtliches Dank- und Freudenfest zum Andenken an die Siege der Makkabäer über die Syrer unter Antiochus Epiphanes und an die Reinigung und Wiedereinweihnng des durch den Götzendienst verunreinigten Tempels. Die alten Quellen fließen nur spärlich über die Art, wie dieses Fest gefeiert wurde. Die griechisch redenden Juden nannten es aber charakteristischerweise das „Fest der Lichter", und Jvsephus findet in diesen Lichtern ei» Symbol der Freiheit. Außerdem hat der Talmud noch die Sage von dem Oelkrüglein, das man bei der Wiedereinweihnng des Tempels aufgefunden, und das durch den Götzendienst nicht verunreinigt war. Dieses gebrauchte man für die Lampen des Tempels, und es hat wunderbarerweise acht Tage lang gereicht. Im Mittelalter feierte man das Fest wie alle anderen. Der Umstand, daß nur wenige besondere Ceremonien für dasselbe vorgeschrieben waren, und daß Tags über Jeder seiner Arbeit nachgehen konnte, machte das Channkafest zu einem besonders beliebten. Heitere Spiele zierten die Festzeit und hoben die mit Mühsal beladenen Bewohner des Ghetto weit hinweg über den Kreis der Tage des Jahres, die ihnen allesammt nur Noch nnd Qual brachten. Eine ganz andere, höhere Bedeutung hat das Channkafest für uns in dieser neuen Zeit, und wer am Vorabend des Festes unsere Synagogen besucht, der wird sich dieser Thatsache nicht verschließen. Worin liegt nun aber diese höhere Bedeutung des Festes? Einfach darin, daß wir zu der Erkenntlich von dem tieferen Kern, der dem Feste zu Grunde liegt, gelangt sind. Das Channkafest ist der charakteristische Ausdruck des Kampfes zwischen In den thum und Hellenismus. Wir wissen heute sehr genau, daß dieser Kampf noch lange nicht zu Ende ist, und jede neue Phase dieses Kampfes erinner llirs all die große Aufgabe, die wir noch zu erfüllen haben. Bewußt oder unbewußt fühlen wir daher die große geschichtliche, religiöse lind soziale Tragweite, welche der Kampf in sich schließt, der mit dem Auftreten der Makkabäer begonnen, und der mit unserer Generation noch lange nicht zu Ende ist. Ein uraltesBibelivvrt war es, das zuerst die beiden Hauptfaktoren der menschlichen Kultur, das Judenthum nnd den Hellenismus, in nahe Verbindung brachte: nach der Verheißung dieses Bibelworts sollte Gott Japhet aus breiten und in den Hütten Sems wohnen der sinnigen Deutung der alten Rabbinen nach sollte damit die Schönheit dem Japhet, die religiöse Erkenntnis; dem Sem zugeschrieben nnd damit nicht nur das ureigene Grundwesen der beiden Völker, sondern auch ihre ganze künftige geschichtliche Mission ausgedrückt sein. Schon in uralten Zeiten mögen zwischen Juden und Griechen Verbindungen bestanden haben. Das Medium dieser Einflüsse ist aber historisch noch nicht sicher gestellt. Wir wissen nur, daß, je mehr die Hellenen in künstlerischer Durchbildung ihren pantheistischen Glaubenskreis vollendeten, sie desto schärfer in Opposition traten gegen den Spiritualismus der monotheistischen Religionsidee, die das Judenthnm verkörperte. Die Griechen vertraten, wie ein neuerer Forscher geistreich aussührt, den heidnischen Naturkultus, die Juden den Geschichtskultus; die antike Kultur der indogermanischen Stämme wurzelt in Hellas, die der Semiten in Judäa. In diesen beiden Ländern gelangte der typische Gegensatz der beiden Völker zu einem Höhepunkte. Die Griechen gingen von der Mannigfaltigkeit, die Inden von der Einheit des Lebens aus, jene faßten die Welt als ein ewiges Sein, diese als ein ewiges Werden ans. Dort sollte der Geist das räumliche Auseinander, hier das zeitliche Nacheinander durchdringen. „Im griechischen Geist? spiegelte sich die vollendete Schöpfung, im jüdischen die unsichtbare Arbeit des Werdens, das schöpferische Prinzip, welches im sozialen Leben erst seine Werktage anfing, als es im Naturleben schon zu seiner Sabbathfeier gelangt war." Der Vertreter dieser geistreichen Idee von dem Natursabbath des Hellenismus und dem Geschichtssabbath des Judenthums führt diese noch weiter ans, indem er sagt, daß die beiden ursprünglichen Typen des Geistes nicht jene klassischen Völker »lehr zu Trägern haben, dagegen noch immer klassische Individuen als ihre Vertreter ansehen dürfen, die sich heute in allen modernen Kulturvölkern zerstreut finden. Er sieht in Goethe nnd Schiller Vertreter dieser beiden Prinzipien und ebenso in Heine und Börne, und er kommt schließlich zu dem Resultate, daß die Ver-