Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1901)
- Date
- 1901-11-29
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 überreicht. Der von den beiden Bürgermeistern, dem Vorstande des Gemeindekollegiums und dessen Sekretär Unterzeichnete Text lautet: „Magistrat und Gemeindekollegium der Stadt Nürnberg haben heute einstimmig beschlossen, dem Herrn Kommerzieurath Ludwig Gerugros dahier in dankbarer Anerkennung seiner zu Gunsten der Stadt Nürnberg stets an den Tag gelegten hochherzigen Gesinnung das Ehrenbürgerrecht zu verleihen und hierüber diese Urkunde ansznsertigen. Nürnberg, den 30. Juli 1901." Bei der Ueberreichnng des Ehrenbürgerbriefes waren neben dem Gefeierten noch dessen Gemahlin, welche bekanntlich an den hochherzigen Beschlüssen ihres verehrten Gatten zu Gunsten der Stadt Nürnberg einen namhasten Antheil hat. der Bruder, Kommerzieurath Wilhelm Gerngros, dann Professor Wanderer und der Bruder der Frau Kommerzieurath Gerngros. Hr. Tnchmann, anniesend. Nach der feierlichen Ueberreichnng der Urkunde mit einer Ansprache des 1. Bürgermeisters Dr. von Schuh, wobei Kommerzienrath Gerngros gerührten Dank sagte, und der Ueberreichung eines prachtvollen Blumenstraußes durch Herrn Kommerzienrath Hebe an die Gemahlin des Gestierten, folgten die Anwesenden einer Einladung des Herrn Konnnerzieuraths L. Gerngros znm Essen, bei dem eine Reihe Ansprachen und Trinksprüche gehalten wurde. Oesterreich-Ungarn. Wien, 25. November. In der abgelaufenen Woche boten wieder einmal die beiden ch ri st l ich - a n t i s e m i ti s ch e n P a r t e i e n ein rührendes Bild friedlicher Eintracht: auf der Universitätsrampe kam es zu wilden Kampfesszenen zwischen deutsch - nationalen und christlich-sozialen Studenten, die nur durch das Dazwischentreten des Rektors nicht in arge Schlägereien ansarteten — dann schlugen oder vielmehr beklagten sich gegenseitig der Antisemit Vielohlawek und die „Ostdeutsche Rundschau", die sich nnt Worten wie „Preßköter" u. a. beehrten. Vielohlawek wurde zu vieruudzwanzigstündigem strengen Arrest vernrtheilt. Allein auch sonst war die Verbrecherchronik der letzten Tage ziemlich reich an rein christkatholischen Vertretern: Es wurde zu zwei Monaten Kerker vernrtheilt der ehemalige Kassier des Nubdorfer Spar- und Vvrschubvereius, der einer armen Frau ihr Depot unterschlagen hatte. Dem Gerichte wurden eingeliefert der Postbeamte Wenzel Wolf wegen Aneignung von Geldbriefen — der Postmeister Segatta ans Oberweiden wegen desselben Deliktes, und endlich wurde die steckbriefliche Verfolgung eingeleitet gegen einen gewissen Viktor Kecskemety in Budapest, der Führer der antisemitischen Studentenschaft an der Pester Universität ist. und der auf rasfinirte Weise der Steueramtskasse. wo er als Praktikant angestellt war, mit der runden Summe von 550 000 Kronen durchbrannte. — Dem Hofrath Benedikt Hahn wurde das Ritterkreuz des Leopoldsordens verliehen. — Recht traurig waren die Enthüllungen, die der sozialdemokratische Abgeordnete Daszynski jüngst im Abgeordnetenhause über die Korruption bei den Wahlen in Galizien und über die jüdischen Agitatoren daselbst machte. Der Redner nannte eine ganze Reihe einflußreicher Männer, die bei den letzten wie bei früheren Wahlen mit den Gegnern der Juden Wahlbündnisse eingefädelt und abgeschlossen haben. Es ist erfreulich, daß die Inden in Lemberg und Krakau sich voll dem unwürdigen Druck der Schlachta und der Agitatoren im eigenen Lager zu befreien angefaugeu haben. Von Nah und Fern. — Am 20. d. M. ist hier der Koinmissionsrath Michael Schlesinger im 69. Lebensjahre gestorben. — Das Reichsgericht hat die Revision des Bnchhäudlers De wald in Sachen der antisemitischen Postkarten verworfen. — Am 17. d. M. feierte der Kaufmann Jacob Fried länder in voller geistiger und körperlicher Frische sein 50 jähriges Geschästsjubilänm. Durch Fleiß und strenge Rechtlichkeit hat er sein im Jahre 1851 begründetes Goldwaaren- und Juwelengeschäft aus kleinen Anfängen zu einem der besten unserer Stadt gestaltet. Der Jubilar, einer der wenigen noch lebenden Mitbegründer des Berliner Sanitätswachwesens, hat am Abend seines Lebens die große Freude, die stetig wachsendeJuauspruchnahme dieser segensreichen Einrichtung zu beobachten. Vor einigen Jahren erhielt er die Rothe Krenzmedaille. — Eine ganz besondere Auszeichnung durch den Kaiser ist den Glasermeister Salomon A r n d 1 s chen Eheleuten zu Jastrow zu Theil geworden. Aus Aulaß ihrer goldenen Hochzeitsseier verlieh ihnen nämlich der Monarch auf ihren Wunsch statt der in Aussicht genommenen goldenen Ehejubiläumsmedaille eine in hebräischer Schrift verfaßte illustrirte Bibel, aus deren Titelblatt der Kaiser eine Widmung niedergeschrieben hat. — Der Vorsitzende im Vorstand des jüdischen Beerdigungsvereills zuGleiwitz, Herr Kaufmann Herrmalln Froehlich, ist am 15. d. M. im Alter voll 58 Jahren gestorben. — Die Direktion der Nordseebäder ans Amrum stellt den antisemitischen Charakter des Badeorts entschieden in Abrede. — In Gelsenkirchen feierte am 17. d. M. das Ehepaar S. W u n d m ü ll er in voller Rüstigkeit die goldene Hochzeit. In der Synagoge hielt Lehrer Kaufmann eine herzerhebende Rede und überreichte dem Jubelpaare die silberne Ehejubiläumsmedaille. Die Familienfeier gestaltete sich zu einem Gemeindesest. Im Namen des Vorstandes überreichte Herr Klestadt die Doresche Prachtbibel. Möge dem würdigen Paare noch ein schöner Lebensabend beschieden sein! — Der russische Unterrichtsminister General Wannofskh hat in dieser Woche auf eine Adresse der M oskauer Studenten, die unter anderen auch für ihre jüdischen Kommilitonen bessere Bedingungen für den Besuch der Universitäten erbaten, geantwortet, daß die Erfüllung dieses Wunsches nicht in seiner Macht läge, sondern eine Angelegenheit der Gesammtregiernug sei. — Zn den in Odessa, Riga, Bialhstock, Tagannog und Warschau bereits bestehenden Handelsschulen sind in diesem Jahre zwei weitere in Wilna und Minsk hinzugekommen. Nelle Schulen dieser Art werden in Witebsk, Dwillst, Kowno und Odessa geplant. Der Grund für die rapide Vermehrung der Handelsschulen im Ansiedelungsrahon ist in der rigorosen Ausschließung der Inden aus den dem Kultusministerium unterstehenden Gymnasien, Realschulen und Universitäten zu suchen. — Seit zwei Jahren betreibt die Polizei in der Petroleumstadt Bakll eine systematische Judenverfolgung, welche allmälig eine große Ausdehnung gewonnen hat, ohne daß aus der fernen kaukasischen Stadt darüber mehr als unbestimmte Gerüchte bis zu uns gedrungen wären. Jetzt theilt das Blatt „Kaspia" mit, daß in diesen zwei Jahren mehr als 400 jüdische Familien aus Bakll vertrieben worden sind. — Die den Sabbath beobachtenden jüdischen Bäcker in London haben einen großen juristischen Erfolg davongetragen. Bekanntlich wurden im Sommer d. I. zahlreiche jüdische Bäcker in East London, welche am Sonntag Vormittag ihre Läden geöffnet haben, von ihren christlichen Konkurrenten denunzirt und von den Gerichten wegen Verletzung des veralteten Gesetzes „Köllig Georgs IV." zu kleinen Geldstrafen vernrtheilt. Eitles Tages weigerte sich jedoch der juristische Vertreter der Themsepolizei, Mr. Bros, gegen den jüdischen Bäcker Nossek, der Sonnabend geschlossen hielt und am Sonntag für einige Stunden seinen Laden öffnete, eine Klage wegen Sonntagsentheiligung zu erheben. Der Denunziant, ein gewisser Bäckermeister Venters, appellirte jedoch, und die Sache kam am 8. d. M. vor dem höchsten englischen Gerichtshöfe, dem Kings Beuch, zur Verhandlung. Die Entscheidung des Lord-Oberlichters lautete, daß der Magistrat nicht gezwungen werden kann, wegen dieser veralteten Verordnung Anklage zu erheben. Thäle es der Magistrat freiwillig, so würde er, der erste Richter Englands, es als eilte Vexation ansehen. — Mr. Moses Abrahams, bisher Stadtverordneter von Grimsby, ist zum Lordmayor dieser Stadt gewählt worden. Geboren 1853 zu Hüll, kam er schon als vierjähriges Kind nach Grimsbh, wo er sich als Kleiderhändler, Diamantenhändler, Hausbesitzer und Rheder mit Erfolg versucht hat und sich bald als redlicher, unternehmungslustiger und intelligenter Mann die Zuneigung und das Vertrauen seiner Mitbürger zu gewinnen wußte. — Seinen 90. Geburtstag hat am 22. November der Sellior der englischen Rabbiner, Professor Marks von der Londoner Neformsynagoge, gefeiert. Rev. Marks befindet sich trotz seines Hoheit Alters in voller körperlicher und geistiger Frische. — Der älteste Tunnel ans Erdeil ist jüngst von den türkischen Ingenieuren entdeck worden, welche jetzt die Wasserleitung zwischen Jerusalem und den alten salomonischen Teichen legen. Am Nordrande der Ebene voll Rephaim entdeckten sie, daß die Baumeister Salomons einen Hügel in einer Länge voll über 2 Kilometer durchbohrt haben, um das Wasser auf kürzestem Wege durch den so gebildeten Tunnel zu führen. Der Salomonische Tunnel ist 30 Zoll hoch und 20 Zoll breit und weist an den Stetten, wo das Gestein weich und bröcklig war, deltasörmige Stützen ans. An einer Stelle ist sogar ein vollendeter Vogen, ans welchem die ganze obere Erdmasse rnht, errichtet worden. Dieses ist nm so bemerkenswerther, als bisher angenommen wurde, die Römer wären die ersten Erfinder der bogenförmigen Träger gewesen Druck und Verlag von Rudolf Mossein Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.