Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1901)
- Date
- 1901-11-29
- Page
- Seite 576 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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576 diese Schenkung nicht aiinehmen, sie stelle eine unerhörte Beleidigung des Judenthnms dar. Wie dürfe man etwas Nichtjüdisches in eine jüdische Gemeinde bringen! Wenn ein Schüler gut rechnen könne, so müsse man ihm zur Belohnung ein Gebetbuch schenken, damit er nicht auf die Zensur bekomme : „Religion schlecht, Kopfrechnen gut." — Und wenn ein Mädchen die Verse der Antigone: „Nicht mitzuhassen — mitzulieben bin ich da," mit Wohlklang zu deklamiren verstehe, so müsse man ihr ein koscheres Kochbuch schenken; sie würde dann unsterbliche Chrimsel machen und eine ambrosiaduftende Günsewnrst stopfen. Die Rothen dagegen erwiederten mit Emphase, man verhöhne das Andenken des berühmten Mannes auf das Schändlichste, wenn man eine Schenkung, an die er nie gedacht, nicht annehme, und eine Klausel, die ihm nie im Traume eingefallen wäre, verwerfen würde. Einen Mann, dessen vollendete Meisterschaft in der griechischen Sprache auch von seinen politischen Feinden anerkannt worden sei, könne man nur dadurch ehren, daß man das, was man eigentlich sagen wolle, möglichst unklar ausdrüeke. Dann würden die Schüler, die diese Prämien erhielten, erst einsehen, von welchem Werthe ein guter Stil sei. Die beiden Parteien im Rath waren ziemlich gleich an Stärke, aber bei der Abstimmung siegten die Rothen. Derjenige Schwarze nämlich, der das Argument von der koscheren Gänsewurst vorgebracht hatte, erinnerte sich Plötzlich, daß er zum Frühstück bei einem Freunde eingeladen sei, dessen Köchin ein Eisbein mit Sauerkraut und Austern bereitete — großartig! Er verließ die Sitzung, und damit war seine Partei besiegt! Aber die Schwarzen gaben sich mit diesem Resultat nicht zufrieden. Sie hatten in ihren Reihen mehrere bedeutende Gelehrte, die bei demjenigen Archonten, welcher die Schulen und auch die Neligionsgesellschaften überwachte, einen großen Stein im Brette hatten. Diesem wurde ein flammender Protest gegen den Majoritätsbeschluß unterbreitet mit der Bitte, die Annahme der Schenkung zu verbieten. Auch eine Audienz wurde ihnen gewährt. Sie betrieben diese Sache mit der allergrößten Heimlichkeit, so daß weder die Gegner noch sonst einer der Betheiligten das Geringste davon erfuhr. Zu welchem Zwecke sie so handelten, weiß man nicht genau. Einige meinen, es sei ans Menschenfreundlichkeit geschehen. Die zu ihnen gehörigen ausgezeichneten Aerzte hätten nämlich gesagt: Hören Jene von unserem Protest, so werden sie sich ärgern, und da die Entscheidung lange ansbleiben kann, werden sie sich vielleicht krank ärgern: das wollen wir nicht! Wenn sie dagegen Plötzlich und nnvermuthet hören, daß die Schenkung von der höchsten Behörde verboten wird, so werden sie einen Schreck bekommen, und ein Schreck ist für manche Leiden nach der neuesten Therapie sehr günstig, wie ja auch der Volksmund von „heilsamen Schrecken" spricht. Hier hat der Paphrus eine Lücke, und man sieht nicht, ob er diese Ansicht für richtig hält. Von den folgenden Zeilen sind nur die Worte „Jurist", „Werth der Oessentlichkeit", „Leseütilcs", „aller Kritik" zu lesen. Der Herausgeber hat eine sehr kühne Konjektur ausgestellt: Er meint, es hätte sich vielleicht unter den Einreichern des Protestes ein Jurist befunden. Dieser könne etwa erklärt haben, er sei ein großer Verehrer des öffentlichen Verfahrens und der durch dasselbe bewirkten Kritik. Man könne nun den Werth dieser Güter nicht besser anerkennen, als indem man die Begründung des Protestes geheim halte. Denn diese sei unter aller Kritik. — DaS ist aber eine sehr kühne Konjektur! Die Urkunde fährt fort: Trotz der Geheimhaltung bekamen die Rothen, die von ihren Vorfahren sehr seine und lange, wenn auch etwas krumme Nasen geerbt hatten, Wind von der Sache. Bei einer späteren Sitzung fragten sie denn geradezu, wo denn die Sache stecken geblieben sei. Da kam Plötzlich die Wahrheit an den Tag, und es erhob sich ein lebhafter Nedekampf. Die sittliche Entrüstung über die geheimen Verhandlungen sprudelte bald wie ein Bergquell, bald wie eine Windsbraut von den Lippen der Rothen. Die Schwarzen waren etwas kleinlaut und sagten nur: „Der Herr Archont habe sich merkwürdig gut infvrmirt gezeigt. Mehr dürsten sie nicht sagen." Sie seien zum Theil geheime Näthe, zum Theil hofften sie es noch zu werden und müßten daher zeigen, daß sie Meister in der Geheimthuerei seien. Sie wollten es dahin bringen, daß man künftig nicht mehr sagen würde: „Mit Eizes bin ich versehen", sondern „mit geheimen Eizes bin ich versehen". Man trennte sich, indem man von beiden Seiten stürmisch rief: „Bei den Wahlen sehen wir uns wieder!" Nachdem sich die Erregung gelegt hatte, meinten die Rothen daß sie doch etwas thun müßten, um gegen den Protest zu protestiren. Sie beantragten also, den Archonten zu bitten, daß er ihnen eine Abschrift des Protestes übersende; dies wurde auch zum Beschluß erhoben. Aber der Archont wies dieses Ansinnen zurück. Darüber war nun wieder großer Triumph bei den Schwarzen und ziemliche Niedergeschlagenheit bei den Rothen. Dann aber kam plötzlich der Bescheid, die Schenkung sei genehmigt. Nun waren beide Theile zufrieden: die Rothen, weil sie gesiegt hatten, die Schwarzen, weil sie unterlegen waren und nunmehr in ihrem nächsten Wahlaufruf sagen konnten, die Rothen seien „unjüdische" Männer. Denn sie hätten bewirkt, daß ein Junge, der gut rechne, ein Rechenbuch statt eines Siddnr, und ein Mädchen, das gut deklamire, eine Gedichtsammlung und kein koscheres Kochbuch bekäme. Der Verfasser des Papyrus, augenscheinlich ein alexandrinischer Philosoph, theilt leider nicht mit, welche Partei bei den nächsten Wahlen gesiegt habe. Das Historische hat für ihn anscheinend wenig Interesse; er will vielmehr an seine Erzählung einige allgemeine Betrachtungen knüpfen. Dies ist ihm die Hauptsache. Aber auch diese Raisonnements sind fast gänzlich zerstört. Nur so viel sieht man, daß er behauptete, es sei für eine wohlassortirte Rathsversammlnug äußerst wichtig, daß man streite, aber es sei unwichtig, worüber man streite. Er zeigt auch in einem Exkurs eine originelle Auffassung vom „Tanze um das goldene Kalb". Er behauptet nämlich: Aaron habe seine Juden schlecht gekannt; nicht um das Kalb und nicht um das Gold und noch viel weniger um den Götzendienst sei es ihnen zu thun gewesen: sie hätten halt tanzen wollen und, da sie Naturbursche waren, auch „ein bissele raufen". Wäre Aaron etwas erfahrener gewesen, so hätte er ein Wohlthätigkeitsfest arrangirt und dadurch schon damals mitten in der Wüste eine rituelle Volksküche oder eine Besserungsanstalt für verwahrloste Mädchen oder dergleichen schaffen können. Dann kehrt unser Philosoph aber noch einmal zu der Prämienstiftung in Abdera zurück und erzählt, das Buch, welches man aus den Zinsen am häufigsten vertheilt habe, sei dieBatrachomyomachie, der „Frosch mäusekri eg" gewesen. Und aus dein Allen, sagt er, könne man doch folgern, die Leute in Abdera seien gar nicht so abderitisch gewesen, wie man gewöhnlich annehme. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.