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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-29 · Heft 48 (29.11.1901) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 48 (29.11.1901)
Date
1901-11-29
Page
Seite 575 (sequence 13)
Language
German
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575 Er stöberte in einer zerrissenen Brieftasche, bis es ihm gelang, eine abgegriffene Handschrift zu finden. „Das ist Vv» meinem älteren Bruder, dem Schochet und Lhasa« in Sknlm — er ist ein großer Gelehrter." erklärte er stolz; ..ich Hab' den Brief vor etwa drei Jahren bekommen - Du siehst, er ist in der heiligen Sprache geschrieben. Ach. trotzdem ich nur ein Pojaz bin. Hab' ich doch noch nicht alles vergessen, was ich in der Talmudschule in Vilosen gelernt habe. Höre zu." Er breitete das Blatt sorgfältig auf dem Tische aus, zog seine Hornbrille hervor und übersetzte: „An meinen geliebten Bruder, zu dem meine Seele sehnsüchtig die Arme ausstreckt. Es ist lange her. seit wir Nachricht voll einander erhalten haben, und ich schreibe diesen Brief, um in Erfahrung zu bringen, ob Dn noch unter den Lebenden weilst." „Was hat das mit Deiner Idee zu thnn?" fragte Usher ungeduldig. „Warte eine Minute," sagte Mella und las gemächlich weiter: „Es ist wahrhaftig traurig, daß Söhne eines Vaters und einer Mutter getrennt von einander leben sollen. Aber unrein Narr heilt seinen Kuminer mit Klagen. Ich will Dir lieber sagen, wie es mit mir steht. Zunächst theile ich Dir mit, daß mein Weib mir wieder eine Tochter geboren hat, so daß die Zahl meiner Kinder nun auf zwölf gestiegen ist — eine heilige Zahl, denn Israel hatte zwölf Stämme." „Hol' der Kuckuck die zwölf Stämme Israels," schrie Usher ürgerlich, „warum gehst Du nicht endlich der Sache auf den Grund?" „Ich komme schon dazu," und Mella fuhr mit einiger Geschwindigkeit fort: „Was meine materiellen Verhältnisse betrifft, so sind sie, wie sie eben sind, nur etwas schlechter, als sie sein sollten - gelobt sei der Name des Ewigen — hauptsächlich, weil Peretz Wedel, der bedeutendste Fleischer der Umgebung, die Stadt verlassen hat. so daß mein Einkommen von der Schächterei sich sehr vermindert hat." „Du und Dein Bruder und Peretz Wedel sollt alle im Gehenuim Zusammentreffen!" rief Usher aufgebracht. „Gleich, gleich!" sagte Mella, der ganz und gar von dem Inhalte des Briefes eingenommen war. „Aber in welcher Weise Peretz Wedel die Stadt verließ, das verdient eine besondere Erklärung, und ich will Dir haarklein erzählen, wie er von seinem Weibe schied, denn ich war damals im Schlachthaus, wo ich mein Schlachtmesser für die Gänse wetzte, die um diese Zeit in großen Mengen geschlachtet werden, und die Fleischbank ist nur durch eine dünne Wand von der Wohnung des Peretz Wedel getrennt. Er muß nämlich in der Nähe wohnen, weil er der Pächter der Krupka (der Schlachtsteuer) ist. Höre also zu, denn Du wirst klare Einsicht darin gewinnen, wie gewisse Leute ihre Eheweiber behandeln." Mella hielt athemlos inne und sah Usher bedeutungsvoll an. Dann begann er wieder zu leien und Usher hörte verdrossen zu. Nach und nach aber begannen seine Augen zu blitzen, und als Mella fortfuhr, da hielt ihn die Geschichte bis zu Ende gefangen. (Forts, solgl.» Nie Mahlschlacht. Von G. M. Leez. MHfilf einem jüngst anfgefundenen Papyrusfragment fand sich folgende seltsame Geschichte aus dein Alterthum. " Die Entzifferung machte wegen des defekten Zustandes der Urkunde nicht geringe Schwierigkeiten. Doch ist der Inhalt, den wir hier wiedergeben, im Großen und Ganzen gesichert. In Abdera (diese Stadt spielte im antiken Griechenland ungefähr dieselbe Nolle wie Schöppenstedt in Deutschland und Chelm in Polen) befand sich auch eine sehr große und blühende jüdische Gemeinde. Sie unterhielt eine Knaben- und eine Mädchenschule, in welcher ein Theil der jüdischen Jugend in allen wifsenswerthen Dingen unterrichtet wurde. Die Unterrichtssprache war natürlich griechisch. Man lehrte Homer und Hesiod, die Tragiker, Geschichte, Geographie, Musik, Mathematik, Turnen u. s. w. Neben diesen beiden Schulen unterhielt die jüdische Gemeinde auch noch fünf oder sechs Religionsschnlen für die oiel zahlreicheren jüdischen Kinder, welche nicht die Gemeindeschulen, sondern in Gemeinschaft mit der nichtjüdischen Jugend andere Lehranstalten besuchten. Da starb ein berühmter Mann in Abdera, und weil er der jüdischen Religion angehörte, machte sich die Gemeinde eine Ehre daraus, ihn auf ihrem Friedhofe mit großer Feierlichkeit zu bestatten. Die Verwalter seines Nachlasses — der Verstorbene war reich und ohne Leibeserben -- wollten sich hierfür bedanken und glaubten dies am Besten dadurch thun zu können, daß sie einen Fonds stifteten, aus dessen Zinsen die besten Schüler und Schülerinnen der beiden Gemeindeschnlen alljährlich Prämien erhalten sollten. Diese Prämien sollten naturgemäß wie bei den anderen, nichtjüdischen Schulen in Büchern patriotischen, poetischen, wissenschaftlichen und geschichtlichen Inhalts bestehen. Alle waren von dieser Idee entzückt. Da aber nach den Gesetzen von Abdera für eine solche Schenkung die Genehmigung der höchsten Obrigkeit erforderlich war, so mußte man die Schenkungsurkunde sorgfältig redigiren. Bei dieser Arbeit entsannen sich nun plötzlich die Mitwirkenden, daß ihre Vorfahren in der Dialektik des Talmuds große Meister gewesen waren, und daß sie selbst ans der hohen Schule zu Athen zu den Füßen berühmter Sophisten gesessen hatten. Außerdem erwachten in ihnen auch Erinnerungen an die eigene Schuljugend, und es fiel ihnen dabei ein sehr beliebtes Kinderspiel ein, welches den Namen führt: „Pollak, faß dich an dein rechtes Ohr." Hierbei muß nämlich der Angerufene den linken Arm in die Höhe recken, den Vorderarm über den Kopf legen und mit Daumen und Zeigefinger den oberen Theil der rechten Ohrmuschel berühren. Wird dann gerufen: „Pollak, faß dich an dein linkes Ohr," so machte er mit dem rechten Arm die entgegengesetzte Bewegung, was einen höchst lächerlichen Anblick gewährt. Und infolge dieser heiteren Erinnerungen drückte mau die Absicht nicht einfach und natürlich aus, sondern formulirte dann die Schenkungsurkunde wie folgt: „Die Prämien sind bestimmt für die Schulen der Jüdischen Gemeinde — mit Ausnahmen der Religionsschulen; sie bestehen aus Büchern passenden Inhalts — mit Ausnahme solcher, die sich auf die Religion beziehen." So kam die Vorlage in die den Rath der jüdischen Gemeinde; dort erhob sich aber ein heftiger Streit. Wie alle Kollegien in Griechenland theilte sich die in eine schwarze und eine rothe Partei. Die Schwarzen riefen, man könne

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