Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-29 · Heft 48 (29.11.1901) · p. Seite 574

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 48 (29.11.1901)
Date
1901-11-29
Page
Seite 574 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228468--58147-3294575
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

574 einem Rundreisebillet a» getreten hatten — auch nach Borstchik gekommen, und dort war Melta oder Usher — sie wußten längst nicht mehr wer — krank geworden, und der Andere hatte ihn i»i „Heldisch", dem Spitale für arme Reisende, wieder gesund gepflegt. Ans Dankbarkeit entschlossen sie sich, die Stadt fortab mit ihrer Gegenwart zu beglücken. So waren Jahre dahingegangen, in denen sie die Faktotums des kleinen Ortes geworden waren: sie verrichteten Botengänge, führten allerlei Besorgungen aus, handelten ein wenig mit Getreide, ergänzten das Minian in Tranerhänsern, kurz, sie benutzten jede Gelegenheit, um ihr Brod zu verdienen. Ihre eigentliche Profession aber war die eines „Batchan" oder „Pojatz" oder „Marschallik", das ist konzessiouirter Possenreißer, die bei festlichen Familienereignissen ihre Kunst zum besten geben. Einer betrachtete den Andern als Fleisch von seinem Fleische und Blut von seinem Blute, und wenn sie einander häufig grobe Schimpfwörter zuschleuderten, so war das nur ihre Art, die Zärtlichkeit, die sie für einander empfanden, auszudrücken, und es hatte überdies den Vortheil, daß ihre Zungen sich übten. So entspann sich zum Beispiel — Mella war klein und vertrocknet, Usher dagegen groß und stark — folgender Dialog: „Mella, ich bin fest davon überzeugt, daß Du nie sterben wirst. Warum? Weil nur Menschen sterben können, die eine Seele haben — aber wo hätte eine Seele Platz in einer solchen Mücke wie Du?" „Wenn Du stirbst, Usher," war die rasche Erwiederung, „wird der Tvdesengel vom Allmächtigen ein neues Schlachtmesser verlangen. Warum? Weil er denken wird, daß er irrthümlich ein Schwein geschlachtet hat." „Posche Iisroel!" „Schweinefleischfresser!" „Abtrünniger!" „Schabbesgoi!" „Da fällt mir gerade ein," fuhr Usher sort, als ob nichts vvrgefallen wäre, „da fällt mir gerade ein, daß Du noch nicht gesrühstückt hast; Du mußt hungrig sein. Ich werde zu Leib Klapka lausen und Brot und Heringe holen." „Nein, Usher, laß mich gehen — es ist sehr naß; Deine Stiefel sind zerrissen und Du hustest." „Hör' auf mit dem Geschwätz, ich werde gehen." „Nein, ich." „Dickschädel!" „Schafskopf!" „Eselskops!" „Rindvieh!" Und so sing der Streit von Neuem an. Aber trotz der vielen Eisen, die sie im Feuer hatten, ging es im Mella-Usher'scheu Haushalt sehr knapp zu, besonders im Winter, wenn Geschäfte im Freien eine sehr mißliche Sache waren. Sie betrachteten es also als eine besondere Fügung der Vorsehung, daß gerade diejenigen jüdischen Feiertage, an denen Lustbarkeiten fast als gute Werke gelten, in den Winter fielen. Zuerst, wenn auch etwas früh, kommt das Fest der Thora, dann das Chanukahfest, an welchem das Andenken der Makkabäer besonders hochgehalten wird, endlich das Purimfest. Mella und Usher zogen das Chanukahfest allen anderen bei Weitem vor. Erstens dauert es volle acht Tage und giebt so reiche Gelegenheit zu einer guten Ernte; dann werden in dieser Zeit mit Vorliebe Verlobungeil und Hochzeiten gefeiert, und wenn es den Menschen leicht und froh ums Herz ist, spielen ein oder zwei Kopeken keine Rolle. Mella und Usher benutzten die günstige Gelegenheit sehr wohl, indem sie ein Programm für sieben Abende ausarbeiteten; der achte war ein Freitag, an dem man auch zu wohlthätigen Zwecken kein Geld anrühren durfte. Jeden Abend fielen sie in ein anderes Haus ein, beschränkten sich dabei jedoch auf die Honoratioren der Gemeinde und begünstigten diejenigen unter ihnen, welche ein freudiges Ereigniß in ihrer Familie zu verzeichnen hatten. Als Usher am Vorabende des Chanukahfestes nach Hause kam, fand er Mella in sehr nachdenklicher und gedrückter Stimmung. „Was fehlt Dir, Du Answurf der Menschheit?" fragte er ihn besorgt. „Ich will Dir's sagen," erwiederte Mella, der es ausnahmsweise unterließ, das Kompliment zu erwiedern, „ich habe über unseren Beruf nachgedacht, mit dem ich sehr unzufrieden bin." „Du möchtest wohl lieber Gabbe der Gemeinde sein," höhnte Usher. „Nein, nein," fuhr Mella fort, „aber ich habe das Gefühl, daß es Männern in unseren Jahren nicht ziemt, öffentlich Possen zn reißen und einander zu beschimpfen und mit Unflath zu bewerfen, einzig und allein, um die Leute zum Lachen zu bringen. Es ist etwas ganz anderes, wenn wir das unter uns, zu unserem eigenen Vergnügen thnn. Aber gestern Hab' ich das erste graue Haar in meinem Bart gefunden, und da — bei meinem Leben, Usher — bin ich vor mir selber erröthet und habe Gott gedankt, daß ich keine Kinder habe." „Ja, das ist wahr," gab Usher zu, der sehr ernst geworden war, „aber wie bringt man einen Bären zum ersten Male dazu, daß er tanzt? Man stellt ihn auf eine Ofeuplatte, so daß die Vordersüße sich gerade über dem Feuer befinden, und wenn die heiß werden, so versucht er es, sich auf den Hinterfüßen auszurichten, die auf dem kalten Theile des Ofens ruhen. Auch mir ist es heiß und kalt zugleich, wenn ich darüber nachdenke, ivie ich mir mein Brod verdienen soll — folglich tanze ich. Was sollen wir thun?" „Das ist eben das Schwierige," sagte Mella traurig, „ich Hab' mir heute schon den ganzen Morgen über den Kopf zerbrochen. Wenn wir ein paar hundert Rubel besäßen, könnten wir uns ein Geschäft einrichten und anständig leben. Aber wer wird uns ein paar hundert Rubel geben?" „Ja, wer?" wiederholte Usher mit Grabesstimme. Schweigend saßen die Beiden da. Nach einer Weile begann Mella wieder: „Ich Hab' eine Idee. Wir können im Moment unseren Beruf natürlich nicht aufgeben, aber" — und dabei leuchteten feine Augen hoffnungsvoll auf — „wir könnten ihn heben." Usher sah ihn fragend an. „Wir könnten anstatt der Possen," fuhr Mella fort, „ein Stück aufführen, das eine Moral hat, so daß es die Herzen der Zuhörer erhebt, sie belehrt. Thut der Magid, der Wanderprediger, denn etwas anderes? Er, erzählt den Leuten Geschichten, aus denen sie den Schluß ziehen, was sie thun und was sie lassen sollen. Und mit welcher Achtung behandelt man ihn überall, wo er hinkommt! Laß auch uns versuchen, die Leute zu unterhalten und gleichzeitig zu belehren, ohne uns zum Gegenstand des allgemeinen Gelächters zu machen! Schau her!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.