Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1901)
- Date
- 1901-11-29
- Page
- Seite 572 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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572 empfunden haben. Ein Mensch, der nichts aus sich hält, verkümmert, verkommt, geht moralisch zu Grunde. Auch eine Gemeinschaft, die den Glauben an sich selbst und ihre innere Berechtigung verloren hat, verkümmert, verkommt, geht moralisch zu Grunde. Diesen Glauben wieder zu gewinnen und in uns zu befestigen, vermag nur die kulturhistorische Betrachtung, vermag nur der Rückblick aus unsere eigene Vergangenheit. Wohl uns, wenn dieser Rückblick die Ueberzeugung in uns weckt, daß wir das Recht haben, etwas auf uns zu halten! Wohl uns, wenn ans dieser Ueberzeugung jener echte, schöne Judenstolz hervvrblüht, der uns dauernd an die Pflicht gemahnt, grosier Ahnen würdige Enkel zu werden, der Menschheit auch in Zukunft mit dem Besten, was wir geben können, zu dienen, wie wir ihr einst in der fernen Vergangenheit damit gedient haben! So uothwendig aber auch die kulturhistorische Betrachtung sein mag, so können wir mit ihr doch unsere Aufgabe keineswegs als gelöst betrachten. Die jüdische Sittenlehre ist für uns ja nicht blos etwas Geschichtliches, der Vergangenheit Angehöriges, zu dem wir heute kein inneres Verhältnis; mehr haben, so bedeutsam es auch seiner Zeit für die Menschheit gewesen sein mag. Tie jüdische Sittenlehre ist vielmehr noch heute unsere Sitteülehre, zu der wir uns, wie sie wenigstens von unseren Propheten aufgefaßt worden ist, gern und freudig bekennen. Wir werden daher den Wunsch haben, nicht nur die kulturhistorische Bedeutung, sondern auch den Aufbau und den Inhalt unserer Sittenlehre näher keimen zu lernen. Naturgemäß werden wir uns zunächst mit den Prinzipien, alsomit den obersten und allgemeinsten Grundsä hei; der jüdischen Sittenlehre zu befassen haben, weil wir aus ihnen den Geist, der diese Sittenlehre durchweht, am deutlichsten erkennen und zugleich im Ganzen überschauen. Erst dann werden wir an einigen ausgewählten Partien der jüdischen Sittenlehre zu zeigen versuchen, welche Ausführung im Einzelnen ihre obersten Grundsätze erfahren haben. Wir knüpfen an das sechste Kapitel im Buche Jesaia an, wo der Prophet über seine Berufung berichtet, die in einer erhabenen Vision stattgefunden hat. Folgendes ist dort zu lesen: „Im Todesjahre des Königs Usia, da sah ich den Herrn auf einem hohen und erhabenen Throne, seine Säume füllten den Tempel. Seraphim standen vor ihn», . . . und sie riefen einer dein anderen zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerschaaren, die ganze Erde erfüllet seine Herrlichkeit. Und die Grundlagen der Schivellen erzitterten von der Stimme der Rufenden, das Hans aber ward ersüllet mit Rauch. Da sprach ich: wehe mir! ich bin verloren, denn ich bin ein Mann unreiner Lippen, und unter einen» Volke unreiner Lippen wohne ich; »»»eine Augen haben den König, den Herrn der Heerschaaren gesehen! Da flog zu mir einer von den Seraphim, mit einem glühenden Stein in der Hand, den er »nit einer Zange vom Altäre genommen, und er berührte damit ineinen Mund und sprach: Nun dieser deine Lippen berührt hat, ist deine Missethat geschwunden, deine Sünde gesühnt." Soweit der Prophet! Wir bemerken gleich, daß »vir es hier nicht etwa »nit einer blos bildlichen Einkleidung der Gedanken des Propheten zu thun haben. Was der Prophet uns berichtet, hat er wirklich erschaut und innerlich erlebt. Aber er hat es innerlich erschaut und erlebt. Seine Seele war für so erhabene Visionen von Hause aus empsänglich, und nur ihm offenbarte sich der tiefe Sinn, der in ihnen verborgen lag. Wer wußte es denn damals nicht, daß der Herr der Heerschaaren heilig sei! Aber nur ihn, den Propheten, bewältigt und ergreift diese Vorstellung dermaßen, daß seine Seele tief im Innersten erschauert, und die Vorstellung gestaltet sich ihm zu einem wahrnehmbaren Bilde, und mit bebenden» Herzen vernimmt er den Ruf: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerschaaren!" Mit bebenden» Herzen! Denn ihn erfaßt bei diesen» Rufe das Gefühl seiner Sündhaftigkeit; — das Bewußtsein, daß nur der sittlich Reine vor Gott stehen darf, »rächst in seiner Brust bis zu erschütternder Größe an, und schmerzlich klagend tönen die Worte von seinen Lippen: „Wehe mir! ich bin verloren, denn ich bin ein Mann unreiner Lippen!" Die Macht der religiösen Vorstellung und die Gewalt des sittlichen Triebes vereinigen sich in ihn» zu der Erkenutniß, daß vor dem heiligen Gott nur bestehen kann, wer reinen Herzens und lauteren Sinnes ist. Einstens forderte man im Namen der Religion, daß von äußerer, physischer Unreinheit sich fernhalten müsse, wer de»» heiligen Gotte nahen »volle. Nur kultische Weihen konnten den äußerlich Unreinen wieder in Stand setzen, der Gottheit geweihte Dinge zu berühren, heilige Orte zu betreten und an» Gottesdienste theilzunehmen. Der Prophet aber fordert zu diesem Zwecke sittliche Reinheit und innere Heiligkeit. Und was er, der göttliche Seher, gefordert, aus den Liedern der göttlichen Sänger, der Psalmisten, hallt es uns in vielfältigen» Echo wieder, wie Zunz einmal so schön und treffend bemerkt hat. „Herr, wer darf »veilen in deinen» Zelte, iver wohnen auf deinem heiligen Berge?" so fragt der Psalmist und er antwortet: „Wer unsträflich wandelt und recht thut und redet, was wirklich in seinem Herzen ist; auf seiner Zunge nicht Verleumdung hegt, Niemandein Böses zufügt und nicht Schinach ans seinen Nächsten ladet; dein der Niedriggesinute als verächtlich gilt, während er die, so Gott fürchten, in Ehren hält." (Psalm 15.) Aehnlich, aber kürzer, heißt es in einem anderen Psalm: „Wer darf den Berg des Herr»» betreten, wer an seiner heiligen Stätte stehen? Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist." (Psalm 24, 3—4.) Daher hat denn das oberste Prinzip der jüdische»» Sittenlehre seinen unübertrefflich prägnanten Ausdruck in den Worten gefunden: „Heilig sollt ihr werden, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott." (Leviticus 19, 2.) Gott ist somit das Urbild und Vorbild aller Sittlichkeit, er ist der höchste Ausdruck und Inbegriff alles dessen, »vas »vir au sittlichen Idealen in nns tragen. Zu ihm aufschauend, sollen wir uns verpflichtet und geweiht fühlen, alles zu verivirklichen, »vas »vir irgend als sittlich erkannt haben. Zur rechten Würdigung des eben besprochenen Grundsatzes müssen »vir aber noch Einiges bemerken. Unnöthig scheint es freilich, ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß dieser oberste Grundsatz der jüdischen Sittenlehre ein durchaus religiöses Gepräge zeigt. Wenn »vir uns noch einmal daran erinnern »vollen, daß das Judenthum Religion und Sittlichkeit auf das Engste miteinander verknüpft hat, dann wird uns dies nicht weiter verwunderlich erscheinen. Dagegen müssen »vir aus drei sehr wichtigen, innerlich verwandten Gesichtspunkten »»nseren Grundsatz noch etwas deutlicher ins Auge fassen, »venu »vir ihn vollkommen verstehen und würdigen »vollen. Klar ist zunächst das Eine, daß unser Grundsatz allumfassend ist, daß er alle nur denkbaren moralischen Forderungen in sich schließt. Er ist so »veit, daß er alle in» Laufe der Zeit uen hervortreteuden Ideale in sich aufzunehmen vermag. Die Welt steht ja nicht still und das sittliche Leben in ihr auch nicht. Immer