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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-29 · Heft 48 (29.11.1901) · p. Seite 571

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 48 (29.11.1901)
Date
1901-11-29
Page
Seite 571 (sequence 9)
Language
German
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571 angreifen, wir nennen weder Personen noch Orte, aber eines wird jeder Unbefangene zugestehen müssen: das Amt des Rabbiners ist bei uns nur inehr ein Predigeramt, und die Führung in der Gemeinde ist — man verzeihe das harte Wort — zu einer Art Privatsport geworden. Der Eine gründet einen litterarischen Verein, der Andere eine Toynbee-Hall, der Dritte einen Wohlthätigkeitsverein, der Vierte veranstaltet Kinderfeste mit obligater „Anstrudelei", Süßigkeitenvertheilung und Armuthzurschaustellung — malen Sie sich gütigst das Bild weiter aus; dies alles aber geschieht ohne Rabbiner, über seinen Kopf hinweg, hinter seinem Rücken, oft gegen seinen Willen. — Der Rabbiner mag hier und da predigen — euphemistisch das Gotteswort verkündigen — er mag Eheleute verbinden und scheiden, er mag auch begraben; so ist er wirklich znm Meschubod degradirt, zum Diener der Launen einer sehr wetterwendischen Menge, er ist ein Meschubod geworden, während er der Manhig, der Leiter der Gemeinde, hätte sein sollten. O. über diese auf den Kopf gestellte Welt! Wer trägt nun die Schuld für diese gewiß nicht gesunden Zustände und krankhaften Verhältnisse? Beide Theile, können wir apodiktisch antworten, Gemeinden und Rabbiner. Sehen wir, um unsere Behauptung zu erhärten, auf jene Forderungen, welche bei einer Nabbinerwahl die Gemeinden an den zu Wühlenden stellen. Vor allem, heißt es, soll er ein schöner Mann sein und „schön" sprechen. Die Rede, die Probepredigt, das ist das Um und Auf unserer Ansprüche an den „neuen Mann". — Er hat seicht, er hat tief, volksthüinlich, gelehrt, mit oder ohne hebräische Citate, Pathetisch oder kühl, mit Einflechtung von Midraschim oder mit dichterischer Verbrämung gesprochen; er kennt die moderne Litteratur, hat seinen Nietzsche stndirt, kennt die lehrreichen Geschichtlein vom Rabbi Akiba ebenso gut wie die neuesten sozialen Romane, ist in der französischen Ehebruchslitteratur ebenso bewandert wie in der Wolzogenschen Ueberbrettldichtung, kurzum, er ist ein moderner Prediger mit schwarzem Barett und weißen Bäfschen und glänzendem Tallis mit silberner, manchmal auch goldener „Treß", macht seine Verbeugungen stilförmig und spricht mit angenehmem Accent — was will man noch mehr? Die Damen sind entzückt, die Jugend ist begeistert, die Männer sind zufrieden, und der Rabbiner ist fertig, er Predigt, er verbindet, er scheidet und begräbt. — Ist aber, so fragen wir, das Predigeramt, ohne seine Bedeutung für unsere Zeit zu verkennen, wirklich alles, was den Rabbiner macht? Und noch eine Frage: Wie viele Prediger sind imstande, die große Masse, das Volk, heranzuziehen, wie viele erheben, begeistern, belehren, erziehen das Volk! Wie viele sprechen so, daß das Gotteswort das Brod wird, nachdem die große Menge hungert? So ist es gekommen, daß in vielen Gemeinden der Gottesdienst zur leeren Aeußerlichkeit, daß er zum Konzerte, und zwar zum weltlichen, herabgewürdigt wurde, und alles andere erzielt, nur nicht die religiöse Erbauung. Mit Liedlein und einer verwässerten Philosophie macht man die Gottesstätte nicht zu dem, was sie dem Juden sein soll, zu einer Andachtsstätte, zu einer Stätte wahrer und tiefer Belehrung, zu einem Orte, wo sich der Jude als Glied eines großen Körpers fühlen soll. — Wir haben aber oben die Behauptung aufgestellt: Auch die Rabbiner tragen die Schuld daran, daß sie nicht die geistigen Führer der Gemeinden find. Es mag ja richtig sein, die Rechts- und Verfassungsverhältnisse unserer Gemeinden sind solche, daß sie dem Rabbiner wenig Spielraum für seine Thätigkeit gewähren. Wir aber sagen: Die Persönlichkeit vermag mehr als alle Gesetze und Paragraphen. Die Gemeinde möchten wir sehen, die sich der Autorität eines Rabbiners, kommt diese richtig zur Geltung, nicht beugte. Freilich, der Rabbiner darf kein Komödiant, kein Heuchler und kein Fanatiker sein. Hierarchischen Gelüsten muß mit aller Entschiedenheit entgegengetreten werden. Ist aber der Rabbiner ein Gelehrter und Weltmann, ist er gerecht, ehrlich und gut, hat er Geist und Herz — und ist er ein Mann der energischen That, dann muß sich ihm Krethi und Plethi beugen. Eine starke, ausgeprägte Individualität sollte in unseren Gemeinden nicht wirken? Blicken wir doch auf die Vergangenheit des Judenthums zurück, hat nicht zu allen Zeiten die Autorität eines gelehrten Mannes, der aber zugleich ein Mann der That gewesen, nicht nur auf eine Gemeinde, sondern oft auf zahlreiche Gemeinden in Ost und West Einfluß geübt? Wir bedürften mehr des Raumes, als uns hier gegönnt ist, um dafür die Beispiele aus alter, mittlerer, neuer und neuester Zeit anzuführen. Wenn sich aber unsere Rabbiner — ich will die Gründe nicht untersuchen, warum dies geschieht — die Führung der Gemeinden von oft ganz Unberufenen entwinden lassen wenn sie nicht einmal im Gottesdienste die erste Nolle, die Protagvnistenrolle, spielen, dann mögen sie ausrnfen: Wir haben gefehlt. Wenn Achilles sich zurückzieht, können die Kleineren und Kleinsten zur Geltung gelangen, und wenn die Sonne untergeht, sieht man auch die sehr kleinen Sterne. Sv ist Ochlokratie eingerissen in unsere Gemeinden, und jeder beliebige Gevatter kann sich breitmachen und den Herrscher spielen. Es hat eine Zeit gegeben, wo Hansirer oft vom Judenthum und seiner Lehre mehr wußten als Diejenigen, die heute bei uns die erste Geige spielen wollen. Es ist anders geworden. Nur eine sehr kleine Zahl von Männern, die vom Judenthum etwas wissen oder seinen Lehrinhalt kennen, hat sich hinübergerettet in unsere Zeit; desto mehr Pflicht ist es, daß der Rabbiner nicht nur von der Kanzel herab das Gotteswort künde, sondern es auch zur That erstehen lasse in der Gemeinde. — Es stehen Rabbinerwahlen bevor in großen und gewichtige» Gemeinden unseres Oesterreich, mögen Diejenigen, welche es angeht, die Worte erwägen, welche aus einem Herzen entspringen, das es ehrlich meint mit dem Judenthum und seinen Gemeinden. Ivvri. Ale KMenleyre des Fudentymns. Von Dr, M. Joseph. HI. Die Prinzipien der jüdischen Gittenlehre. ei unserer Besprechung der jüdischen Sittenlehre haben wir es als unsere nächste und wichtigste Aufgabe be- ' trachtet, die Bedeutung dieser Lehre für die Entwickelung des menschlichen Geistes klar hervortreten zu lassen. Nur so konnten wir hoffen, den höchsten Maßstab zu gewinnen, an welchem der Werth unserer Sittenlehre gemessen werden muß. Eine kulturhistorische Betrachtung erschien uns hier um so nothwendiger, als uns Inden seit den Tagen Moses Mendelssohns das Gefühl für den Werth unserer eigenen geistigen Güter mehr und mehr abhanden gekommen ist. Darin aber erblicken wir eine Gefahr, der zu begegnen wir stets als eine heilige Pflicht

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