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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-29 · Heft 48 (29.11.1901) · p. Seite 569

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 48 (29.11.1901)
Date
1901-11-29
Page
Seite 569 (sequence 7)
Language
German
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569 und konfessionellen Hader Hervorrufe, obwohl ihm noch jüngst erst 'eim Militäretat bestätigt werden konnte, daß er sich bisher davon ern gehalten habe. Er glaube nicht, daß das Volk so intolerant sei, ludersgläubige nicht als Richter zu toleriren; allerdings soll ja das. vie nran höre, in Niederbayern der Fall sein, wo keine protestantischen Zorstlenle angestellt würden. Er kenne viele israelitische Richter und abe mit denselben günstige Erfahrungen gemacht. Daß dieselben gute Mätze bekommen, hänge ja mit der Intoleranz gewisser Kreise zuammen. Man solle die Toleranz dem Volke lehren und sich von onfessionsschnüfseleien fern halten. Daß zu dem Anträge irgend eine reraulassung gegeben sei, müsse doch erst bewiesen werden. Es scheine eutlich genug zu sein, daß der Antrag Dr. Heim ab irato gestellt sei. neil in Ansbach ein Amtsrichter ihm gegenüber von seinen Befugnissen Hebrauch gemacht habe. Er könne solche Anschauungen nur beauern. — Abgeordneter von Voll mar (Gutsbesitzer in Soiensaß, Neichstagsabgeordneter. Soz.-Dem.): Der Minister dürfe nach dem >esetz nicht im Sinne des Antrages handeln. Die Parität als Pro- .ntualität zu behandeln, sei ein Nonsens. Der Antrag werde den lntisemitismus und große Vorurtheile nähren. — Abgeordneter ilpert (Metzgermeister und Neichstagsabgeordneter in Windsheim) ifert heftig gegen die Inden, welche das Volk ausbeuteten. Es habe u Ansbach Alle empört, daß der jüdische Richter den Abgeordneten Hr. Heim, der sich auch in der protestantischen Bevölkerung durch sein 'mtreten für die Geschädigten die größte Hochachtung erworben, so rob ungefähren habe. Mail sei ganz empört gewesen. Für die rotestauten fürchte er nichts, die Katholiken in Bo Hern und Deutsch-?.nd seien tolerant, aber dem jüdischen Richter sehe man seine Konfession u der Nase an. Sie seien übrigens gar keine Konfession, sondern me fremde Rasse. — Abgeordneter Dr. Gäch: Ihm seien oft wirkliche '.lden lieber als christliche Juden. Allein in Wien habe er sich eine Baisse Antipathie erworben. Wenn wir einen jüdischen Minister Uten, könnten schließlich nur mehr Juden Richter werden. In chweiufurt sollen jüdische Nechtspraktikanten aus Hypothekenbüchern Mitlheilnngen an jüdische Freunde gemacht haben. So tolerant wie ie Franken seien die Niederbayern auch, sie vertragen sich mit rotestantischen Forstbeamteu sehr gut. Die Inden in der Universität ien bescheiden, er habe den Antrag nur unterschrieben, weil er ver- -ndern wolle, daß die Juden sich weiter ausdehnen. — Abgeordneter >r. Schädler (Domvikar in Bamberg und Neichstagsabgeordneter): 9en Antragstellern liege wohl Rassenhaß fern. Er bedaure das Anwachsen der Israeliten im Richter- und Anwaltsstande. Der antilnitische Zng werde nicht künstlich in die Bevölkerung hineingetragen, ondern sei hervorgerufen durch die jüdische Presse, welche die heiligsten »efnhle der christlichen Konfessionen verletze. Die Israeliten seien lbst schuld all den Antipathien. Die Gründe, die zu einem solchen Ultrag führen, sollten die Israeliten zur Einsicht führeil. Nichtsestoweniger könne er dem Alltrage seine Zustimmung nicht geben, lns dem Anträge könnten Gefahren auch für Katholiken erwachsen. >r wolle auch nicht an die Verfassung rütteln. — Abgeordneter Hr. Pichler (Domkapitular in Passau und Neichstagsabgeordneter) ekämpft den Abgeordneten Dr. Casselmann. Mit konfessionellen Hillgell habe der Antrag nichts zu thun, sondern mit gewissen Ausbreitungen der Israeliten. Vor zwei Jahren habe er gewisse Forstcamte nicht deshalb beanstandet, weil sie Protestanten seien. Er abe gegen den von ihm Unterzeichneten Antrag zwar Bedenken ehabt. Aber der preußische Justizillinister habe sich gegen allznviele udische Notare ausgesprochen und sich dadurch vortheilhaft vom ayerischen Justizmiuister unterschieden. Er wolle nur. daß nicht luswüchse entstehen wie in Oesterreich. Ein caveant eonsulss habe er .urufen wollen. — Vorsitzender Dr. Dall er, (Lycealrektor in Freising, Vorsitzender der Centrumsfraktiou) beschwert sich in vielen Punkten der die Juden, die jüdische Presse, die jüdischen Händler und Güterchlächter, und macht die Staatsregiernng darauf aufmerksam, daß sie ie Pflicht habe, die übergroße Mehrheit der Christen gegen eine ieberflnthuug jüdischer Beanlteu zrl schützen, aber er kann dem Anträge, enl er inhaltlich beistimme. wegen der Verfassung und zur Vermeidung on Konsequenzen nicht beitreten. — Der Justizminister wiederholt, aß bei der Anstellung von mosaischen Beamten auf die Stimmung er Bevölkerung thunlichst Rücksicht genommen werde. Die guten Plätze erwürben sich die Israeliten durch ihre Noten. — Abgeordneter -r. Cassel mann bekämpft die Ausführungen des Abgeordneten Pichler. Wenn die jüdische Presse die Gefühle der Katholiken verletze, so mißbillige er das. Aber hier bestehen oft verschiedene Ansichten. Darunter dürsten auch die jüdischen Richter nicht leiden. Die Ausführungen des preußischen Justizministers seien damals von sehr zweifelhafter Bedeutung gewesen. — Abgeordneter Keß l ec (Bürgermeister von Lohr) vertheidigt seine Unterzeichnung des Alltrages in längerer Ausführung. — Abgeordneter Dr. Heim ist nicht bekehrt- Der Antisemitismus werde durch die Juden selbst genährt. Er habe den Antrag nicht ab irato gestellt, sondern wegen des prozentualen Mißverhältnisses; sie seien in Wirklichkeit mit 6 Prozent im Nichterstaude. Er verwahre sich dagegen, daß mit dem Antrag der konfessionelle Friede gestört wird. Was in Preußen möglich sei, gehe anch bei uns. Korreferent Wagner wendet sich im Schlußwort gegen die Ausführungen des Vorredners und hält an der Ablehnung fest. — Referent Lerno begreift die Gefühle Hilperts und der Antragsteller, die sonst berechtigte Mißstimmung möchte er nicht aus die jüdischen Richter ausgedehnt wissen; er beharre aber auf seinem Standpunkt und hält aufrecht, daß auch die Zahl der Protestanten im Justizdieust größer sei, als sie nach der Bevölkerung treffe, so daß der Antrag allerdings Konsequenzen für die Protestanten hätte. — Der Antrag wird mit 7 gegen 7 Stimmen durch Stichentscheld des Vorsitzenden abgelehnt. Daß Jemand einen solchen Antrag an das Haus bringen konnte, und daß sich für denselben so viele Stimmen erheben konnten, ist eine der traurigsten Erscheinungen, welche das parlamentarische Leben des Königreichs Bayern seit 50 Jahren gezeitigt hat; seit der um 1848 gepflogenen Judendebatte in der damaligen Kammer sind solche Reden kaum mehr dort gehört worden. Also weil man über die jüdische Presse, die aber in Wirklichkeit meist gar nicht jüdisch ist, über die neben christlichen Eüterschlächtern anch vorhandenen jüdischen Güterschlächter unzufrieden ist, soll mau Rechtskundigen, die der Presse ebenso fremd stehen wie der Eüterschlächterei, den Zutritt zur Richterstellung erschweren. Es dürfte sich aber doch empfehlen. Verschiedenes, was in dieser Debatte leider nicht erwähnt wurde, festzustellen. Vor allem ist die Behauptung, daß der jüdische Richter im Volk kein Vertrauen genieße und mit sich selbst wegen des Eides in Konflikt kommen müsse, eine der größten Unwahrheiten, die je ausgestellt worden ist. Warum soll der jüdische Richter, der auf dem Standpunkt des Monotheismus steht, der die Heiligkeit des Eides in religiöser und bürgerlicher Beziehung so gut kennt und ehrt wie jeder Andere, wegen des Eides mit sich selbst in Konflikt kommen? Wer vermag zu beweisen, daß die jüdischen Richter bei denen, mit welchen sie dienstlich zu verkehren haben, kein Vertrauen genießen? Von jeher hat der Richter nicht beiden Parteien Recht geben können, und ist immer sein Urtheil voll dem, dem er Unrecht gegeben hat, gescholten worden. Nicht Diejenigen, welche mit jüdischen Richtern, sei es als Nechtsuchende oder Rechtnehmende oder als Berussgenossen, als Vorgesetzte oder Untergebene, zu thun hatten, haben je eine berechtigte Klage gegen dieselben erhoben, sondern nur Demagogen haben nach solchen bisher vergeblich gesucht. Der beste Beweis dafür aber, daß die Bevölkerung selbst zu den israelitischen Rechtskundigen unbeschränktes Vertrauen hat, ist der, daß einer der größten Antisemiten, der Vaterlandsredakteur und frühere Reichstagsabgeordnete Dr. Sigl in München, der jeden Tag die niedrigsten Angriffe gegen Juden brachte, wenn er bei Gericht auf Alimentengebung verklagt wurde, sich mit Vorliebe von israelitischen Anwälten vertreten ließ, während der bayerische Vertrauensmann des Bundes der Landwirthe, der Reichstags- und Landtagsabgeordnete Lutz,

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