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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-29 · Heft 48 (29.11.1901) · p. Seite 567

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 48 (29.11.1901)
Date
1901-11-29
Page
Seite 567 (sequence 5)
Language
German
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867 ommende Stelle nicht zu berücksichtigen, und daß derartige Fälle wohl geeignet sein können, eine mißverständliche Auffassung über die Stellungnahme der Regierung herbeizusühren. Bei der Wichtigkeit der Angelegenheit glaubt jedoch der Ausschuß sie Regierung über die Ansicht der zweiten Kammer nicht im Unklaren lassen zu solle» und beantragt daher folgende Resolution: „Hohe zweite Kammer spricht die Erwartung ans, daß bei Anstellung der Beamten prinzipiell der Standpunkt der religiösen Gleichberechtigung gewahrt bleibt." Die Verhandlung im Plenum hat nunmehr am 20. d. M. tattgefunden. Nachdem die Antisemiten ihre landesüblichen liraden gegen die jüdischen Richter vorgebracht hatten, nahm die Kammer mit großer Majorität die obige Resolution des Ausschusses an. Was ist damit geschehen? So gut wie nichts. Denn es wird alles beim Alten bleiben. Eine prinzipielle 'ienderung der Gleichberechtigung wäre nur durch eine Aenderung der Verfassung zu bewirken; eine faktische ist -ereits durchgesührt! Von großem Interesse ist bei der ganzen Sache die Verchiedenartigkeit des Standpunktes, den die einzelnen Justizminster zu der Frage einnehmen. Der bayerische Justizuinister sieht bereits eine Gesetzesverletzung darin, daß jüdische dichter nur in beschränkter Zahl angestellt werden sollen; der essische Justizminister dagegen vermag eine Eesetzesverletznng clbst darin nicht zu erblicken, daß überhaupt jüdische Richter licht angestellt werden. Das ist ein Gegensatz der Auffassungen ei den beiden Justizministern, der doch zu einigem Nachdenken Anlaß giebt. Die Anschauung des bayerischen Justiz- Ministers, daß die Beschränkungen von Anstellungen im Justizienst ans konfessionellen Gesichtspunkten auch einmal für eine uidere Minoritätskonfessivn, beispielsweise die protestantische in Ätzern, schlimme Wirkungen haben könnte, hat aber die Logik ür sich und sollte namentlich den katholischen Gegnern jüdischer Achter in Preußen und anderen Bundesstaaten zu denken eben. r Wie wir vor mehreren Monaten schon mitgethcilt haben st in Petersburg eine Kommission eingesetzt worden, welche die zesammte auf die russischen Juden bezügliche Gesetzgebung revidiren soll. Jetzt verlautet nun, daß diese unter dem Vorsitz des Gehilfen des Ministers des Innern, P. N. Durnowo, mgende Kommission bereits eine Anzahl von Projekten ausgearbeitet hat, welche sämmtlich darauf hinauslaufen, den jüdischen Handwerkern ausgedehnte Privilegien zu gewähren, daür aber auf dem Gebiete des Unterrichtswesens die Rechte der snden noch mehr, als es schon bisher der Fall ist, zu beschränken. Do soll unter anderen die Moskauer Universität den jüdischen zuristen gänzlich unzugänglich gemacht werden. Wir ver» 'erzeichnen pflichtschuldigst dieses Gerücht, ohne an dessen Nichtigkeit zu glauben. So rasch arbeiten in Rußland die Nommissionen für gewöhnlich nicht, um schon nach einer sieben- »onatlichen Thätigkeit greifbare Resultate zu zeitige»! -V Eine jüdische Franenkonferenz, welche, wie wir bereits mitgetheilt haben, von einigen vornehmen jüdischen Damen in England für den nächsten Frühling geplant war, wird nun am 13. und 14. Mai 1902 bestimmt stattfinden. Wie Mrs. Nathaniel Cohen in der Sitzung des Generalkomitees vom 7. November mittheilen konnte, haben auf das an alle hervorragenden jüdischen Frauen Englands gerichtete Cirknlar nicht weniger als 224 Damen ihr Erscheinen auf der Konferenz bestimmt zugesagt. Als Aufgabe der Konferenz bezeichnet« die Rednerin die Heranziehung der jüdischen Frauen zur Mitarbeit an den jüdischen Angelegenheiten. Sämmtliche „jüdischen Angelegenheiten" lassen sich entweder unter den Begriff „Religion" oder unter den der „jüdischen Wohlthätigkeit" rubriziren. „Unsere Religion, für welche wir schon so viel erduldet haben und auch in der Zukunft noch zu erdulden bereit sind, ist unser unvergängliches Eigenthum, das uns Niemand rauben kann, und welches wir unseren Kindern vermachen werde». Dieselbe zu kennen und ihren Geist unseren Nachkommen einzuimpfen, ist die größte und edelste Aufgabe jedes jüdischen Weibes und jeder Mutter in Israel. Daher muß der Frage des Religionsunterrichts ein wichtiger Platz auf der Konferenz eingeränmt werden. Der zweite Theil der „jüdischen Angelegenheiten" ist die jüdische Wohlthätigkeit. Wohlthätig soll der Jude sein, nicht nur weil er Mensch ist und ein weiches jüdisches Herz besitzt, sondern vorzüglich, weil er Jude ist und als solcher die schwere Pflicht mit übernommen hat, der ganzen Welt zu zeigen, daß die göttliche Inspiration allein genügt, um die Menschen durch alle Lebenslagen als sichere Führerin zu leiten. Das Praktische Jndenthum soll auf der Konferenz einen breiten Raum einnehmen. Wir wollen die von uns auf diesem Gebiete gesammelten Erfahrungen uns gegenseitig mittheilen. Bedürfnisse, die an einem Orte vielleicht früher als an einem anderen Orte aufgetancht sind, werden wir so rechtzeitig kennen lernen, neue Ideen und Einfälle sollen auf der Konferenz, soweit es die beschränkte Zahl gestatten wird, diskntirt werden. Um jedoch schon jetzt und rechtzeitig eine gewisse Auswahl der zur Verhandlung stehenden Gegenstände treffen zu können, werden alle jüdischen Frauen brieflich und durch Bekanntmachung in der Presse anfgesordert werden, alles, was sie auf der Konferenz besprochen zu sehen wünschen, rechtzeitig an das Büreau der Konferenz einzusenden." Weit wichtiger als die neuen Ideen, welche wohl schwerlich von erschütternder Bedeutung sein werden, sind die neuen und zahlreichen Mitarbeiter, die die Konferenz dem englischen Jndenthume zweifellos zuführen wird. Das jüdische Weib hat bisher in England ebensowenig wie auf dem Kontinent sich am öffentlichen Leben des Jndenthums betheiligt. Daher ist der jetzt gemachte Versuch, auch die Kraft der Frau in den Dienst des an „Leutenvth" leidenden Jndenthums zu stellen, als ein kaum hoch genug zu veranschlagender Fortschritt zu begrüßen. Die Stimmung in und über Algier scheint in Frankreich in letzter Zeit sich stark geändert zu haben. Zum mindesten läßt folgender Bericht über eine Gerichtsverhandlung in Sachen des berüchtigten Agitators Max Negis darauf schließen: Die Geschworenen von Aix haben heute den wegen Mordversuchs angeklagten algerischen Agitator Talhonidec freigesprochen, welcher in Algier ans den damaligen antisemitischen Maire Max Negis geschossen und denselben verwundet hatte. Das Gericht in Aix hatte im Delegationswege die Rechtsprechung über diesen Fall erhalten. In der Verhandlung wurde durch Zeugen der Terrorismus gekennzeichnet, welcher von den antisemitischen Machthabern der Stadtverwaltung in Algier ansgeübt wurde und Gewaltakte förmlich provozirt habe. Geranlt-Nichard aus Paris sagte, als Zeuge vernommen, Algier stand unter der Schreckensherrschaft der Antisemiten. „Judein der Angeklagte den Angriff auf Max Negis beging, hat er sich im Zustande legitimer Nothwehr befunden; wir wollen Niemandes Tod, aber wir müssen das Recht haben, uns zu vertheidigen, wenn wir angegriffen werden. >

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