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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-22 · Heft 47 (22.11.1901) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 47 (22.11.1901)
Date
1901-11-22
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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3 Versammlung in den Concordiasälen sei ein Triumph für die antisemitische Partei, denn die Judeulümrnel und die ganze Judenpresse hätten Plötzlich fürchterliche Angst bekommen und schrieen nach der Polizei. Beleidigen könne ihn Niemand aus dieser Gesellschaft, denn diese Judeubengel ständen viel zu tief unter ihm. In seinen weiteren Ausführungen wandte sich der Redner gegen alle Stände und Berufe, und es gab keinen, den er nicht beleidigte. Deutschland sei führerlos und verwaist geworden, sein Schwert sei verrostet, man müßte sich eine Demüthigung nach der andern gefallen lassen. Aus dem einstigen deutschen Berlin sei ein gräulicher Judentempel geworden, in welchem es zngehe wie in Sodom und Gomorrha. Auch die deutschen Theater seien Judentempel geworden, von denen man sich mit Grausen und Ekel abwende. Unsere Kaufleute seien Juden und Jndengenossen, die Gerichtsbar keit sei von jüdischem Gei st durchsetzt, und die Zeit nicht mehr fern, wo mail den letzten christlichen Anwalt zu Grabe tragen würde. Die Aerzte seien Kanaillen, Bestien und Vamphre geworden, die sich an ihre Opfer heranschlicheu mit giftigen Blicken. „Schmeißt sie raus ans den Häusern und Familien." Das ganze deutsche Volk sei verlumpt, verbummelt, verliedert; überall rieche es nach Linsen. „Riechen Sie nichts?^ Aber bald werde ein furchtbares Strafgericht über Deutschland hereinbvechen mit Tod. Hunger. Pestilenz und Krieg; er habe das schon im Traum gesehen. (!!) Wenn die Landwirthschaft wieder gesund werden solle, dann müßte»! große und hohe Zölle (Aha!) eingeführt werden. Aber die Agrarfrage sei nicht zu lösen, bevor nicht die Judeufrage gelöst sei. „Land, du bist den» Tode nah, sieh dich um, Germania!" so schloß der poesieliebende Graf seine Psychiatrisch sehr werthvolle Rede, die Menge jubelte ihm zu und sang, wie üblich, „Deutschland, Deutschland über alles". — Könitz, 15. November. Die Synagogeu-Brandstiftung an» 7. Juni 1900 beschäftigte jetzt das Kouitzer Schwurgericht. Angeklagt »var der Arbeiter Dähnert, geb. 1866, der damals bei den» Kaufmann Stedefeld beschäftigt war und kurz vor dem Brande dem Barbierlehrling Giede an der Ecke der Konviktstraße und des Marktplatzes (die Konviktstraße führt nach der Synagoge) ein Fläschchen mit Benzin entrissen habe mit den Worten: „Damit werde ich der» Tempel anstecken," nach d'er Synagoge zugeeilt sei»» soll. — Eine Anzahl Zeugen bekundeten, daß sie bestimmt Giede mit einem Arbeiter an der Ecke und auch spater von den» Mönchssee kommend in der Friedrichstraße gesehen haben. Giede hat alles das vergesse»», er erinnert sich nur bestimmt daran, daß der Angeklagte der Arbeiter »var, der ihm das Benzinfläschchen entriß. Er selbst hat sich wiederholt durch die Worte: „Schweig" still" einigen Zeugen gegenüber verdächtig gernacht, leugnet aber, jemals diese Worte gesprochen zu haben. Giede »vird als der Thäterschast oder Theilnahme verdächtig »licht vereidet. Der Erste Staatsanwalt Schweigger beantragte das Schuldig. Der Vertheidiger Rechtsanwalt Hunrath plädirte sür mildernde Umstände, da Dähnert, wenn er der Brandstifter gewesen, doch nur einen Schuppen und nicht die Synagoge selbst angezündet und offenbar unter dem Einflüsse des Alkohols gehandelt habe. Die Geschworenen verneinten die Schuld fragen, und Dähnert wurde freigesprochen. Gegen Giede konnte nach Aussage des Erste»» Staatsanwalts wegen mangelnder Beweise keine Anklage erhoben werden. Die Verhandlung dauerte von Vormittags 10 bis Abeuds 6H2 Uhr. Lp. Aus -er Provinz Poserr, im November. Bei der jüngst stattgehabten jüdischen Schulvorstandswahl in Krotoschin sind die Herren Kaufmann Hermann Cohn, Brauereibesitzer Otto Hepner und Kaufmann Julius Neumark gewählt worden. Von 137 Wählern haben sich nur 5 an der Wahl betheiligt. — I»» Jnowrazlaw ist kürzlich ein Musikverein ins Leben getreten, zu dessen Vorsitzende»» Herr Amtsgerichtsrath Holzmann gewählt wurde. Herr Holzmanu ist der Bruder des Seminardirektors Holzmann in Berlin. — Die Tynagogengemeinde in Schwarzenau hat sich so verkleinert, daß r»icht mehr die täglichen Andachten in der Synagoge verrichtet werde»» können; es gehöre»» im Ganzen nur noch neun Mitglieder der Gemeinde an. — In das Repräsentantenkollegium der jüdischen Gemeinde zu Grätz sind kürzlich die Kaufleute K. Bick, K. Pick, M. Haarzopf, M. Quartiermeister, D. Weinlaub und Mühlenbesitzer H. Meyer gewählt »vordem — Kaufmann Roseutreter in Goll aut sch ist aus dem Kuratorium des Heimannscheu Stifts daselbst ausgeschiedeu und au dessen Stelle Herr M. Leiser aus Posen gewählt »vorder». — Lehrer Speyer in Jutroschin ist endgiltig an die jüdische Volksschule zu Tostyn versetzt worden. A Liffo, 10. November. Bei den am 9. November d. I. vollzogenen Neuwahlen zur Stadtverordnetenversammlung wurden gewählt: Justizrath Wolff (Landtagsabgeordneter und bisher Stadtverordnetenvorsteher), Kaufmaun Louis Eisenstädt. Kaufmann Salo Manheim, Kaufmann Adolf Pick. Gemeindevorsteher Louis Bieberfeld, der bisher ebenfalls Stadtverordneter gewesen und dessen Wahlzeit abgelaufen »var. hatte eine Wiederwahl aus Gesundheitsgründe»» abgelehnt. — Zu Mitgliedern des Vorstandes der israelitischen Elementarschule in Lissa wurden am 29. v. M. durch die Schulgemeinde gewählt: die Kaufleute Louis Eisenstädt und Julius Baginsky, der praktische Arzt Dr. Scherbel und der Rechtsanwalt und Notar Nürnberg. — Am 27. v. M. befand sich unser Litteratu »Verein in der keineswegs augeneh»neu Situation, daß ein von auswärts bernfener Redner eine Stunde vor Beginn des Vortrages „abdepeschirte", »veil er „unerwartet verhindert" sei. In dieser „Nothlage" sprang das Vorstandsmitglied. Herr Rechtsanwalt und NotarNü rn b er g . ein indem er einen ebenso formvollendeten wie geistvollen Vortrag über „Alexander von Humboldt und seine Beziehungen zun» Judenthum" hielt. Reicher Beifall lohnte de»» wackeren, hilfsbereite»» Redner sür seine hervorragende Leistung. tz. Halversta-t, 15. November. Der seit mehr als 150 Jahren bestehende Verein Hachnaßath Kal loh, dessen Aufgabe es »st. arme israelitische Bräute auszustatten, veranstaltete eine»» Bazar, dessen Ueberschnß nebst dem Ergebniß einer vorher veranstaltete»» Sammlung die Summe von 2500 Mark ergaben, so daß der Vorstand in diesen» Jahre bedeutend mehr arme Bräute zu berücksichtigen im Stande sein »vird. Bedingung ist, daß die Bewerberinnen orthodox leben. — Herr- Rabbiner Salomon Cohn. Stiftsrabbiner der hiesigen Behrend-Lehmann- Stiftung. hat ein größeres hebräisches Werk über Hatacha und Agadah unter dem Titel „Kereru Schlanmauh" heransgegebeu. — Im 29. Lebensjahre verstarb Hierselbst Frau Therese Hirsch, die Tochter des Chefs der Finna Aron Hirsch Sohn und Gattin des Mitinhabers Gabriel Hirsch. Sie war eine streng orthodoxe, wohlthätige Frau, die sich in der ganzen Gemeinde allgemeiner Hochachtung erfreute. — Als Nachfolger des kürzlich Hierselbst verstorbenen Rabbiners Dr. H. Auerbach dürfte nach unseren Informationen der gegeuwärtig ii» Leipzig arntirende Sohn Dr. Jsaac Auerbach, ein Schiller des Berliner Hildesheim ersehen Rabbinerseminars, gewählt werden. — Frankfurt a. M., 17. November. Das Centralkornitee zur Errichtung eines jüdischen Krankenhauses i 1» Jerusalem, das seinen Sitz hier in Frankfurt a. M. hat. erhielt heute von dessen Arzt Dr. Wallach folgende Depesche: Prinz Adalbert besichtigte heute Dienstag Mittag Bau und Einrichtung des neuen Hospitals Schaari Zedek und sprach seine volle Anerkennung aus. Das Hospital, allen Anforderungen der modernen Hygiene entsprechend, »vird in den allernächsten Wochen seiner Bestimmung übergeben werden. v. Duisburg, 17. November. Die antisemitischen Blätter haben in dieser Woche von hier aus wieder eine Ritualmo rdlegende zu verbreiten gesucht. Die Angelegenheit trug sich nicht in Duisburg, sondern in Ruhrort zu und zwar folgendermaßen: Eines AbendS kamen drei ausländische Arbeiter in ein dortiges größeres Geschäft, um Anzüge zu kaufen. Einer hatte zwei Kinder im Alter von ca. zehn bezw. vier Jahren bei sich. Sie wurden in die obere»» Räume verwiese»». woselbst sich die Abtheilung für Herrenkonfektion befindet. Sie suchten und wählten lange unter den vorgelegten Maaren und boten viel weniger, als sie kosten sollte. Der Verkäufer entfernte sich, urn billigere, den» Preise entsprechende Sache»» herbeizuholen und fand zwei dieser Männer nicht mehr anwesend; sie waren wohl fortgegangen, weil ihnen die Maare zu theuer war. Der betreffende Verkäufer ersuchte de»» noch anwesenden Mann, seine Kollegen wieder zurückzurufen; dies Lhat er, seine Kinder zurücktassend. Nach einigen Minuten erschien er unten an dem Ladeneiugang und rief seine Kinder heraus. Da der große Laden unten sowohl als auch in der Konsektiousabtheilung voll von Käufern war, so mögen die Kiuder den ersten Ruf überhört haben. Dies gab dem Manne Veraulassuug, aus Leibeskräfte»» zu brüllen, die Kinder seien ihm vorenthalten; dieselben kamen sofort herunter (sie waren überhaupt nicht im Keller!) und entfernten sich mit ihrem Vater. Das Verhalten des Mannes machte auf sämmtliche in» Lokale sich befindlichen Käufer den Eindruck eines Geistesgestörte»». — Ems, 17. November. Der vierte Jahresbericht des Israelitischen Centralwaisen- und Mädchenheims für die Zeit vom 1. Oktober 1900 bis 30. September 1901 ist eben ansgegeben worden.

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