Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Zahl der Zöglinge ist gegen Ende des Berichtsjahres auf 33 erhöht worden. Die durch Entlassungen frei gewordenen Stellen wurden stets durch Neuaufnahmen baldigst wieder besetzt. Sechs Zöglinge sind vollständig verwaist, sieben haben noch den Vater, elf noch die Mutter und neun noch die Eltern, welche jedoch nicht fähig und imstande sind, ihren Kindern eine Erziehung gewähren zu können. In der städtischen Volksschule empfangen die schulpflichtigen Zöglinge den Elementarunterricht; nur ein besonders veranlagtes Mädchen besucht auf Kosten der Synagogengemeinde Halle die hiesige höhere Töchterschule. Den Religionsunterricht ertheilt in der Anstalt selbst Bezirksrabbiuer Dr. Weingarten, dem auch die Aussicht über die gesammte Leitung der Anstalt überantwortet ist. Durch gemeinsames tägliches Betern durch regelmäßigen Besuch des Freitagabend- und Sabbathgottesdienstes wird die religiöse Erziehung der Zöglinge besonders unterstützt. Die Schulaufgaben werden unter Aufsicht der Anstaltsvorsteherin angefertigt, die auch den minder begabten Nachhilfnnterricht und den schulentlassenen Zöglingen Fortbildungsunterricht in Rechnen, Geographie und Geschichte ertheilt. Handarbeitsunterricht empfingen die Zöglinge durch die Handarbeitslehrerin der höheren Töchterschule einmal wöchentlich in der Allstalt. Der körperlichen Entwickelung und Pflege der Zöglinge wurde wie seither die gebührende Sorgfalt gewidmet. Aus der Anstalt sind im Laufe des Berichtsjahres im Ganzen neun Zöglinge ausgeschieden. Die scheidenden Zöglinge wurden mit einer guten und reichlichen Aussteuer versehen und erfuhren auch weiterhin Fürsorge und fördernde Theilnahme. Am 22. Januar 1901 wurde der Verein unter dem Namen „Israelitisches Centralwaisen- und Mädchenheim zu Bad Ems, Eingetragener Verein", in das Vereinsregister' zu Ems eingetragen und somit zu einer juristischen Person erhoben. Die laufenden Geschäfte wurden von den hierorts wohnenden Vorstandsmitgliedern ordnungsgemäß erledigt. Am 2. Juni fand die Ausloosung voll fünf Vorstandsmitgliedern statt, die sänuntlich wiedergewählt wurden. Am 21. Juli wurde die ordentliche Generalversammlung abgehalten, in welcher außer der Genehmigung des Etats drei neue Vorstandsmitglieder gewählt wurden, und zwar die Herren Benno Koßmann in Köln. Hugo Nahm in Koblenz und Dr. H. C. Plaut in Hamburg. Da Letzterer die Wahl ablehnte, so konnte bisher die Eintragung der neugewählten Vorstandsmitglieder ins Vereinsregister nicht erfolgen. Die Zahl der Mitglieder ist dank den Bemühungen der Freunde um ein Beträchtliches gewachsen, aber noch immer sehr unbedeutend. Der Vorstand besteht aus den Herren: Dr. Aronsohn, praktischer Arzt, Ems-Nizza, erster Vorsitzender; Dr. Horovitz, Rabbmer, Frankfurt a. M., erster stellvertretender Vorsitzender; Joseph Kirchberger, Buchhändler, Ems, zweiter stellvertretender Vorsitzender; Dr. Weingarten, Bezirksrabbiner. Ems, Schriftführer; Heinrich Königsberger, Kaufmann, Ems, Kassirer, Dr. Cohn, Distriktsrabbiuer, Jchenhausen; Max Ettinghausen, Mühlenbesitzer, Höchst a. M.; Eduard Feist, i. H. Beer, Sondheimer L Co., Frankfurt a. M.; Heinrich Fränkel. Agent, Berlin; I. Goldschmidt, Hofjnwelier, Köln a. Rh.; Sally Goldschmidt, i. F. Goldschmidt L Co., Frankfurt a. M.; Louis Grumach, i. F. Gebr. Grumach, Berlin, Alphons Jacobson, Bankier, Leipzig; Benno Koßmann, Fabrikant, Köln; Dr. Landau. Bezirksrabbiner. Weilburg; Hugo Nahm, Kaufmann, Koblenz; G. Pinoff, Kaufmann, Görlitz. Die Einnahmen betrugen 72431 Mark, die Ausgaben 15057 Mark, das Vermögen des Vereins beträgt 165 192 Mark. Oesterreich-Ungarn« LI Wien, 18. November. In unsere Rabbiner-Frage, die eine wahrhaft brennende, scheint man, absichtlich oder nicht, eine gewisse Verwirrung hineinbringeu zu wollen. Ohnedies wird seit Jahren von allen Seiten für Neffen, Brüder und Vettern, die Rabbiner in irgend einem böhmischen Nest sind, auf dem hier besonders beliebten, Wege der persönlichen Protektion fleißig gearbeitet. Wer nur irgend einen Onkel oder Schwager am grünen Tisch sitzen hat, der macht sich auch Hoffnung aus die fette Pfründe des Wiener Nabbinats. Wer bei diesen! Neunen den Sieg davontragen wird, bleibt abzuwarten. Zu wünschen wäre nur, daß der Sieger auch wirklich nebenbei ein tüchtiger Mann sei. — Bei dem Novemberavancement wurden zahlreiche Glaubensgenossen befördert, so u. A. die Hauptleute Israel Hersch- ^owitz, Rosenberg und Mandl zu Majoren. — Fräulein Dr. Charlotte Steiuberger in Budapest wurde vom Kultusminister zur Praktikantin an der Universitätsklinik ernannt. Das Fräulein Doktor ist strenggläubige Jüdin. — Einem althergebrachten Brauche gemäß wurden Montag, am Martinstage, von einer Deputation der israelitischen Kultusgemeinde Preßburg vier Martinigänse. wahre Prachtstücke der Mästung, für die kaiserliche Küche in der Hofburg abgegeben. Wie es heißt, sind zwei derselben für die Hofküche der Erzherzogin Elisabeth Marie bestimmt. Donnerstag Vormittags 10 Uhr wird eine Deputation des Vorstandes, bestehend aus den Herren Lazar Gestettner, Ignaz Herzfeld und Doktor Stein die Auszeichnung genießen, vom Kaiser in Privataudienz empfangen zu werden. — Das antisemitische Gemeinderathsmitglied Bielolawek wurde vorn Bezirksgerichte zu 24 Stunden strengem Arrest verurtheilt, weil er in öffentlicher Gemeinderathssitzung die „Ostdeutsche Rundschau" als „elenden Preßköter" bezeichnet hatte. Von Nah und Fern. — Der König von Spanien hat Direktor Siegmnnd Lautenburg das Kommandeurkreuz mit dem Stern des Jsabellenordens verliehen. — Sein 25 jähriges Jubiläum als Dozent au der Universität Berlin feierte am 17. d. M. der Kliniker Professor Dr. Litten, der leitende Arzt des städtischen Krankenhauses in der Gitschinerstraße. — Zu korrespondirenden Mitgliedern hat die königliche Gesellschaft der Wissenschaften ernannt die Professoren Hermann Minkowski in Straßburg und Michael Levy in Paris. In Oranienburg ist am 8. d. M. Herr Louis BL u menthal im 82. Lebensjahre gestorben. Er gehörte viele Jahre hindurch dem Stadtverordnetenkollegium und dem Magistrat an, bis er wegen zunehmenden Alters seine Ehrenämter niederlegte. In Anerkennung feiner Verdienste wurde ihm bei seinem Scheiden auS der städtischen Verwaltung der Titel „Stadtältester" verliehen. — Herrn Oberlandesgerichtsrath Dr. Litten in Hamm ist der Charakter als Geheimer Justizrath verliehen worden. — In Minden beging am 11. d. M. das Ehepaar S. Heinemann hier die Feier seiner goldenen Hochzeit. Der Vorsteher der Synagogengemeinde erschien bei den Jubilaren, um Namens der von ihm vertretenen Körperschaft herzliche Glückwünsche auszusprechen. Nach einer feierlichen Ansprache des Herrn Prediger Liepmannssohn überreichte derselbe ein nahmhaftes Ehrengeschenk, das von den Wohlthätigkeitsvereinen der Gemeinde gestiftet war. Sodann verlas derselbe ein Glückwunschschreiben des Magistats, dem ebenfalls ein Geldgeschenk beigefügt war. Möge den alten Leuten ein freundlicher Lebensabend beschieden sein! — In Paris ist am 11. d. M. der begabte junge Bildhauer Emile Deboucle, dessen Skulpturen auf verschiedenen Ausstellungen Aufseher! erregt haben, im 87. Lebensjahre gestorben. — In Beau me ist der ehemalige Lycealprofessor Mo'i'se Lion, der sich auch als jüdischer Dichter bekannt gemacht hat, nach langem Krankenlager gestorben. — In Lodz wurde am 9. d. M. das auf Kosten der Eheleute Sigismund und Bertha Jarocinski mit einem Kostenaufwands von ungefähr 100 000 Rubel erbaute Gebäude für die Handwerkerschule „Talmud-Thora" durch eine Rede des Predigers Dr. Jelski und den Synagogenchor feierlich eingeweiht. — Der Oberpolizeimeister der Stadt Moskau erließ an sämmtliche dortigen Theaterdirektoren sowie Theateragenturen ein Cirkular, wonach den jüdischen Artisten das Auftreten in sämmtlichen Theatern der Stadt Moskau untersagt ist. Entsetzlich! — Eine neue Verordnung des russischen Kultusminister dehnt die 10 Prozent Beschränkung der zu den Schulen zugelassenen jüdischen Schüler auch auf die unteren und mittleren Gewerbeschulen aus. welche bis jetzt jüdische Schüler in unbeschränkter Anzahl anfnehmen dursten. Der Schlag ist weniger gegen den jüdischen Mittelstand, welcher seine Kinder in den Gymnasien und Realschulen unterzubringen sucht, als gegen die jüdischen Handwerker gerichtet. — Die Zahl der Juden, die im Kriege in Südafrika gedient, wurde, wie bekannt, auf ca. 1500 geschäht, von denen 852 namentlich ausgesührt werden konnten. Jetzt verlautet aus zuverlässiger Quelle. daß obige Schätzung weit hinter der Wirklichkeit zurückgeblieben ist, und daß die Zahl der jüdischen Soldaten in Südafrika weit über 2000 beträgt. Ein großer Theil dieser jüdischen Kämpfer für das „größere Britannien" sind waschechte „polnische Juden", den die Liga der britischen Brüder den Eintritt in England verwehren möchte. — B. L. Abrahams ist zum stellvertretenden Finanzsekretär im indischen Schatzamt ernannt worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für Lue Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.