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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-22 · Heft 47 (22.11.1901) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 47 (22.11.1901)
Date
1901-11-22
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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65. Jahrgang. Ar. 47. Berlin. 22. November 1901. Weitage zur „Mtgemeinen Zeitung -es Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 17. November. Die heutige Sitzung der Repräsentanten Versammlung, welche nur schwach besucht war. nahm einen geschäftsmäßigen Verlauf und erledigte ihre Tagesordnung in kurzer Zeit. Zum geschäftlichen Theil machte der Vorsitzende Louis Sachs die erfreuliche Miltheilung, daß der Gemeindevorstand der Anregung der Repräsentanten, für die Beamten der Gemeinde eine Betriebskrankenkasse zu gründen, näher getreten ist und eine dementsprechende Vorlage bereits in Angriff genommen hat. Eine letztwillige Zuwendung des Partikuliers Joseph Joachim Liebermann in Höhe von 5000 llkark zum Zwecke der Erhaltung von Erbbegräbnissen wird debattelos angenommen. -- Nach kurzer Diskussion wurde die Uebernahme der Verwaltung der Jacob Plantschen Familienstiftung genehmigt. Die Höhe der Stiftung beträgt 300000 Mark, und deren Dauer ist aus 50 Jahre festgesetzt. Alljährlich sollen die Zinsen der Stiftung an bedürftige Mitglieder der Familie vertheilt werden; ein Betrag von 50000 Mark ist der Gemeindeverwaltung zur Verfügung gestellt worden, wovon alljährlich 1000 Mark an hiesige Arme zur Verkeilung gelangen sollen. Nach Verlauf der 50 Jahre soll das Kapital nebst den nicht in Anspruch genommenen Zinsen au das Plantsche Hospital zu Cimiez (an der Riviera nordöstlich von Nizza) abgeführt werden. Dem Gemeindevorstand bleibt es Vorbehalten. die Vakanzen im Kuratorium der Stiftung zu ergänzen; er wird die landesherrliche Genehmigung zur Annahme der Stiftung nachsuchen und mit den Vollstreckern der Stiftung zu vereinbaren sich bemühen, daß nach Ablauf der Stiftung das Kapital nicht direkt an das Hospital, sondern an das jeweilige Kuratorium ausgezahlt werden solle. — Die Abänderung des Z 12 des Statuts des Neicheuheimschen Gemeindewaisenhauses ist nur redaktioneller Natur und wird debattelos genehmigt. Ebenso erfahren debattelose Annahme die Erhöhung der Mitgliederzahl des Chors der neuen Synagoge von 24 auf 30 Mitglieder, die Bewilligung von 403.35 Mark für Kokoslaüfer in der neuen Synagoge, von 350 Mark für einen Aktenschrank der Centralkasse. von 390 Mark für Vorhänge irr der Synagoge Lützowstraße zur Beseitigung der Zugluft. Eine längere Diskussion knüpfte sich an die Nachbewilligung vorr 7173.77 Mark für Reparatur der Kuppeln und der Fassade der neuen Synagoge. Für die Vergoldung der Kuppeln waren, wie erinnerlich, bereits 30 000 Mark bewilligt worden, der Betrag hierfür ist noch um 8000 Mark überschritten worden. Gleichzeitig hat sich jedoch die Beschaffenheit der Fassade als so trostlos herausgestellt, daß deren Reparatur ebenfalls sofort in Angriff genommen wurde. Herr- Willi bald Loewenthal fordert, um der Wiederkehr derartiger Zustände vorzubeugen, einen festen Turnus einzuführen, nach welchem die Gemeindegebäude gründlich zu untersuchen sind. Kommissar Netter erkennt diese Forderung als berechtigt an und theilt mit, daß jetzt durch einen eigeuen Baumeister der Gemeinde sämmtliche Gebäude nach je zwei Jahren ans ihre Neparaturbedürftigkeit geprüft werden sollen; er bittet, daß die Baukommission nach Kräften von den Verwaltungen der einzelnen Gebäude unterstützt wird. — Es folgen noch einige Rechnungsabschlüsse pro 1900/1901. Die Kommission zur Unterstützung hilfsbedürftiger durchreisender Juden hat einen Mehrverbrauch von 1156.30 Mark aufzuweisen. Der Abschluß der Alterversorgungsanstalt schließt mit einem Minderverbrauch von 822.89 Mark bei Reparaturen ab. Ein Gemeiudezuschuß ist diesmal überhaupt nicht verlangt worden. Die Einnahmen haben gegen den Etat einen Mehrbetrag von 20000 Mark aufzuweisen; auch die Ausgaben sind wesentlich gestiegen, besonders für die Beköstigung der Hospitaliter,. Der Abschluß der neuen Synagoge, über den Herr Benas Levy referirte, hat einen Minderverbrauch von 927,42 Mark. Eine Mindereinnahme hat sich bei den Mizwothgeldern um 127 Mark ergeben, und der Synagogenvorstand fügt hier hinzu, daß der Heranwachsenden Generation anscheinend der Sinn für die Gewährung dieser Ehre verloren gehe. Auch bei den Trauungen, deren Kosten allerdings herabgesetzt worden sind, ist eine Mindereinnahme zu verzeichnen. 59 Trauungen erfolgten ohne Chor, 19 mit Chor, 105 wurden außerhalb der Synagoge veranstaltet. Der Referent bittet, um in Zukunft ein klares Bild zu gewinnen, in der Rechnungslegung sämmtliche Einnahmen und Ausgaben zu berücksichtigen. Vorsteher Jacoby bittet, diese Forderung bei der Etatsberathuug zu wiederholen, glaubt aber nicht, daß der Gemeindevorstand ihr Folge geben wird. Professor Blaschke monirt die mangelhafte Ventilation in der neuen Synagoge, wünscht die endliche Abschaffung der Gasbeleuchtung und vollständige Durchführung der elektrischen Beleuchtung. Herr Loewenthal theilt hierzu mit, daß die Vorarbeiten für die elektrische Beleuchtung bereits im Gange sind. Die Rechnungslegung für die Synagoge Kaiserstrabe schließt mit einem Minderverbranch von 2507.70 Mark ab. Sie wird — wie die vorhergehenden — dechargirt unter Hinzusügung des Wunsches, daß in Zukunft zu den einzelnen Positionen Erläuterungen gegeben werden sollen.-Zur Errichtung eines Denksteins für den verstorbenen Dirigenten der Neligionsschule Dr. Kirsch stein werden 750 Mark gefordert. Nach kurzer Befürwortung durch den Kommissar Martin Simon, welche von der Versammlung mit lebhaftem Beifall ausgenommen wird, erfolgt die debattelose Annahme der Vorlage. — Zum Schluß der öffentlichen Sitzung, der eine geheime folgte, werden vier ausscheidende Mitglieder der Kommission für die Friedhofsangelegenheiten. die Herren Willibald Loewenthal. Martin Loose, Louis Eduard Sachs und Moritz Milchner, durch Akklamation auf drei Jahre wiedergewählt. 8. Berlin, 8. Nov. Den zweiten öffentlichen Vortrag im Verein für jüdische Geschichte und Litteratnr hielt am 7. dss. Herr- Professor Dr. Martin Philippson über das Thema: „Das Judenthum und die übrigen Kulturreligionen." Ausgehend von der Betrachtung des Judenthums in seinen drei großen Entwickelungsphasen, des Mosaismus, Prophetismus und Talmudisrnns schildert der Redner in klarer und fesselnder Weise die Grundprinzipien unserer Religion in ethischer, sozialer und religiöser Beziehung. Sodann gelangte er zu einer Betrachtung des Christenthums in der er, anknüpfend an die Aeußernngen hervorragender Theologen wie Holzmann, Harnack, Dorner und Andere die grundlegenden Ideen dieser Religion und die geschichtliche Entwickelung derselben klarlegte. Ein Vergleich zwischen der Mutter- und der Tochterreligion ergiebt sich in dieser Darstellung von selbst, aber man durfte den feinen Takt bewundern, mit dem der Redner, ohne auch nur im Geringsten aus seinen Anschauungen einen Hehl zu machen, diese heikle Frage beantwortete und zwar in einer Weise, die auch bei den strenggläubigsten Christen keinen Anstoß hätte erregen können. Zum Schluß gab Professor Philippson in kurzen Zügen ein Bild des Islam in seiner Stellung zum Judenthum. Als das Resultat seiner Untersuchungen stellte der Vortragende die lieberzeugung hin, daß Israel seine Mission noch nicht erfüllt habe, und daß die modernen Juden kein Recht hätten, auf diese Mission zu verzichten, sondern daß sie ihre Ausgabe furchtlos und treu trotz aller Gefahren und Anfeindungen nach wie vor zu erfüllen hätten in der Hoffnung, daß die Ideen des Judenthums, die schon im Christenthum und im Islam den Fortschritt der religiösen Entwickelung der Menschheit bewirkt, einmal die großen Synthesen einer Weltreligion bilden werden. Der geistvolle und interessante Vortrag fesselte das zahlreich versammelte Publikum bis zum letzten Augenblick. Der außerordentlich lebhafte Beifall bewies dem Redner die zündende Wirkung seiner Ausführungen und Mahnungen. — Am 15. v. M. hielt Herr Professor Ludwig Geiger den ersten Vortrag seines Cyclus über die Geschichte der Juden in Berlin in dem dichtgefüllten großen Saal des Berliner Handwerkervereins. Der Redner behandelte die Vorgeschichte der Juden in Berlin bis zum Jahre 1573. Mit großem Fleiß hatte er das dürftige Material zu einem anschaulichen und einheitlichen Bilde znsammengestellt; die großen Ereignisse, welche in jene Zeit fallen,

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