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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-22 · Heft 47 (22.11.1901) · p. Seite 564

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 47 (22.11.1901)
Date
1901-11-22
Page
Seite 564 (sequence 14)
Language
German
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564 werke, die die Entwickelung des Judenthums beeinflußt habe», einen großen Mangel aufweist, gleichsam ein Hans ohne Fenster und Thüren ist. ein Mangel, den seitenlange Inhaltsangaben der Werke auch nicht ersehen können. 8, Sprechfaul. Geehrte Redaktion! lMn Bezug auf die Wiener Alliance sind die Ausführungen deS Herrn Dr.Kaminka nicht zutreffend. Daß die regelmäßige Tätigkeit der Wiener Alliance sich innerhalb der Grenzen Oesterreichs bewegt. im Gegensatz zur ^n§1o äo>visti Association und der Alliance Israolilo universelle deren regelmäßige Thätigkeit im Ausland ausgeübt wird, ist nicht zu bestreiten. Vergleichen kann man nur Gleichartiges. Nachdem der Verfasser des Artikels „Die drei Allianzen" den geringen Betrag der deutschen Jahresbeiträge für die ^llirmeo israiMo universelle, betont hatte, konnten mit diesen Jahresbeiträgen, nur die Jahresbeiträge des Wiener und Londoner Vereins verglichen werden. Sollen dagegen nicht nur die regelmäßigen Jahresleistungen sondern auch besondere Spezialsammlungen in Betracht gezogen werden, so müssen natürlich auch in den anderen Ländern die entsprechenden Leistungen in Allsatz gebracht werden. Das ist aber deswegen nicht möglich, weil einmal hierzu besondere Spezialkomitees Ln verschiedenen Ländern vorhanden sind, und zweitens die Alliance, soweit sie solche außerordentliche Hilfsaktionen unternimmt, hierüber nicht in ihren Jahresberichten Auskunft giebt. Was z. B. die von Dr. Kaminka erwähnten Spezialsammlungen betrifft, so entsprechen den Sammlungen für die Kolonien in Palästina in Deutschland unter anderem die Jahreseinkünfte des Vereins Esra, (für Rumänien bestand in Deutschland ein besonderes Komitee. Meines Wissens hatte übrigens die rumänische Sammlung der Wiener Alliance nicht zur Verwendung in Rumänien zu dienen, sondern für die nach Oesterreich gekommenen Rumänen, so daß mit Ausnahme des kleinen Betrages für eine Kolonie in Palästina (wenn ich nicht irre von galizianischen Ansiedlern) auch die außerordentlichen Sammlungen in Oesterreich Verwendung fanden. Es ist auch nickt korrekt, nur das eine Jahr 1900 zu nehmen, in welchem durch die außerordentliche Aktion für Rumänien größere Ziffern in der Bilanz erschienen. In den fünf Jahren 1895 bis 1899 betragen die Einnahmen der Wiener Allianz zusammen nur ca. 200000 fl., davon in Jahresbeiträgen nur 65 000 fl., Zinsen ca. 30000 fl., für die Opfer in Boryslaw. Prag. Westgalizien. Mähren Spezialsammlungen an 95000 fl. Mit Ausnahme voll 6000 fl., welche im Jahre 1895 für russische Zwecke ausgegeben wurden, entfallen in diesen Jahren die gesammten Ausgaben auf Oesterreich. Unter den Spendern ist allerdings das Ausland stärker vertreten, so allein für die durch die Unruhen in Westgalizien Geschädigten 1898 gesammelten rund 60000 fl. ca. 10000 fl. von der ^Ilianes israölito und 5000 fl. von der Baronin Hirsch. Es ist mir eigentlich nicht möglich, mich in den Gedankengang hineinzudenken, daß Oesterreich als Filiale der Eignes israölite universelle nicht den zehnten Theil dessen ausbringen würde, was es jetzt aufbringt. Dr. Kaminka würde, wenn er Recht hat, den Oesterreichern damit ein miserables Zeugniß ausznstellen. Schon jetzt gilt Oesterreich in den jüdischen philanthropischen Kreisen als eine Art von valour, zum Beispiel brachte bei den Sammlungen für Rußland im Jahre 1891 Vereine Platz Frankfurt ungefähr doppelt so viel auf wie ganz Oesterreich. Es ist einige Jahre her, daß kaum eine Synagoge in Oesterreich gebaut wurde, ohne daß man in Deutschland mit Gesuchen um Beiträge oder Abnahme von Loosen angegangen wurde. Gelegentlich hat Frau Baronin Hirsch ganz dentlich demonstrirt, daß man in Oesterreich die Mizwoh. Andere zum Gebell zu veranlassen, fleißiger übe, als die Tugend selbst zu geben. Also wie man es anstelleu soll, noch weniger zu geben, oder gar noch nicht den zehnten Theil von dem was jetzt gegeben wird, ist mir nicht ganz verständlich. Und noch eins. Herr David Ritter von Gutmaun, der Präsident der Wiener Alliance, ist zugleich Mitglied des Centralkomitees der Alliance in Paris. Glaubt Dr. Kaminka, daß die Beutel sich öffnen» alls Herr von Gutmann eine Visitenkarte als Präsident der Wiener- Alliance sendet, aber Abweisungen erfolgen, falls er sich alls der Karte als Mitglied des Centralkomitees der ^llianee Lsraolite universelle bezeichnet? Gar noch, wenn es sich um denselben Zweck, eine Aktion für verfolgte Rumänen handelt? Berlin, 14. November. Hochachtungsvoll Dr. Heinrich Meyer Cohn. wird Herr Redakteur! manche Leser vielleicht interessiren, zu erfahren, wie herrlich weit wir es in dem Beginne des zwanzigsten Jahr- Hunderts gebracht haben. Wir sind, wie ich Ihrem geschätzten Blatte vom 20. September d. I. entnehme, auf dem bestem Wege, den Ritt in die romantische Zeit des Vormärz mitzumachen. Dort wird nämlich gemeldet, daß der jüdische Lehrer von Hungen im Groß- Herzogthum Hessen zu fünf Mark Geldstrafe verurtheilt worden sei. weil er die Leiche „des Juden G. Kahn" in der Amtstracht eines evangelischen Geistlichen begleitete. Leider geht aus dem Berichte über die Gerichtsverhandlung nicht mit Bestimmtheit hervor, ob dem Verbrecher die Strafe erlassen worden wäre, wenn er die Leiche eines Christen in solcher Weise begleitet hätte, und darum bleibt es unentschieden. ob das Verbrechen subjektiv durch den jüdischen Lehrer oder objektiv durch den begleiteten Herrn Kahn begangen wurde. Ein ähnliches Verbot wurde in Bayern in den dreißiger Jahren erlassen, indem das Ministerium dem Rabbiner Dr. Loewi in Fürth verbot, ein Baret und weiten Chorrock zu tragen, weil es Privatkirchengesellschasten nicht gestattet sei, sich „sonstiger Auszeichnungen" zu bedienen (Allgemeine Zeitung des Judenthums 1841, p. 197 und 1848,193). Ein ähnliches Verbot erließ die königliche Regirung von ArnSberg am 20. Juli 1848 auf Veranlassung des Rabbiners Sutro in Münster, indem sie verfügte, daß die jüdischen Lehrer es sich nicht beigehen lassen sollten, bei der Ausübung ihres Kultus eine Kleidung zu tragen, welche der Amtskleidung der evangelischen Geistlichen ähnlich ist. Es wird in derselben Verfügung auch noch ganz deutlich von der Anmaßung und dem Unfug der jüdischen Lehrer gesprochen. Von besonderer Wichtigkeit ist auch die Thatsache, daß es nach der Lehre der evangelischen Kirche ein Amtskleid der Geistlichen gar nicht geben kann. Lnther nennt geistliche Amtskleidung „geheiligten Possen und Lappereien", und obwohl er sie duldet, so geschieht es nur, weil er die Frage für zu unbedeutend hält, um daraus eine. Prinzipienfrage zu machen, wie er dem Berliner Probst Buchholzer schreibt: „Hat euer Herr, der Kurfürst an einer Chorkappe nit genug, so ziehet derer dreic an." Der radikalere Zwingli verwirft alle geistliche Amtstracht als „Gleisnerei", die Gott widerwärtig ist. Thatsächlich ist auch der Talar der protestantischen Geistlichen nur der Prosessorentalar der Nesormationszeit, wie er ganz besonders in englischen Kolleges noch heutzutage üblich ist. Die Puritaner haben Amt und Freiheit aufgegeben, uni dem Zwange der geistlichen Tracht sich zu widersetzen, und auch heute predigen die meisten evangelischen Geistlichen Amerikas in einfach bürgerlicher Kleidung. Persönlich wünschte ich, daß wir Juden den Muth gehabt hätten, überall den Begriff des Volkspriesterthums auch in der äußeren Erscheinung des Geistlichen zum Ausdruck zu bringen. Eine rabbinische Tracht hat es für jüdische Geistliche nie gegeben. Erst die polnische Rabbinerperiode, die mit dem Kosakenaufstande von 1648 begann, hat die Tracht der polnischen Juden zur europäischen Nabbinertracht, jedoch nur für die Aschkenazim, gemacht. Diese Tracht ist jedoch wohl auch nur die von den polnischen Juden beibehaltene deutsche Patriziertracht des fünfzehnten Jahrhunderts. Wenn aber schon eine Amtstracht nothwendig war, da wäre ich doch lieber bei der „Schupitza" und dem „Streimel" geblieben, statt, wie das in Frankreich üblich ist, den Rabbiner als Abbe zu maskieren oder, wie in Oesterreich, das katholische Meßgewand zu imitiren. Da ich nun schon einmal bei dem Aussprechen von Wünschen bin, so wünsche ich, daß die Korrespondenten in solchen Fällen, wie der aus Hessen berichtete, Namen und Daten genau angeben wollten. Man vergißt nicht nur an uns, die auf der anderen Seite des Wassers wohnen und die deutschen Tageszeitungen nicht lesen können, sondern auch an die späteren Generationen, welche die jüdischen Zeitungen zu Zwecken geschichtlicher Information zu Rathe ziehen wollen, j Cincinnati, im Oktober 1901 Ergebenst! G. Deutsch. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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