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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-22 · Heft 47 (22.11.1901) · p. Seite 563

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 47 (22.11.1901)
Date
1901-11-22
Page
Seite 563 (sequence 13)
Language
German
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563 gut, sehr fein, Herr Direktor. Wenn man sich in der guten Gesellschaft an den Thee gewöhnen wird, dann kann ich davon leben. — Aber kein Almosen. Herr Direktor, kein Almosen! Wenn er Ihnen nicht schmeckt, dann vergessen Sie daran, bitte." So schloß er seine Mittheilnngen. Direktor Conty hatte zuletzt kaum mehr gehört, was der kleine Mann vor ihm sprach. Ihn beschäftigte eine sonderbare Frage. „Sagen Sie, werther Herr," begann er nach einer Pause, „Sie sind nur ausgewiesen worden, weil Sie Jude sind?" „Gewiß, Herr Direktor." „Wenn Sie Christ geworden wären, hätten Sie Ihre Stelle behalten können?" „Ich glaube schon." „Aber um Gotteswillen, Mensch, warum haben Sie sich nicht taufen lassen?" Das kleine Männchen sah ganz verständnißlos zu dem stattlichen Herrn empor, der vor Erregung aufgesprungen war. „Taufen? Taufen?" sprach er fast automatisch. „Sie entschuldigen. Herr Direktor, wer läßt sich taufen?" Sein offenes, demüthiges Gesicht wurde verschlossen und abweisend, fast feindselig. „Aber Mensch," ereiferte sich Conty, „Sie ruiniren sich. Sie verlieren eine glänzende Stelle, Ihre Frau wird krank, der Sohn ein Schuster, die Tochter eine armselige Näherin — warum haben Sie nicht wenigstens die Kinder getauft?" „Die Kinder taufen? Meine Kinder? Die Eltern Juden, die Kinder Christen? Was soll das für ein Leben sein? Ist das Judenthum was Schlechtes, warum bleib ich Jud'? Ist es was Gutes, warum nehm ich's dein Kind? So ein Riß in der Familie — lieber nochmals zu Grunde gehen, als so was! Nicht wahr, Herr Direktor, Sie haben nur wissen wollen, ob ich ein anständiger Mensch bin? Sie machen doch keinen Ernst?" Conty stellte sich dicht vor den kleinen Mann, sah ihm fest in die ernsten Augen; dann fuhr er sich selbst über die Stirn. Ein neues Leben entstand in ihm, der Glaube an etwas, das ihm längst verloren gegangen war. Mit einem Ruck schob er eine große Last von sich. Aber noch hatte er nicht die volle Freiheit des Willens. „Nun, und die Anderen, mein Herr, die Anderen, die man davonjagt, die man zerstört —?" Der kleine Mann verstand. „Ich bin keine Ausnahme, Herr Direktor. Ich will mich nicht interessant machen vor Ihnen. So ein Gedanke kommt Keinem von uns." Mit diesen Worten empfahl er sich. Conty ging zu seiner Frau. Nach einer halben Stunde, als er sich von ihr verabschieden wollte, da küßte sie ihn immer wieder und ließ ihn? kaum von sich. „Wie Du glaubst, Liebster. Es wird doch schöner sein. Es ist viel Einbildung dabei. Er soll nur einmal ein Weib so glücklich, so stolz machen wie Du Deine Isolde." Sie steigerte den Ausdruck ihrer Rede; es kam etwas Festes, Sicheres in ihre Worte. „Du hast Recht, man darf solchen Leuten, wie Dein kleiner Russe, nicht davonlaufen. — Also schreibe Mama; schreib, daß Du es wünschest. Nein, kein Verstecken mehr! Wir wollen ganz wahr sein: Schreib, daß wir Beide es wünschen. Er soll heißen wie Papa selig, hebräisch Abraham und deutsch Alfred." Ein reines Empfinden der höchsten Weihe leuchtete bei diesen Worten aus ihren Augen. Tiefer Ernst war über ihre Züge ausgebreitet; eine stille Feier verschönte den Ausdruck ihres kleinen Ovals. Conty sah voll ernster Bewegung in ihr verklärtes Antlitz. Daun küßte er sie auf die schöne Stirn, während ein glückseliges Lächeln sein Gesicht umspielte. Literarische Mittheilungen. -- L. Schlessiuger, Bezirksrabbiner : Kanzelreden: 34 Fest-- Sabbath- und Gelegenheitsreden. Frankfurt a. M. A. J/Hofmarm. 901. Wieder ein neues Predigtbnch? So wird der übersättigte Leser fragen, und fürwahr, bei der großen Neberproduktion auf diesem Gebiete kann man ihm zunächst diesen Einwand nicht verübeln Ich für mein Theil kann ihm aber diesmal entgegenhalten: wenn dn ein gutes, erhebendes, Herz und Geist erquickendes Büchlein dein eigen nennen willst, so lies das vorstehend erwähnte, in anspruchslosem Titel sich darbietende Merkchen eines jüdischen Predigers aus Süddeutschland. Ich widerstehe nur ungern, und zwar mit Rücksicht auf dem karg zugemessenen Raum dieses Blattes der Versuchung, einzelne Proben ans diesen wahrhaft volksthümlichen und recht zeitgemäßen Reden zu geben, um des Verfassers Sinn und Art zu beleuchten. Man kann aberaus jeder einzelnen Rede selbst ersehen, daß der Verfasser die Nutzanwendung auf seine Zeit überall zu finden weiß. Der Beispiele, welche eine Sammlung hierfür als Beweis bietet, sind zahlreiche und evidente. Keine vordringende Gelehrsamkeit enthält das Merkchen; es kann von Rabbinern und Predigern, von Laien, Israeliten und Nichtisraeliten gekauft werden. Ich sage mit Absicht Nichtisraeliten, denn die Reden tragen echt menschliches Gepräge, und Toleranz ist das edle Angebinde, das der Verfasser seinen Geistesprodnkten mit auf den Weg giebt. Ich wüßte auch nicht leicht ein würdigeres Hochzeitsgeschenk als diese Reden: von Seite zu Seite bieten sie aus Bibel, Midrasch, Talmud, Religionsphilosophie und Literatur (siehe Pessachreden 5 und 6) soviel Anregendes, enthalten sie eine Würdigung von Indenthnm und Menschenthum in Glaube, echter Frömmigkeit, Vereinsleben und Wohlthätigkeit, daß sie sich auch hierzu trefflich eignen. Möge nun das Büchlein sich Bahn brechen; wir gönnen es ihm von ganzem Herzen. X- ---- M aimouides. Ein Beitrag zum jüdischen Geschichtsunterricht an Mittelschulen von Dr. Adolf Bi ach, Rabbiner und Neligionslehrer in Brüx. (Selbstverlag.) Der Verfasser will in diesen! Heftchen durch die Darstellung des Lebens und der Werke Maimouides zeigen, wie er sich den Geschichtsunterricht, belebt durch Proben aus den Schriftwerken der berühmten Männer, vorstellt, und wie seiner Ansicht nach ein Lehrbuch der jüdischen Geschichte gearbeitet werden soll. Biach will in dieser Arbeit über Maimouides selbst nichts Neues bringen, da gerade Maimouides zu den bekanntesten Gestalten gehört, er will auch nicht das Wirken Maimouides in ein neues Licht rücken oder zeigen,! wie dieser Mann Träger einer ganzen Kultnrepoche ist. die er in neue i Bahnen gelenkt hat. Biach reiht die Thatsachen aneinander, und nach der kurzen Uebersicht eines jeden Werkes von Maimouides bringt er eine gut gewählte kurze Probe aus diesem Werke, und zwar fortlaufend im Text. Um ein sicheres Urtheil zu gewinnen, müßte man die ganze Geschichte der Inden in solcher Bearbeitung vor sich haben. Dann erst ließe sich entscheiden, ob die Art der Biach'schen Darstellung jener, die die Proben als Anhang zum Lehrbuche bringt — wie es im Bäckh'chen Lehrbuch der Fall ist — vorzuziehen sei. Referent würde sich vorläufig für die Bäck'sche Methode entscheiden. Es muß ein Unterschied zwischen, einer Anthologie und einer Geschichte gemacht werden. Auch der Vergleich einer Geschichte der Juden mit einer Literaturgeschichte, den Biach in der Einleitung zieht, stimmt nicht ganz. Die Literaturgeschichte beschäftigt sich hauptsächlich nur mit der Literatur eines Volkes, die Geschichte der Juden ist aber hauptsächlich die Kulturgeschichte dieses Volkes, und seine Literatur stellt die Blüthe dieser Kultur vor. Hingegen muß man Biach znstimmen, und jeder Einsichtige wird ihm znstimmen, daß eine Geschichte der Juden als Lehrbuch für Mittelschulen ohne Proben jener Schrift-

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