Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- Seite 562 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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562 Teint recht absticht. Und wenn das ganze Dorf vor Wuth in die Lust geht — wir sind katholisch, marschiren obenan in der Prozession, knien vor jedem Altäre und damit basta!" „Also eine Trotzchristin," meinte Herr Conth, verlegen lächelnd. „Sagen Sie, eine „Justament-Christin". Aber meine Ruh' Hab ich seitdem, und Sommerwohnung such' ich nur mit einem großen Kreuz aus der Brust." Frau von Feilchenblau, Frau Bachsteg und Frau von Stastny zwangen sich zu einem Lächeln. Frau Dr. Korinther blickte überlegen drein, der Herr Doktor reichte der Frau Direktor den kühlenden Trank. . . . Das Gespräch war zu laut geworden; die arme Frau Direktor Conth lag sehr erschöpft auf ihren kostbaren Polstern. Ihr Gatte beugte sich besorgt über sie. Der Arzt kontrollirte die Thermometer und den Puls der Patientin. Die Damen benützten diese Gelegenheit, um sich zu empfehlen. Herr Direktor Conth geleitete sie hinaus. Das Stubenmädchen half den Damen in ihre Pelze und Umhüllen, der Herr Direktor verbeugte sich nochmals, und im Vorzimmer ward es ruhig. In dieser Ruhe machte sich ein verlegenes Räuspern hörbar. Diesem folgte ein schüchternes „Sie entschuldigen Herr Direktor." Direktor Conth sah ein kleines Männchen vor sich stehen, dessen schmales, bekümmertes Gesicht ihm den Zweck seines Kommens verrieth. In seiner hervorragenden Stellung kamen ihm täglich viele neue Menschen unter, und an Gesicht und Haltung erkannte er bald, was man von ihm wünsche. Das war ein demüthig Bittender, er wußte es, ohne daß Jener ein Wort sprach. Gestalt mager, Kleidung reinlich, peinlich sauber, aber viel getragen, Gesicht wehmüthig — ein zu Grunde gegangener Geschäftsmann. Je nun, an solchen Tagen ist man in Geberlaune — der Mann bringt außerdem eine warme Empfehlung von einer bekannten Philantropin — er soll nicht vergeblich bitten. Das kleine Männchen greift in eine Ledertasche und zieht ein kleines, wohlgefvrmtes Packet heraus. Das hält er verschämt vor sich hin. „Nur eine Kleinigkeit, gnädiger Herr." sagt er schüchtern. „Kaufen Sie nur ein bisserl Thee ab." Conth stutzte; ihm waren schon so viele Formen der Bettelei vorgekommen, daß er neugierig auf die Pointe wartete. „Ist das alles?" frug er zögernd. „Und weun er den Herrschaften schmeckt, dann bist' ich um gütige Nekommandation." „Was kostet so ein Packet?" „Einen Gulden und achtzig Kreuzer." Conth blickte verlegen auf den Mann, auf das Packet und aus die Karte der bekannten Philantropin. Wozu dieser große Apparat? Um ein Almosen von einem Gulden und achtzig Kreuzern zu erlangen? — Er überlegte eine Weile, dann zog er sein Portefeuille und entnahm ihm eine Zehnguldennote, die er dem Manne gab. Hierauf wollte er sich abwenden, ohne das Packet weiter zu beachten. Der kleine Mann wehrte ab. „Sie entschuldigen, Herr Direktor — aber ich nehin' kein Almosen." Das klang zwar noch immer sehr bescheiden, aber auch sehr entschieden. Conth sah sich nun den Mann etwas näher an. Das schmale Gesicht, das kleine Kinn, die eingefallenen Wangen, das alles von einem schütteren, durchsichtigen Barte bedeckt, bestätigte den unbedeutenden Eindruck des ersten Augenblicks; nur die schmale Nase, die hohe, etwas vorstehende Stirn und die klaren, klugen Augen mit ihrem offenen Blick zeigten, daß in diesem kleinen Körper keine Bettlergesinnung zu Hause sei. Auch die Sprache war jetzt sicher und ruhig, das Zitternde, Flackernde des Bittenden war verschwunden. „Bitte, nehmen Sie den Thee, Herr Direktor; es ist sicher der beste, den Sie je getrunken haben. Es ist Karawauenthee. Er kommt direkt über Land vor» China nach Rußland, und von dort schickt ihn mein Haus an mich." Conth wurde immer neugieriger. „Sie haben ein Haus in Rußland?" „Ja; das heißt, das Haus, wo ich war; ich war dort Disponent, Geschäftsführer." „Warum haben Sie den Posten aufgegeben?" „Aufgegeben?! Weggetrieben hat man mich, ausgewiesen." Conth sah nochmals auf die Karte der Philantropin. Diese Frau schrieb so leicht keine Empfehlung, sie war abgehärtet gegen alle Formen der Bettelei; hier gab es ein ungewöhnliches Schicksal. Außerdem wußte er. es würde jetzt vom Judenthum gesprochen werden, und das Stubenmädchen ging hin und her. Er öffnete die Thür des kleinen Salons und ließ den Mann eintreten. Vergeblich bot er ihm jedoch einen Sitz an, er nahm auch keine Cigarre; so wenig er sich zum Almosenempfänger Herabdrücken ließ, so wenig wollte er sich auf den Gleichgestellten hinansspiele». Er erzählte kurz und schlicht. Von Jugend auf war er in einem ersten Theehause von Moskau bedienstet gewesen, vom Lehrling hatte er sich im Lause von zwanzig Jahren zum Geschäftsführer emporgearbeitet. Er bezog einen Gehalt von sechstausend Rubeln jährlich. Bei den großen Judenverfolgungen hatte man ihn übersehen. Aber später konnte er den Aufenthalt nur mit großen Opfern erkaufen. Er war in Moskau nicht heimathsberechtigt. Als vor kurzem ein hoher Herr in der alten Hauptstadt des Zarenreiches seine Residenz aufschlug, da gab es kein Halten mehr. Er mußte auswandern. — Nun lebte er in einer billigen Straße der Leopoldstadt. Die Frau ist zwar sehr herunter durch diesen Wechsel der Verhältnisse; in Moskau bewohnten sie sechs Zimmer, sie hatte drei Domestiken; hier hausten sie in Zimmer und Kabinet, die sie allein bewirthschasten mußte. Aber schließlich, was wollte man thun? „Wenn Sie mir nur gesund bleibt, denn sie kränkelt seither." „Haben Sie Kinder?" frug Conth. Er hatte zwei: einen Jungen und ein Mädchen. Brave, tüchtige Kinder. Der Junge hatte in Moskau das Gymnasium besucht, hier mußte er zu einem Schuhmacher in die Lehre; es ist ein Landsmann, auch ein Vertriebener, der rühmte das Handwerk; es geht ihm gut in Wien, die Glaubensgenossen lassen gern bei ihm arbeiten. — Die Tochter verdient auch schon, sie näht aus der Maschine Hemden für ein Geschäft am Quai. Dies erzählte er etwas zögernd; man mußte es ihm Stück um Stück abfragen. Und er stellte alles so dar, als ob ihm eine Gunst des Schicksals geworden sei. Er fürchtete wohl, man könnte glauben, daß er Mitleid erwecken wolle. „Meine Herren Chefs unterstützen mich, sie schicken mir den Thee zum Kostenpreise." „Dieser Thee ist wirklich großartig, solche Qualitäten kommen selten hier in den Handel; er ist auch theuer, aber