Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-22 · Heft 47 (22.11.1901) · p. Seite 561

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 47 (22.11.1901)
Date
1901-11-22
Page
Seite 561 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228467--58125-3294552
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

561 Einem dirigirenden Minister ein Hoch oder eine Katzenmusik zu bringen, ist nach meinem Begriff eine und dieselbe Störung der öffentlichen Ruhe. Die Spartaner tödteten ihre schwächlichen Kinder bei der Geburt.E.Wir sollten es ebenso mit Denen machen, die geborene prmvres cliadlks sind. Wer kein Geld in diese Welt mitbringt, — fort mit dem Jammermann. Der Schweizerkäse ist bekanntlich des Morgens Gold, des Mittags Silber, des Abends Blei. So verkehrt man mit manchen Personen Morgens beim Konditor oderauf der Straße ganz angenehm, auch Mittags bei der 'labls ä'tiötö sind sie leidlich, Abends in der Gesellschaft nicht zum Ausstehen. „Wie unzuverlässig bist du!" sprach die Sonnenuhr zur Taschenuhr. Dein komplizirter Mechanismus muß jeden Tag erst mühsam in Gang gebracht worden; bald bist du der Zeit voraus, bald hinkst du hinter ihr her. Sieh' mich an! Ohne Ruck von außen verkünde ich stets die richtige Stunde; einen Tag wie den andern, gemessen wie der Laus der Sonne!" „Ganz recht l" versetzte die Taschenuhr. „Aber wenn der Himmel mit dichten Wolken bedeckt, oder wenn es gar Nacht ist! Wie dann?" Das ist ungefähr das Verhältniß vom Genie, das auf seine göttliche, ursprüngliche Kraft pocht, gegenüber dem klugen Kopf, der sich durch Fleiß und Anstrengung überall zurecht findet. Nur geschwind, nur geschwind! ruft der Reisende dem Führer im Grünen Gewölbe zu. Nur geschwind, nur geschwind!? sagt das Publikum dem Theaterdichter, der sich in einer Exposition bei seiner Detailausführung zu lange aushält. Was die Leute nur so dringend zu thun haben! Ja, ihr Volksredner! In eueren Gefühlen mögt ihr wahr sein, im Ausdruck übertreibt und im Grad der Empfindung heuchelt ihr! Ich trau' euch in den Thalern, aber nicht in den Groschen und Pfennigen. Es klopft. „Herein!" Der Glückliche wartet ruhig ab, wer und was kommt; der Unglückliche fürchtet, wer und was kommt; der Unglücklichste hofft, daß der oder das kommt. Letzterer ist am schlimmsten dran. Nicht blos die Dekoration, auch die schauspielerische Darstellung ist der Rahmen einer dramatischen Dichtung. Macht man ihn gar zu glänzend, so zieht er die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Bilde ab. Welche Form der Koketterie wäre die wirksamste von allen! Wenn einmal eine Kokette auf den Einfall käme, gar nicht mehr zu kokettiren. Das schlechteste Geschäft von der Welt macht der Neuigkeitskrämer. Er kann nichts gewinnen und meist — setzt er zu. Eine Karikatur von sich lassen sich die Menschen gefallen, ein getreues Porträt empört sie. Volkesstimme? Allen Respekt! Gäb's nur nicht so viel Bauchredner! Künstlernaturen giebt es nicht mehr. Die Hälfte der großen Mimen jetziger Zeit würde Holz hacken, wenn es noch einmal so viel einbrächte wie Komödiespielen." Zum Schluß erwähne ich noch ein Urtheil über Lederers Bühnenstücke, von denen es in einem kurzen Nekrologe heißt, daß sie durch geistreiche Wendung und echt komische Situation ersetzten, was ihnen an vollendeter Komposition und Charakteristik abging. Me soll er heißend Von H. I ork-Steiner. II. Dr. Korinther gab sich aber in dieser Debatte nicht gefangen. „Es hängt allerdings davon ab, aus welchen Gründen man seinen alten Glauben ablegt, ob aus ethische« oder materiellen. Wir haben die Aufgabe, die alten Uebel zu beseitigen, ohne Rücksicht auf persönliche Leiden. Nur so kann man die Massen vorwärts bringen, das Proletariat erziehen." Zum ersten Male sprach die Wöchnerin ein Wörtlein drein. „Ich bin gar nicht gegen das Judenthnm. Wir thun es aus Liebe zu unserm Kinde. Wie kommt so ein herziges Baby dazu, einen alten Fluch, ein altes Vorurtheil mitzuschleppen? Was hat das Kind gethan, daß Jeder es für schlecht halten darf, für minderwertig? Wir, mein Mann und ich, wir bleiben in Gottesnamen, was wir sind, aber unser Bubi soll sich frei entwickeln können." „Wir haben es ja alle der Kinder wegen gethan!" riefen die Damen Feilchenblau, von Stastny und Bachsteg. „Ach was, ich hab's auch meinetwegen gethan!" ries die kleine Frau Fränkl, indem sie temperamentvoll vom Couchö aussprang. Sie wissen doch, daß meine Kinder sehr jüdisch aussehen?" Die Damen blickten betreten zur Erde. Keine wollte diese stadtbekannte Thatsache jetzt zugeben. „Ach was, Faxen!" rief Frau Fränkl. „Sie sehen sehr jüdisch aus. Bei meinein Mann verdeckt der Bart sehr viel, aber meine Jungens mit der großen, gebogenen Nase, den dichteil, schwarzen Augenbrauen und mit den starken Lippen, alle Drei noch dazu krauses Haar! Jüdischer man schon nicht mehr aussehen kann. Auch meine Helene sieht mehr ihrem Vater ähnlich als mir." „Dabei sieht sie aus ivie drei Jüdinnen," flüsterte eine Dame dem Doktor zu. „Hier in Wien ist die G'schicht' noch gegangen - aber aus'm Land — oje! Jedes Jahr haben wir eine andere Sommerfrische gesucht, überall sind uns die Gassenbuben nachgelaufen, und überall hat's Verdruß gegeben. Ich Hab' oft geweint vor Wuth. Wie kommen die Kinder dazu, Hab' ich immer geschrieu, und wie komm' ich dazu, mir jeden Sommer zn verderben? Dann ist die antisemitische Zeit gekommen, alle meine christlichen Freundinnen find mir ausgeblieben. Ich Hab' mir nicht zu helfen gewußt. Schließlich, ich kann doch den Buben nicht das Gesicht Herunterreißen! Einmal vor vier Jahren draußen in Marienthal, da Hab' ich wieder eine Sommerwohnung gesucht. Bei den schönsten Wohnungen steht: „Nur für christliche Familien!" Ich fahr' zurück nach Wien, pack' meine vier Kinder zusammen, geh' zum Herrn Pfarrer, mein Mann kommt nach, und vier Wochen d'rauf sind wir als christliche Familie in Marienthal eingezogen. Ich Hab' mich auf nichts so gefreut wie auf die Frohnleichnamsprozession, schlohweiß Hab ich sie angezogen, die Kinder, damit ihr dunkler

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.