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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-22 · Heft 47 (22.11.1901) · p. Seite 560

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 47 (22.11.1901)
Date
1901-11-22
Page
Seite 560 (sequence 10)
Language
German
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860 Als Devrient in Dresden einmal den Teil, oder, wie sich Lederer ausdrückte, den „Herrn von Tell" spielte, weil ihm Devrient zu vornehm in der Rolle erschien, rief Lederer, der im Parkett saß, bei den Worten: „Wär ich besonnen, hieß ich nicht der Tell", ganz laut aus: „Falsch! Er muß sagen: Wär' ich bei Sinnen, spielt' ich nicht den Tell!" Als dann ein andermal derselbe Künstler, der inzwischen Ehrenmitglied der Hofbühne geworden war, den Karl Moor spielte, sagte Lederer: „Er hat gespielt, wie wenn er nicht der Hauptmann von der Räuberbande, sondern sozusagen - nur ein Ehrenmitglied derselben wäre." Eines Tages kam ein Theaterdirekter aus der Provinz, der mit schwerem Herzen, das heißt unter den denkbar ungünstigsten Kassenaussichten seinen Musentempel zu eröffnen gedachte, zu Lederer und sagte: „Herr Doktor, machen Sie mir einen Prolog, der dem Publikum meine Lage in schicklicher Form zu Gemüthe führt!" — „Wozu brauchen Sie einen Prolog?" fragte Lederer, „eröffnen Sie ganz einfach mit der „Zauberflöte"; deutlicher können Sie es dem Publikum garnicht zu verstehen geben, was es thnn soll!" — Die genannte Oper fängt bekanntlich mit den Worten an: „Zu Hilfe, zu Hilfe! sonst bin ich verloren!" Einst wurde Lederer eine junge Dame zugeführt, die sich zur Künstlerin berufen fühlte, und über deren Befähigung der alte Theaterpraktiker ein Urtheil abgeben sollte. Lederer ließ sich von dem jungen Mädchen Verschiedenes vordeklamiren, und als die jugendliche Kunstbeflissene verschiedene Male in ihrem Anfängerpathos das Wort „Liebe" möglichst geschraubt aussprach, rief Lederer ganz entsetzt aus: „Aber warum sagen sie denn nur immer Lübe, Lübe! Sprechen Sie doch das Wort natürlich aus. Das Wort Liebe ist auch nur ein ganz einfaches Wort, genau so wie Leberwurst." Von einer Darstellerin, die ihm sehr mißfiel, sagte er: „Die X. spielt doch von sechs Wochen zu sechs Wochen schlechter. Heute hat sie aber gespielt, wie sie eigentlich erst in sechs Wochen spielen dürfte." Von einem Dichter, der eine Komödie aufführen ließ und sich nicht wenig darauf zu Gute that, sagte Lederer: „Er hält sich bereits für einen Aristophanes; ein Aristophaneselchen ist er allenfalls!" Einstmals speiste Lederer bei einer Sängerin. Man sprach während der Tafel von einer Arie, die Lederer tadelte, während die Sängerin sie rühmte. Um den Kritiker über eine bestimmte Stelle in der Arie aufzuklären, ließ die Sängerin die Noten herbeibringen. Aber indem das Mädchen das Notenblatt ihrer Herrin überreichen will, dreht diese sich plötzlich um, und die Arie fällt in die Suppe. „Das ist eine ganz neue Komposition," ruft Lederer aus, „aber ich glaube, auch so ist die eingelegte Arie ungenießbar!" Ein andermal erzählte eine Dame in einer Gesellschaft von einein langwierigen Prozeß, den sie trotz langen Prozessirens nicht gewinnen könne. Da sie bei dieser etwas lang ausgesponnenen Erzählung ein Glas Wein nach dem anderen hinunterstürzte, sagte Lederer: „Es ist wunderbar, daß sie ihren Prozeß nicht längst gewonnen hat!" — „Weshalb?" — „Weil sie, wie ich sehe, einen sehr starken Einfluß hat." Einmal fand sich im Dresdener Amtsblatt ein Steckbrief gegen einen aus dem Gefängniß entsprungenen Raufbold, von dem darin gesagt war, daß er bei der letzten Schlägerei so übel zugerichtet wurde, daß sein ganzes Gesicht mit Heftpflastern bedeckt sei. Nach diesem „besonderen Erkennungszeichen" war die übliche Aufforderung ausgesprochen, „ihn im Betretungsfalle an das Gericht in L abzuliefern". Als dies Lederer las, sagte er: „Nun ja, das wäre ein gutes Geschäft! Geheftet ist er entflohen, gebunden soll man ihn wiederbringen." Einst saß Dr. Lederer bei einem Gastmahl einen, Herrn gegenüber, der in unziemlicher Weise die Ellenbogen auf den Tisch legte und den Kopf auf die Hand stützend vor sich hinstarrte. Nachdem dies bereits längere Zeit von den übrigen Tafelgenossen unangenehm bemerkt worden war, wendete sich Dr. Lederers Tischnachbarin an den Ungezogenen direkt mit den Worten: „Aber Herr X., Sie sind ja heute so still!" — „Im Gegentheil," fiel Lederer ein, „ich finde den Herrn sehr gut aufgelegt!" Wieder einmal saß Dr. Lederer mit einigen Bühnenkünstlern in der Kneipe. Da kommt auch der Sänger S., der schon ganz stimmlos war, sich aber immer noch nicht pensioniren lassen wollte, an den Tisch, und Lederer begrüßte ihn mit den Worten: „Armer S., das nenne ich aber ein Pech!" — „Aber, was ist denn los?" fragen die Kneipgenossen, und S. stimmte selbst erstaunt in die Fragen ein. „Nun X., Ihr Theateragent hat mir's ja erzählt, er habe Ihnen ein Gastspiel in Wie» für 200 Thaler pro Abend verschaffen wollen — aber Sie können nicht singen!" Wieder saß Lederer mit einigen Bekannten an der Kneiptasel, unter ihnen auch der reiche Bankier R., der sich vom Kellner ein reichhaltiges Menu auftragen ließ während Lederer nur ein ganz bescheidenes Abendbrot» verzehren konnte Endlich ist R. beim Käse angelangt und bietet L. davon mit den Worten: „Nehmen Sie, Doktor! Nehmen Sie etwas von diesem Käse!" Statt aller Antwort läßt sich Lederer vom Kellner eine Zeitung geben, greift nach dem Käse und packt ihn ein „Aber Doktor, was soll denn das wieder heißen!" ruft R. und Lederer erwidert: „Na, wenn Sie einem Anderen etwas geben wollen, dann muß das doch unbedingt in die Zeitung kommen!" Das sind so einige Scherze Lederers, die man sich heut» noch mit Vergnügen erzählt. Aber ich will hier auch noch eine kleine Blüthenlese von Sentenzen und Aphorismen von Lederer geben, die ich an verschiedenen Stellen fand. Ich glaube, daß man mir bei pflichten wird in der Meinung, daß manche dieser Bemerkungei: es wohl verdiente, der Vergessenheit entrissen zu werden: „Es giebt Schauspieler, die während des Spiels mit jeder ihrer Pointen ins Parterre gehen und Nachsehen, ob sie dorl glücklich angelangt ist. Der Schröder-Devrient möcht ich die Grabschrift setzen Die Natur hat sie so reichlich ausgestattet, die Kunst ihr noch fi viel dazu gegeben, daß selbst die Künstelei ihr nicht aller nehmen konnte. Ich las: „Ein ordentliches behördliches Verfahren. Richtig! Die Sache war von den Behörden ganz ordentlich verfahren. Der Mißbrauch geringer Macht Vieler ist in der Praxis verderblicher als der Mißbrauch einer großen Macht Weniger Sei immerhin parteiisch für deine Anhänger! Strenge Gerechtigkeit selbst gegen Freunde geübt, wird dir kaum einen Feind versöhnen, wohl aber manchen Freund entfremden. DaS goldene Kalb war doch immer ein respektables Götzenbild. Unsere Zeit hat es aus Papier gemacht.

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