Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- Seite 559 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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S5S stoßenen, für die Bewohner des Ghettos, für die Juden. Unter den Papieren der Königin fand sich nämlich nach ihrem Tode das von der Königin eigenhändig geschriebene Konzept zu nachfolgendem Manifest: Die Königin Christine die Beschützerin der Elenden, Unterdrückten und Gequälten, bewogen durch ein hochherziges Mitleid, thut kund und zu wissen, daß sie in ihren wirksamen Schutz genommen hat das Ghetto der Juden in Rom und alle seine Bewohner. Demzufolge thut sie kund allen Denen, die diese Proklamation lesen werden, daß sie Alle streng zu strafen wissen wird, wer immer in Zukunft sich unterfängt, die oben Genannten in irgend einer Weise zu beschimpfen und zu verletzen. Rom. den 15. August 1686. Die Königin. Wenn auch dieses Schriftstück einen positiven Werth gar nicht hat, so zeigt doch die Schreiberin desselben eine Größe und Höhe der Anschauung, welche nur wenige ihrer Zeitgenossen besessen haben. Aber auch einen Adel der Gesinnung, denn in den Stunden, in welchen sich ihre Phantasie mit der Idee der Erlangung der Herrschaft über die ewige Stadt ergötzte, hat sie auch Derer gedacht, welche sie mit Recht die Elenden, die Unterdrückten und die Gequälten nannte. Joachim L. Lederer. Von Engen Isolani. ch möchte in Folgendem die Erinnerung auf einen jüdischen Schriftsteller von einiger Begabung lenken, dessen Name zwar von den Litteraturhistorikern nicht genannt wird, dessen aber ab und zu in älteren Dresdener Theater- Erinnerungen Erwähnung geschieht. Insbesondere ist in den Werken der Anekdotenjäger, vornehmlich derer, die aus Bühnenanekdoten Jagd machen, von ihm die Rede. Joachim L. Lederer, — so heißt dieser Schriftsteller, wird da nicht selten der „Saphir Dredens" genannt. Er war ein echter Theatermann, der im Bühnenleben aufging. Er schrieb für die Bühne Stücke, er schrieb über die Bühne und deren Aufführungen Kritiken, er lebte und webte im Bühnenleben, er verkehrte mit Bühnenkünstlern, denen er durch seinen treffenden Witz ein angenehmer, anregender Gesellschafter war. Eduard Devrient führt in seiner „Geschichte der Deutschen Schauspielkunst" Lederer in einer Reihe mit Töpfer, Albini Meddelhamer), Feldman», Görner, von Puttlitz und Anderen auf, die „allerdings noch als zur Kotzebueschen Schule gehörig;u betrachten seien, weil sie in ihren gefälligen Aufgaben wenig mehr als eine gefällige Routine von ihren Darstellern verengten". Laube sagt vom Dialoge der Lustspiele Lederers, der in Oesterreicher war, „er habe etwas Heimathliches" und, daß sein „Witz durch seinen österreichischen Inhalt das österreichische Publikum zu behaglichem Lachen stimme". Lederers Stücke sind längst von den Bühnen verschwunden, wo sie mit den Stücken bedeutenderer Autoren das Schicksal einer Eintagsexistenz theilten. Kaum kennt man noch die Titel seiner Werke. „Häusliche Wirren" und „Geistige Liebe" sind die am meisten aufgeführten, weniger Glück hatten: „Die weiblichen Studenten", „Eine rettende That", „Die zwei Kranken" und „Die kranken Doktoren". Das sind aber nur die Titel einiger seiner Werke, deren er eine große Menge auf die Bühnen brachte. Insbesondere gelangten sie in Oesterreich und in Dresden, seiner eigentlichen und seiner Adoptivheimath. zur Aufführung. Sind Lederers Stücke nun auch vergessen, so sind es seine Witze, seine schlagfertigen und sarkastischen Antworten keineswegs. Ich habe Lederer nicht mehr Persönlich kennen gelernt, aber ich habe so viel über ihn gehört, daß er mir eine vollkommen bekannte Persönlichkeit ist. Man braucht in Dresden in einem Kreise von alten Theaterfreunden, denen das Kunstleben der sächsischen Hauptstadt in den sechziger und siebziger Jahren vertraut ist, nur einmal die Unterhaltung auf Lederer zu bringen, so weiß alsbald Jeder ein paar gute Scherze von dem Dresdener „Saphir" zu erzählen. Ueber seinen Lebensgang konnte ich mir wenig erfahren. Lederer hat einmal in einem Dresdener Mädchenpensionat, in welchem er Litteraturunterricht gab, seinen Schülerinnen seinen Lebenslauf diktirt, — er mag es in einem Ausfluß seiner tollen Laune gethan haben, — aber diese Schülerinnen sind heute erwachsene Frauen, Mütter und Großmütter — wer von ihnen mag wohl noch dies Litteraturdiktat haben? Zunächst hier das Wenige, was ich über Lederers Lebenslauf erfahren konnte. Am 28. August 1808 wurde er in Prag geboren. Daß er an Goethes Geburtstage das Licht der Welt erblickte, ließ sich natürlich seine Selbstironie nie als Quelle für Scherze entgehen. Er war der Sohn eines jüdischen Kaufmanns und erhielt eine — bis auf talmudische Wissenschaften, die er frühzeitig gründlich trieb -- höchst mangelhafte Erziehung durch eine»! Hauslehrer. Später studirte er dann ein Jahr lang in Prag Medizin, verlor aber bald den Geschmack daran, widmete sich dann dem Studium der Rechte und erwarb im Jahre 1839 die juridische Doktorwürde. Da ihm als Juden die Erfüllung seines Wunsches, sich der Universitätskarriere zu widmen, von vornherein versagt war, die Rechtspraxis ihm aber für die Dauer nicht znsagte, so widmete er sich der Schriftstellerei, zunächst der Theaterkritik, dann der Bühnendichtung. Wann er nach Dresden kam, konnte ich nicht erfahren. Auch in Dresden schrieb er Theaterberichte, war auch, wie erwähnt, als Lehrer thätig und hatte stets mit mancherlei Sorgen zu kämpfen, so sehr auch wohlthätige Glaubensgenossen sich bemühten, seine materielle Lage zu bessern. Er war wohl ein schlechter Wirthschafter, ein unpraktischer Mann, der fröhlich in den Tag hineinlebte, anregende Geselligkeit liebte und daher mehr in der Weinstube saß, als dies seinem Geldbeutel dienlich war, obwohl er in anderen Dingen als höchst anspruchslos geschildert wird. Am 31. Juli 1876 starb er. In seinen Scherzen und Witzen aber lebt der Dr. Lederer, wie gesagt, noch heute in Dresden. Eine kleine Auslese von diesen Scherzen, die ich hier und dort in den Kreisen alter Dresdener Theaterfreunde vernahm, will ich zur Charakteristik des witzigen Mannes hier noch mittheilen. Sein bekanntester Scherz war der, daß er einmal am Jntendanzbureau der Dresdener Hostheater, denen er einen unnützen Bühnenluxns vorwarf, vorbeiging. Plötzlich seinen Hut abnahm und ihn mit der Oeffnung nach oben vor sich hinhielt. „Aber Doktor, was machen Sie da?" fragte ihn sein Begleiter. „Ach," meinte er, „hier wird so viel Geld zum Fenster hinausgeworfen, daß man gar nicht wissen kann vielleicht fällt doch einmal etwas hinein!"