Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- Seite 558 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228467--58122-3294549- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
558 sieht. Da wird es auch keinen Konflikt zwischen Rabbiner und Lehrer oder Kantor geben. Und anderswo werden alle Klagen und Vorwürfe auf ein Geringes zusammenschrumpfen, wenn man dem Rabbiner gegenüber auch ein bischen die Billigkeit und Gerechtigkeit walten läßt und nicht alle Schuld nur auf der einen Seite suchen will. Sogar eine ganze Gemeinde kann Unrecht haben und Unrecht thun. Meinen Sie nicht auch, Herr Redakteur? Jedenfalls ist es die unmaßgebliche Meinung Ihres Löb Ko rach. Königin Christine von Schweden und ihr Verhaltniß zu den Juden. Vo» Dr. S. Bäck, Rabbiner in Lissa. ^Lm siebzehnten Jahrhundert lastete wohl noch in den meisteil Staaten Europas harter Druck auf den Juden, doch leuchteten schon in die finstere Nacht dieses Druckes einzelne Strahlen hinein, die den Anbruch einer neuen Zeit ankündigten. In der Türkei waren es in dem genannten Jahrhundert Juden, in deren Hände die wichtigsten diplomatischen Missionen gelegt wurden; in Holland waren die Juden im Besitze aller bürgerlichen Rechte; in England erstand den Juden in Cromwell ein warmherziger Anwalt; in Preußen erwies sich ihnen der große Kurfürst als ein gerechter Fürst. Und selbst die Königin Christine von Schweden, die trotz ihrer großen Fehler und ihres exzentrischen Wesens zu den hervorragendsten Persönlichkeiten ihrer Zeit gehörte, gab den Juden manche Beweise von Wohlwollen und großem Vertrauen. Diese judenfreundliche Gesinnung ist um so höher anzuschlagen, da die Königin Christine, seitdem sie im Jahre 1654 dem Throne entsagt hatte, in Frankreich, wo die Vorurtheile gegen die Juden in alter Dichtigkeit noch bestanden, und in Rom gelebt, wo der Papst und dessen Kardinäle für die Juden nichts als Haß und Verachtung hatten. Mit der wohlwollende»» Gesinnung, die sie trotzdem de»» Inden bewahrte, bewies sie, daß sie mit dem hohen Bildungsgrade, dessen sie sich rühmen durfte, auch gelernt hatte, sich über die Vorurtheile ihrer Zeitgenossen zu erheben. Es waren in Hambnrg wohnende Juden, mit denen die Königin in engeren Verkehr zu treten begonnen hatte. Juden portugiesischer Herkunft freilich, die es verstände»» hatten, sich in hohen Kreisen zu bewegen, und die nichts an sich hatten von dem verkümmerten, knechtisch unterwürfigen Wesen der deutschen und polnischen Juden. Wie in Holland, hatten sich Juden, die aus Portugal geflüchtet waren, auch in Hamburg niedergelassen und dort Aufnahme gefunden, und als ihre Zahl gewachsen war, sich zu einer Gerneinde konstituirt. Manche derselben nahmen eine geachtete Stellung ein, als Bankiers, Kaufleute, Aerzte und Residenten, d. h. Konsuln fremder Fürsten. So war Daniel Abendsur Resident von Polen, Emanuel Nunez da Costa Resident von Portugal, desselben Reiches, das einst die Vorfahren des Nunez da Costa verjagt hatte; Manuel Jsaac Texeira Resident der Königin von Schiveden. Trotzdem mußten sie sich manche Beschränkungen gefallen lassen. So durften sie in Hamburg wohnen und Grundbesitz erwerben, aber dieser »»rußte auf den Rainen eines Christen eingetragen sein. Der Christ figurirte irr» Grundbuch als Eigenthümer all Alleles Manns und der Jude als Nutznießer. Als die Königin Christine im Jahre 1666 nach Hamburg gekommen war, wo sie ein volles Jahr residirte, wohnte sie im Hanse des ober» genannten Emanuel Nunez da Costa. Dieses Haus war im Grundbuch eingetragen als den» Christen Peter Juncker gehörig: „sck Allstes maims, all usum et ntilitrrtem verc» llomiuo Lmrmueli kiuner: 6» Costa allscripta esl." Es rvohnten in Hainburg auch deutsche und polnische Juden, sie waren aber nur als Schutzverwandte der Portugiesen und unter ihrer Verantwortung zugelassen und wohnten im Judenviertel, das sich am Alten und Neuen Steinweg befand. Die portugiesischen Juden wohnten auch außerhalb des Jndenviertels. So wohnte Nunez da Costa am Aragonkamp, gegenüber der St. Michaelskirche, sein Vetter und Associe Maurice Isaak Texeira wohnte an» Jungfernstieg. Dieser, der der Hofbankier der Königin Christine war, genoß ihr vollstes Vertrauen, und sie beließ ihn in diesem schweren und Verantwortlichen Amte, obgleich sicherlich der Versuch gemacht worden, ihn aus demselben zu verdränge». Dieses Amt war nicht leicht. Der Generalgouverneur der Provinzen der Königin, der Reichsrath Baron Seved Boat, hatte alle Zahlungen, die ihm von den Gouverneuren der einzelnen Provinzen gemacht wurden, an das Haus Toxeira abzuführen. Die pommerschen Domänen nähme»» eine Sonderstellung ein, sie führte»» ihre Leistlingen direkt, ohne Vermittelung des Generalgonverneurs ab. Die Revenüen kamen aber nur zum Theil in Silber und Kupfer, der größere Theil kam in Getreide, Holz, Kalk und Quadersteinen. Dies alles hatte Toxeira in den verschiedensten Hafenstädten Europas zu verwerthen, und zwar oft durch Transaktionen, die ganz unkoirtrollirbar waren, und doch schwankte das Vertrauen der Königin keinen Augenblick, obgleich die Umgebung der Königin in Rom keine Gelegenheit versäumte, um die Redlichkeit Toxeirac in Zweifel zu ziehen; sie legte sogar während ihrer Anwesen heit in Hainburg die ganze Verwaltung ihrer Finanzen in dir Hände Toxeiras. Für die mit derselben verbundene anstrengende Thätigkeit bezog Toxeira ein Jahresgehalt von 1000 Riksdolern wofür er aber der Königin, so ihre Revenüen nicht regelmäßu eilckiefen, Geld vorschießen mußte. Trotz des hohen Zinsfußes der damals gebräuchlich war. berechnete er der Königin be: solchen Vorschüssen nicht mehr als vier Prozent Zinsen. Toxeira blieb der Hofbankier der Königin durch 34 Jahre bis zu ihre»: Tode. Doch nicht nur ihr Geld vertraute Christine von Schweden einem Juden an, sondern auch ihr Leben und ihre Gesundheit. Sv oft sie in Hambnrg von Krankheit Heimgesuchi war, wurde der jüdische Arzt Benedikt da Castro gerufen, de: neben seiner großen Praxis noch Zeit hatte, das Amt de< Vorstehers der jüdischen Gerneinde in Berlin zu verwalten. Es wäre aber ein Jrrthum zu meinen, daß sich die König»: Christine von den Lebensformen der portugiesischen Jude»: bestechen ließ, und daß ihr Vortheil sie veranlaßte, das Am des Hofbankiers in die geschäftskundigen Hände des Jude»» Isaak Toxeira zu legen. Sie hatte sich auch mit dem Planbeschäftigt, die tieftraurige Lage der Juden Roms zu bessern Die letzten Jahre ihres Lebens, 21 Jahre hindurch, hatte die Königin Christine Rom nicht mehr verlassen. Die geistlichen Würdenträger, welche die römischen Juden in das Ghetto eingepfercht und erbarmungslos die kanonischen Gesetze handhabten, unter welchen die Juden standen, »varen der Kreis, in dem die Königin Christine in Rom verkehrte. Und in diesen» Kreise bewahrte sie sich ein warmes Interesse für die Ver-