Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- Seite 557 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Sämmtliche Anwesende, mit Ausnahme des Herrn Singermann- Ratibor, der sich infolge der Bähr'schen Petition vorläufig anderweitig gebunden fühlt, erklärten sich nunmehr bereit, dem „Allgemeinen Kantorenverbande" beizutreten, resp. dessen Zweigverein, den „Schlesischen Kantorenverband" zu bilden. Die Vorstandswahl wurde per Akklamation erledigt und ergab folgendes Resultat: Kollege Davidsohn-Gleiwitz 1. Vorsitzender, Kollege Singer-Kattowitz stellvertretender Vorsitzender, Kollege de Beer- Benthen O.-S., schriftführender Vorsteher. Kollege Tintner-Bunzlau, Beirath. Kollege Sommerfeld-Liegnitz. Beiralh. Die drei Erstgenannten nahmen die Wahl dankend an und versprachen, nach besten Kräften ihre Thätigkeit für den Verband einzusetzen. Der Vorsitzende verliest noch die Namen folgender Herren, welche, da persönlich am Erscheinen verhindert, schriftlich ihre Zustimmung bekundet hatten, somit als Mitglieder des neu gegründeten Verbandes zu betrachten sind, und zwar: Fraenkel - Glogau. Friedland - Breslau. Ledermann - Bernstadt. > Rosenthal-Breslau, Cohn-Kreuzburg, Tintner-Bunzlau, Sommerfeld- Liegnitz, Bernstein-Antonieuhütte, Kantstein-Neumarkt, Rawitscher- Schweidnitz, Brock-Hirschberg, Cerini-Breslau, Baruch-Oels, Liebel- Leobschütz. Rochotz-Mielitsch. Jawitz-Mttnsterberg. Cohn-Sagan, Nathall- Nybllik. Ehrlich-Oppeln, Kantorowsky-Loslau. Hirsch-Grünberg, Gerling. Görlitz. Nach einem Schlußwort des Vorsitzenden wird die Versammlung aufgehoben. Die Theilnehmer begaben sich darauf in Schäfers Hotel und blieben bei einfachem Mahle, das aber durch launige Reden und Vorträge gewürzt wurde, noch längere Zeit beisammen. Daß die neue Gründung eine segensreiche Thätigkeit zur Folge haben möge, ist unser Wunsch. Leopold de Beer. Schriftführer des „Schlesischen Kantorenverbandes". »AM Die armen Uakbiner. S) Sehr geehrter Herr Redakteur! ^M»us Ihrem jüngsten Briese habe ich zu meiner Freude ersehen, daß Sie zu der Ueberzeugung gekommen sind, 0^ daß die Verhältnisse und Ereignisse in unserer kleinen Gemeinde mir unmöglich immer wieder neuen Stoff für Berichte in Ihr geschätztes Blatt bieten können. Sie haben mir deshalb die Erlaubniß gegeben, meinen „Stoff" auch anderswoher zu nehmen, und es gereicht Ihnen und mir zur Ehre, daß Sie meiner werthvollen Kraft ein größeres Wirkungsfeld einräumen. Selbstverständlich rechne ich darauf, daß mit der Erweiterung meiner Thätigkeit als Berichterstatter auch eine Vergrößerung meiner schriftstellerischen Einkünfte verbunden ist. Ich könnte ja auch eine neue Fortsetzung des „weißen Röhl" schreiben und mir damit eine Villa verdienen, wenn mir nicht Ihr geschätztes Blatt und die Rettung des Judenthums gar so sehr am Herzen läge. Also — bitte — lassen Sie mich durch den Geldbriefträger recht empfindlich verspüren, daß Sie meine Beschränkung in der Meisterschaft oder meine Meisterschaft in der Beschränkung gehörig zu würdigen wissen. In Ihrem geschätzten Blatt habe ich gelesen, und auch von anderen Seiten ist es mir zu Ohren gekommen, daß man gar manches an unseren Rabbinern auszusetzen hat. Die Einen klaget» darüber, daß unsere Rabbiner nicht genug um die sogenannte Seelsorge sich kümmern und einen großen Theil der Schuld daran tragen, daß die Fälle des Abfalls in unserer Mitte so gewaltig sich mehren. Den Anderen gefällt das Verhältniß zwischen Rabbiner und Lehrer nicht: der Rabbiner wolle den Lehrer nichts gelten, nicht „aufkommen" lassen und wache mit Arqusaugen darüber, daß der Lehrer ja nicht eine Funktion sich anmaße, welche der Rabbiner aus irgend einem Grunde als sein alleiniges Recht betrachtet. Wieder Andere finden an den persönlichen Beziehungen! des Rabbiners zu seinen Gemeindemitgliedern etwas auszusetzen, und zwar find immer Diejenigen die Unzufriedenen, mit denen der Rabbinerweniger häufig verkehrt. Dem Einen predigt der Rabbiner zu oft, dem Anderen zu lang; den Meisten ist er wohl auch nicht fromm genng. Denn selbst unsere fortgeschrittensten Gemeinden, und innerhalb derselben wieder die „neuesten" Mitglieder, betrachten den Rabbiner als den Mann, der für die ganze Gemeinde fromm sein müsse, was sie eben so unter „fromm" verstehen. Man hat da das geschmackvolle Bild von dem „Kutscher" erfunden, der nüchtern sein müsse. Als ob noch niemals betrunkene Insassen den ganzeil Wagen mitsammt dem nüchternen Kutscher umgeworfen hätten! Und wenn schon der Rabbiner der „Kutscher" sein soll, vertrauen denn Diejenigen, die ihn also nennen, auch seiner Führung sich an? Man hat ja wohl schon mit Staunen davon vernommen, daß sogenannte „neue" Gemeinden einen streng konservativen Rabbiner sich zum „Kutscher" erwählt haben. Aber davon, daß diese „neuen" Gemeinden sich von ihrem Führer in das konservative Fahrwasser hätten „kutschiren" lassen, davon hat man noch nichts gehört. Einen Jdealrabbiner, wie ihn Maybaum in seiner Homiletik zeichnet, wird man wohl nur selten finden. Denn die Rabbiner sind ebei» auch Menschen, mit menschlichen Schwächen und Gebrechen. Es mag unter ihnen Manchen geben, der nicht über allem Tadel erhaben ist: aber man sollte sich doch hüten, so im Allgemeinen über den ganzen Stand abzuurtheilen. Vielleicht ist es weniger die „Mangelhaftigkeit" der Vertreter des Rabbinerstandes, als die — nicht seit heute erst — weit verbreitete Neigung, an ihnen zu mäkeln und zu nörgeln, welche die vielen und die vielerlei Aeußernngen der Unzufriedenheit zu Tage fördert. Ueber unseren großen Lehrer Moses haben die Israeliten in der Wüste gar oft „räsonnirt", — warum sollten sie heute nicht über ihre Rabbiner räsonniren? Mit Moses wird sich wohl selbst der größte unter ihnen nicht zu vergleichen wagen, aber er kann sich mit Moses trösten Denn nicht alle Vorwürfe sind gerecht und berechtigt. Wer vor der Taufe steht, der wird von seinem wohlüberlegten Vorhaben sich schwerlich mehr abbringen lassen, und wenn ihm der Rabbiner — wie man so gut zu sagen pflegt — das Haus weglüuft. Es ist ja doch selten die Unkenutniß des Judenthums und die auf Ueberzeugung beruhende Zuneigung zu einer anderen Religion, welche zum Abfall führt. — Wenn Rabbiner und Lehrer sich nicht miteinander vertragen, Muß da immer der Rabbiner allein der Schuldige sein? „Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt." In einem Ihrer Leidartikel — ich schreibe absichtlich so, denn es war ein Klagegesang — haben Sie selbst, geehrter Herr Redakteur, darauf hingewiesen, wie Viele dem Rabbiner die Stellung erschweren. Unsere Gemeinden sind nur allzu leicht geileigt, im Kantor die „Hauptperson" zu erblicken: in den Schilderungen aus der Gemeinde, in der ich lebe, habe ich das deutlich genug hervortreten lassen. Jst's da den Rabbinern zu verargen, wenn sie sich gelegentlich einmal ihrer Rechte wehren und ihren hart bedrängten Besitzstand mit aller Macht zu vertheidigen suchen? In den Gemeinde», die zu klein sind, um einen Rabbiner anzustellen, ist es gewiß nur anzuerkennen, wenn der Lehrer von Zeit zu Zeit auch das Amt des Predigers ver-