Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- Seite 556 (sequence 6)
- Language
- German
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556 Im Mai des nächsten Jahres finden in Frankreich die Parlamentswahlen statt. Als Vorbereitung für dieselben hat sich unter der Präsidentschaft des braven Herrn Drumont ein nationales antisemitisches Komitee gebildet, welches zum ersten Male in Frankreich in allen Wahlbezirken antisemitische Kandidaten aufzustellen gedenkt. Wo dies unmöglich ist, wird man für den Kandidaten der „?atrie tranhmse" einstehen. Der Aufruf des antisemitischen Komitees, dem die meisten nationalistischen Deputaten angehören, hat aber bis jetzt die erwarteten Geldmittel noch nicht gebracht. Neben dem antisemitischen Nationalkomitee hat sich eine neue Frauenl iga gebildet, die ebenfalls in den künftigen Wahlkampf einzugreifen gedenkt. Obgleich von den Antisemiten scheinbar unabhängig, besteht die neue Liga nur aus christlichen Frauen. Obwohl nun all' diese Vereine im Grunde genommen gar nicht das Judenthum und die Inden meinen, sondern die gegenwärtige Regierung, den Liberalismus, die Freimaurer und wer weiß wen sonst noch, richten sie doch ihre Angriffe zunächst gegen die uralten Prügelknaben der Weltgeschichte und bringen thatsächlich auch nur diesen Schaden. 4 In Rumänien gährt es wieder einmal. Die von Tache Jonescu im Namen der altkonservativen Partei aufgerollte Fremdenfrage, d. h. die Zulassung fremder Kapitalien, um die wirthschastliche Lage Rumäniens zu heben, hat im ganzen Lande grobes Aufsehen erregt und kann als Zeichen betrachtet werden, daß die Angelegenheit nicht mehr mit dem Chauvinismus behandelt wird, wie dies noch vor wenigen Jahren der Fall war. In dem geistigen Leben des Landes hat sich eben infolge der in den letzten Jahren erlittenen finanziellen Schwierigkeiten ein bemerkenswerther Umschlag vollzogen. Man sieht jetzt allgemein ein, daß die bisher von allen Politikern gemachten Fehler nur durch radikale Maßregeln sich wettmachen lassen, und daß die um Rumänien gezogenen chinesischen Mauern fallen müssen. Selbst die Presse der liberalen Partei, die sonst einen extremen Nationalismus zur Schau trägt, beginnt die Nothwendigkeit einzusehen, auf dem alles Fremde ausschließeuden Standpunkte nicht länger zu beharren und zeigt sich geneigt, in eine Abänderung des Artikels 7 der Verfassung in dem Siune zu willigen, daß den mit fremden Kapitalien gegründeten Unternehmungen der Erwerb von Ackergrundeigenthum zu gestatten sei. Merkwürdig sind die fremdenfeindlichen Allüren von Peter Carp, dem Führer der Juuimisten; schon seine jetzige Umgebung. Nicu Filipescu, Jonel, Gradisteanu und Barbu Delavrea, ist charakteristisch für seine Wandlung. Man hat also die Hoffnung, daß durch Milderung der Fremdengesetze auch die Lage der Juden in Rumänien, die als Fremde angesehen werden, sich bessert. Bitter — aber wahr! Der Allgemeine Kantorenverband. Saat, welche von den Theilnehmern des Allgemeinen Kantorentages in Wien altsgestreut wurde, beginnt wiederum auf deutschem Boden zu keimen und verspricht, schöne Früchte zu'zeitigen. Die von dem provisorischen Komitee, bestehend aus den Herren Kollegen Davidsohn-Gleiwitz. Singer-Kattowitz, Spandau-Myslowitz und de Beer-Beuthen anberaumte Versammlung schlesischer Kantoren fand am 3. d. M. in dem Sitzungssaale der Synagogengemeinde zu Gleiwitz statt, der zu diesem Zwecke von dem Vorstande derselben in dankenswerther Weise zur Verfügung gestellt worden war. Folgende Herren Kollegen waren erschienen: Schüftan-Neisse. Translateur-Langendorff. Nelken-Nikolai. Moddel-Sohrau O.-S., Hirschman-Guttentag, Löb-Beuthen O.-S., Tandesar-Zabrze. Singer- Kattowitz, Spandau-Myslowitz, Bernstein-Beuthen S.-S., Davidsohn- Gleiwitz, de Beer-Beuthen O.-S., Löwenstein-Neustadt O.-S., Nathan- Tarnowitz. Singermann-Ratibor, Lemke-Lipine, Krolik-Cosel, Zimmermann-Tost, Translateur-Lublinitz. Schüftan-Peiskretscham. Nach Verlesung des Protokolls der Vorbesprechung am 1. November durch College» de Beer-Beuthen O.-S. ergreift Kollege Davidsohn- Gleiwitz das Wort, begrüßt mit warmen Worten die Versammelten und schildert die unvergeßliche»! Eindrücke, die er auf dem Kantorentage in Wien gewonnen hatte. Es gilt, die mannigfachen Schäden des Berufs zu beseitigen. Der einzelne Kantor kann sich nicht schützen, jedoch ein einiges Zusammenhalten aller Berufsgenossen gewährleistet einen wirksamen Schuh. Innerhalb des Tempels ist der Kantor als Hauptträger des Gottesdienstes, als 8e1i1iaek /ibbur. der wichtigste Faktor; man verlangt. daß er durch musikalisch-künstlerischen Vortrag die Andachtsstimmuilg der Gemeinde erwecke und hebe, gewiß eine ideale Betätigung. Aber welche Stellung nimmt derselbe Beamte außerhalb des Tempels, im gesellschaftlichen Leben ein? Hat er nicht den Vorzug, ein gesellschaftliches Talent zu sein, so wird er nur halbwegs geduldet, wenn nicht gar über die Achsel angesehen. Und wie sieht die reale Seite aus? Man lese die in den Zeitungen ausgeschriebenen Vakanzen. 700 Mark festes Jahreseinkommen, Be- Werber muß verheiratet sein. Reisespesen werden nur dem Gewählten vergütet rc." Und dann der Vertrag! — Will der Beamte die Stadt verlassen, wenn auch nur für einige Stunden des Tages, bedarf er des Urlaubs, der ihm oft. je nach Laune des betreffenden Vorstehers, aus nichtigen Gründen verweigert wird. Disziplinarverfahren gibt es nicht, das Damoklesschwert der Entlassung schwebt stets über seinem Haupt. Beginnen im höheren Alter seine Kräfte, die er im treuen Dienste der Gemeinde gewidmet hat, zu schwinden, so sucht man sich seiner zu entledigen, oder er erhält im günstigsten Falle eine sehr kleine Pension. Derartige Schäden müssen ausgemerzt werden! Ernst ist es geworden mit unserer Sache. In Wien wurde beschlossen, einen Verband ins Leben zu rufen für ganz Deutschland und Oesterreich, und Vertrauensmänner wurden gewählt. Atter Orten regt man sich, Rheinland und Westfalen haben sich bereits angeschlossen. Ideale Ziele sind es. die der Verband im Auge hat, und mit den Kräften, die demselben zu Gebote stehen, soll geholfen werden. Es wurde jetzt zur Wahl des Büreans geschritten, aus der die Herren Davidsohn-Gleiwitz als Vorsitzender, Singer-Kattowitz als stellvertretender Vorsitzender und de Beer-Beuthen O.-S. als Schritt führer hervorgingen. Nachdem gegen das Protokoll der Vorbesprechung keine Einwen düngen erhoben wurden, verliest de Beer die aus dem Kantorentagc in Wien gefaßte Resolution, und der Hauptpunkt der vorliegenden Tagesordnung: Gründung des schlesischen Kantorenverbandes kommt zur Berathung. An der nun folgenden Debatte betheiligen sich in lebhafter Weise die Herren Davidsohn, Singer, de Beer, Löwenstein, Singermann und Spandau. Letzterer beklagt, daß die bekannte Bähr'sche Petition an den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, trotzdem fast zwei Jahn verflossen, ohne irgend einen Erfolg geblieben sei, und weist den ihm von Singermann-Ratibor und anderen auswärtigen Kollegen gemachten Vorwurf der Abtrünnigkeit zurück. „Da man uns nicht hilft, müssen wir uns selbst helfen!" Singer-Kattowitz berichtet über seine jüngst mit seinem Vater, Oberkantor Singer-Wien, dem Vorsitzenden des „Allgemeinen Kantorenverbandes" gepflogene Aussprache, nach welcher es vorläufig nur die Aufgabe jedes Interessenten sei, recht kräftig die Werbetrommel für den Verband zu rühren und neue Mitglieder zu gewinnen. de Beer-Beuthen O.-S. bringt weitere von verschiedenen Herren gemachte Einwendungen und Vorschläge zum Schweigen, indem er den Anwesenden empfiehlt, vorläufig zu den von Wien aus seitens der dortigen bewährtenkLeiter des Verbandes getroffenen Anordnungen volles Vertrauen zu haben. Wenn sich die Nothwendigkeit herausstellt, würde dann später in Berlin die Centrale für Deutschland gebildet werden.