Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- Seite 554 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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554 Prediger wurden angestellt. Bon den beiden Rabbinern ist einerausschließlich zur Vertretung konservativer Interessen berufen worden. Ueber die Lehrpläne und die Unterrichtsthätigkeit in den Gemeindeschulen ist ebenfalls in diesen Tagen ein besonderer Bericht ausgegeben worden, der volle Beachtung verdient; die beiden Gemeindeschulen und die sechs Religionsschulen wurden von 2820 Zöglingen besucht. Die Lehrerbildungsanstalt zählte in der Seminarklasse 29, in der Präparandenabtheilung 17 Zöglinge. Zwei neue Religionsschulen wurden begründet, in zwei Vororten wurden Religionskurse eingerichtet; das Schulgeld wurde ermäßigt; den subventiouirten Neligionsvereinen wurde besondere Ausmerksamkeit zugewendet; der jüdische Religionsunterricht an den königlichen Lehranstalten hat eine Erweiterung erfahren, in den städtischen höheren Schulen ist der Religionsunterricht auch auf die unteren Klassen ausgedehnt worden. Eine gemischte Deputation zur Berathung der Frage», die den Religionsunterricht betreffen, hat in der Berichtsperiode unablässig gearbeitet, der Lehrplan für den Religionsunterricht an den Elementarschulen ist fertiggestellt, ein solcher für die höheren Töchterschulen ist in Bearbeitung. Für jüdische Lehrerinnen ist ein jüdischer Religionskursus eröffnet worden; auch die äußere Stellung der Lehrer wurde gehoben. Die Wvhlsahrtseinrichtungeu der Berliner Gemeinde sind von jeher musterhaft gewesen, und hieran hat auch die Orthodoxie nicht einmal zu rütteln gewagt. Da ist in erster Reihe die Armenkommission zu neuneu; ihr Budget beläuft sich auf ca. 160 000 Mark. Dazu kommt die Verwaltung der Ephraim- Stiftung mit über 50000 Mark; im Kraukenhause lind im Hospital der Gemeinde sind wesentliche Verbesserungen eingeführt worden; eine neue Alterversorgungsanstalt ist im Bau, der Fürsorgeerziehung wurde besondere Aufmerksamkeit zugewendet. In der Wagenpflege der Gemeinde befinden sich im Ganzen 586 Kinder; der projektirte Neubau der Quellbadeanstalt konnte wegen der Platzfrage noch nicht zur Ausführung kommen; der Friedhof in Weißensee beanspruchte wiederum große Aufwendungen. Als eine neue und nachahmenswerthe Institution ist die Gemeindebibliothek zu bezeichnen, die' schon in nächster Zeit mit einem ansehnlichen Bücherbestand wird eröffnet werden. Aber nicht nur für ihre eigenen Bedürfnisse hat.die jüdische Gemeinde gesorgt, sie hat auch, entsprechend ihrer Bedeutung, an den allgemeinen Bestrebungen der deutschen Judenheit sich in hervorragender Weise betheiligt. Vor allem hat sie lebhaften und thätigen Autheil an den Arbeiten des Deutsch-Israelitischen Gemeiudebundes genommen, ferner hat sie sich wiederholt mit Beschwerden und Petitionen an die Staatsbehörden iin allgemeinen Interesse gewandt, die zum Theil von Erfolg begleitet waren. Endlich hat sie auch auswärtige Wohlfahrtsbestrebungeu, wie Kurhospitäler, verschiedene Hilfskomitees für Galizien und Rumänien, Komitees zur Abwehr antisemitischer Angriffe und Schutzkommissionen für ausgewiesene Glaubensgenossen wirksam unterstützt. Wir haben schon hervorgehoben, daß den Männern, die in so energischer und uneigennütziger Weise die Gemeindeangelegeuheiten verwalten, sür welche sonst ein ganzes Heer von besoldeten Beamten angestellt werden müßte, der wärmste Dank gebührt. Man kann deshalb diesen Bericht nicht lesen, ohne mit einem Gefühl innigen Dankes zunächst des Mannes zu gedenken, der während eines Zeitraums von 17 Jahren mit unermüdlichem Eifer, mit einer Treue und Hingabe ohne Gleichen das zeit- und gesundheitraubende Amt eines ersten Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde zu Berlin bekleidet hat, nämlich des Herrn Justizraths Sigmund Meyer, der zu Beginn dieses Jahres mit Rücksicht auf seine Gesundheit das Amt niederlegen mußte, und dessen der Verwaltungsbericht, wie es sich gebührt, an erster Stelle mit den Worten gedenkt: „Wir sagen dem vielverdienten Manne hier öffentlich Dank für den Eifer und die Thatkraft, für die Umsicht und das Wohlwollen, sür das weise Verständniß und die arbeitsfreudige Hingabe, die ihn bei der Verwaltung unserer Gemeindeangelegenheiten jederzeit beseelt haben." Aber auch der Männer soll gedacht werden, die der Tod in den letzten Jahren mitten aus ihrer Arbeit hinweggerissen hat. Hier stehen in erster Reihe Leonhard Sachs, ihm folgen I. E. Jsaac, Wilhelm Goldschmidt, Albert Philipp Meyer, Geheimrath Marcnse und Justizrath Tiktin. Ihnen allen ist in der Geschichte der Berliner Gemeinde ein dauerndes, ehrendes Andenken gesichert. Nur in kurzen Zügen, nur in flüchtigen Umrissen konnten wir ein Bild von der Wirksamkeit der jüdischen Gemeinde zu Berlin entwerfen. Aber auch diese flüchtigen Konturen werden schon genügen, nm den Nachweis sür unsere Behauptung zu erbringe», daß die jüdische Gemeinde zu Berlin auch thatsächlich die erste des Deutschen Reiches sei und jeder jüdischen Gemeinde als Muster und Vorbild dienen könne. Innerhalb dieses Gemeinwesens kann Jedermann die Befriedigung seiner religiösen Bedürfnisse finden, und an der Hand dieses Verwaltungsberichts kann man die Anfeindungen der süddeutschen Orthodoxie und des verschwommenen Berliner Konservatismus gebührend zurückweisen. Die Frage liegt nun aber in diesen; Augenblicke so: Soll mit Zustimmung der Majorität der Gemeinde- Mitglieder in der Hauptstadt des Deutschen Reiches, in der Stadt der Intelligenz, in der ersten jüdischen Ge meinde Deutschlands dem Rückschritt, der Unduldsamken und dem Fanatismus eine Heimstätte errichtet werden? Die Antwort auf diese Frage werden die Wahlen der jüdischen Gemeinde zu Berlin am 28. November zu geben haben! Air Woche. Berlin, 18. November rst jetzt fangen die Blätter an. sich mit dem Grafen Pückler etwas mehr zu beschäftige», nachdem wegen einer seiner Brandreden gegen die Juden und — di Behörden in dieser Woche eine Versammlung aufgelöst werden mußte. Es entsteht, wenn man diese Rede liest, die Frage, vn man es hier mit einer pathologischen Erscheinung zu thun hat, oder ob es sich nm einen Mann handelt,, der für seim aufhetzenden Reden thatsächlich verantwortlich zu machen ist Die beide» Gerichte in Dresden und Berlin, die ihn verurtheib haben, haben sich auf den Standpunkt gestellt, daß man es nicht mit einem geistig kranken Manne zu thun habe. Wir wollen in dieser Beziehung weder den Gerichten irgendwie entgegengetreten, noch den Psychiatern irgendwie vorgreifen. Ein hiesiges Blatt konstatirt zutreffend das eine Tatsächliche;