Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1901)
- Date
- 1901-11-15
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 Dazu kommt noch, das; durch die nicht rituelle Verpflegung vielen jüdischer» Patienten ein Gewissenszwang auferlegi wird, der von ihnen genommen werden müßte. Sollte zur Zeit der Plan, eine Anstalt für etwa 40 bis 50 Lungenleidende zu gründen, nicht zur Ausführung kommen können, weil die Zeitverhältnisse für ein solches, große Geldmittel erforderndes Unternehmen nicht günstig sind, so mußte man zunächst ein Provisorium schaffen. Es wird vorgeschlagen, entweder bei Berlin eine Pension von etwa 20 Betten einzurichten, oder in Angliederung an die bekannte jüdische Kuranstalt in Soden eine ähnliche Einrichtung zu schaffen. In der Diskussion wurde von allen Rednern die Dringlichkeit der Frage anerkannt. Eine ans den ärztlichen und ferneren fünf anderen Mitgliedern der Armenkorunnssion zusammengesetzte Subkommission wird sich mit der Frage weiter beschäftigen und in der Dezembersitznng Vorschläge den» Plenum unterbreiten. 8. Berlin 11. November. Die zweite Wählerversammlung des „Liberalen Vereins", welche am 4. d. M. für die Bezirke Süden, Südwesten und Südosten stattfand, war sehr zahlreich besucht. Syndikus Dr. Minden hielt das einleitende Referat. Er betonte, daß die Unterschiede der Ziele der Konservativen und Liberalen »licht sehr groß seien, »veil das Verbindende zwischen den Inden »nichtiger sei als das, was sie trenne. Die Parteibildnng beruhe mebr auf innerlichen Gegensätzen, Familientraditionen und Lebenserfahrungen; der gemeinschaftliche Boden sei das Jndenthum, als Ganzes, als die vollkommenste und vornehmsteJncarnation des monotheistischen Gedankens. Für die modernen Juden liege nicht die stärkste Wehr in den alten Gebräuchen, sondern in der weltbewegenden Macht der Ideen. Der Redner streiste kurz die Frage des Zionismus, der keilte Bedeutung für die Gemeindewahlen haben könne; in der Frage des Sonntagsgottesdieustes, der nicht, wie die Gegner behaupten, zum Abfall verleite, sondern nur die Liebe zum Jndenthum erhöhen könne, hält er die Gemeinde sür verpflichtet, der großen Zahl der Anhänger die Erfüllung ihres Wunsches zu gewähren. Den Religionsunterricht für die Jugend gefordert zu haben, sei das Verdienst der Liberalen, da diese Frage lange Zeit vor Gründung des Centralvereins bereits in» Schooße des deutsch-israelitischen Gemeindebuudes erwogen worden sei. Es müsse darai» liegen, den Kindern eine»» feste»» religiösen Halt zu geben, ohne sie zu Fanatikern zu erziehen. Die Liberale»» wünschten Nnterrichtszwang, »licht Zwangsunterricht, nicht Religionslosigkeit, sondern Religionsfreiheit. An der sehr lebhaften Diskussion betheiligten sich auch »»»ehrfach Gegner. — Auch die heutige dritte Versammlung des Liberale»» Vereins für den Nordwesten, zu der sich auch die in Eharlottenburg wohnenden Mitglieder der hiesigen Gemeinde zahlreich ein fände»», hatten sich eines regen Zuspruchs zu erfreuen. Die „Forderungen der liberalen Partei" — so lautete das Thema des Abends — präcisirte Professor Dr. Bla sch ke. Als Hanptsorderung der Liberale»» stellte der Redner die Durchführung des Prinzips hin „Gleiches Recht sür Alle", als zweite Forderung die „Lehre zu lebe»»", das heißt auf dem Boden der Wahrheit stehend Thaten zur Ausführung zu bringen und nicht mit Worte»» zu streiten, als dritte die Gleichstellung der Jude»» mit de»» Andersgläubigen in ihrer bürgerlichen Stellung, speziell auch die Gleichstellung der jüdischen Kinder mit ihren andersgläubigen Kameraden ii» alle»» öffentliche»» Schulen. Die vierte Forderung ist diejenige, welche ans der Mitte der Gemeinde an die Liberalen heransgetreteu ist, die Forderung des Gottesdienstes an einem Tage und zu einer Zeit, »»» welcher auch die Kinder dem Gottesdienste beiwohnen könne»». Der zun» Ersatz eingeführte Jugendgottesdienst trennt das Kind von den», der einzig und allein es beten lehre»» kann, von seinem Vater und seinem Erzieher. Der geforderte Gottesdienst am Sonntag kam» auf keinen Fall mit dem Sabbalh- Gottesdienst verglichen werden, so daß also eine Schädigung des Sabbaths durch ihn nicht in Frage kommen kann. Die Liberalen bekämpfen Niemanden, aber sie verlangen auch für sich, was sie Andere»» geben, und sie verlangen es auch für ihre Kinder. Mit einen» warmen Apell an die Wähler, sich bei der Wahl bewußt zu werde»», sür die Zukunft des Zudenthuuls zu wirke»», schloß der Redner sein mit große»»» Beifall ausgenommenes Referat. In der sich anschließenden lebhaften Diskussion wurde fast ausschließlich wieder vor» de»» zahlreich anwesenden Gegnern an den sonntäglichen Predigtgottesdienst angeknüpft; es wurde wieder und »»»jeder die ernste Mahnung, de»» Gottesdienst in der Nesoruigenreinde zu besuchen, erhoben, und der vollständige Verzicht ans de»» sonnläglichen Gottesdienst und dessen Ersatz durch eine religiöse Belehrung am Sonntag nahegelegk, um die religiöse Anpassnng an unsere Umgebung zu vermeiden. LL Berlin, 10. November. Sanitätsrath Dr. med. Leopold Brühl feierte am 9. d. M. das 25jährige Jubiläum seiner Thätigkeit im Dienste des kaiserlichen Gesundheitsamtes. Dr. Brühl, der seit 1858 Arzt ist, wurde, bald nachdem das kaiserliche Gesundheitsamt seine Arbeiten begonnen, hatte, als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter in die neue Behörde berufen. Er ist in den» wissenschaftlichen Personal des Amtes das älteste Mitglied. Er hat die ganze stete und beträchtliche Entwickelung »nitgemacht, die das kaiserliche Gesundheitsamt aus kleinen Anfänge»» in» Laufe eines Vierteljahrhunderts erfahren hat. Neben der wissenschaftlichen Arbeit, die Brühl in seinem Amte zu leisten hatte, hat er noch anderer mit Erfolg obgelegen. Insbesondere ist seiner Untersuchungen über die Verbreitung von Diphtherie und Croup ii» Preuße»», zu denen er sich mit E. Jahr verband, zu gedenken. §2 Berlin, 10. November. Infolge eines von den Herren Sanitälsrath Dr. Wiesenthal, Oberlehrer Dr. Schäfer und Herrn I. Freymark erlassenen Einladung hatte sich am 10. Oktober d. I. in Berlin eine Anzahl hervorragender Glaubensgenosse»» ejngesunden. nn» über eine in» Interesse der israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlen» einzuleilende energische Agitation zu berathen. Außer den Herren Rabbinern Dr. Maybaum und Dr. Weiße (Herr Dr. Eschelbacher war durch Unwohlsein verhindert) hatten sich ca. 40 Personen, den verschledensten Richtungen augehörend, eingesunden. Es wurde besonders hervorgehoben, daß es sich betreffs der Anstalt nicht mehr um ein Experiment handele, und daß das Mißtrauen und die Bedenken, welche man häufig neuen Unternehmungen mit Recht entgegenbrmgt, hier nicht an» Platze seien, da die Anstalt in jeder Weise nicht nur ihre Nützlichkeit, sondern auch ihre Nothwendigkeit belviese»» habe. Es wurde in der Versammlung über einige Erziehungsresultate von maßgebender Seite berichtet, namentlich über die ans Berlin gebürtige»» Knaben und die in Berlin und Umgegend beschäftigten, sowie die in anderen Theilen Deutschlands und des Auslandes mit Erfolg thätigen frühere»» Zöglinge Ahlems, die einen sehr guten Eindruck auf die Versammelten machten. Ferner wurden von verschiedenen Herren, die die Anstalt in letzter Zeit besucht hatten, die Vorzüge der dort eingeführten militärischen Ordnung und Disziplin hervorgehoben, Maßnahmen, die den in hervorragender Weise herrschenden Frohsinn und die Arbeitslust »»» keiner Weise beeinträchtigen, sondern noch hebe»». I»» der Versammlung wurde eil» ans folgenden Herren bestehendes Lokalkomitee gewählt: Julius Cohn, Rabbiner Dr. Eschelbacher, I. Freymark. Dr. Max Ginsberg, Rechtsanwalt Dr. M. Horwitz, Herm. M Israel, Carl Meschelsohu, Louis Rosenbaum, Oberlehrer Dr. Moritz Schäfer, Max Weiß, Rabbiner Dr. Weiße. Man hat in Aussicht genommen, später auch Damen hinzuzuziehen, namentlich ii» Anbetracht dessen, daß der Anstalt auch ein Mädcheuinstitnt hinzngefügt wrrd. Die innerhalb der Versammlung sofort gezeichneten Beiträge bestehen ans ca. 2300 Mark eiumaligen und ca. 500 Mark jährliche»» Beiträgen, und es sind die besten Aussichten vorhanden, daß in nächster Zeit trotz der ungünstigen Zeit- Verhältnisse noch größere Beiträge hinznkommen, da die AlUvesende»» in de»» Kreisen ihrer Bekannten für die Anstalt Propaganda machen wollen. Kurz zuvor hatte der durch feine Wohlthätigkeit rühmlichst bekannte Geheimrath Arnhold eine eü»malige Spende von 5000 Mark übersandt. Auf Anrathen der Berliner Freunde der Anstalt ist hier eine Geschäftsstelle für Ahlem eingerichtet, welche ähnlich wie die Geschäftsstelle in Frankfurt c». M. nicht nur Centralpnnkt der Berliner Propaganda sei»», sondern auch bci Aufnahme von Zöglingen aus Berlin mit in Rath ge»»ommen werden soll. Herr Verlagsbuchhändler Rosenbau»»», Kalkreuthstraße 8, hat sich bereit erklärt, die Leitung dieser Geschäftsstelle zu übernehmen. — Berlin, 10. November. Die Anklage wegen Aufreizung verschiedener Bevölkerungsklassen gegen einander in einer den öffentlichen Friede»» gefährdenden Weise wurde heute gegen Graf Walter Pückler -Kl. - Tsch»r»»e und den Redakteur Otto Böckler von der „Staatsb.-Ztg." vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts I verhandelt. An» 14. Dezember v. I. fand in den Konkordiasäler» eine große antisemitische Volksversammlung statt, nachdem eine solche, die einige Tage zuvor anberanmt gewesel» war, ausgehoben worden war. Gras Pückler hielt eine längere Rede, durch die er sich in vorgenannter Weise vergangen haben soll. Er soll unter andere»»» gesagt haben: