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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-15 · Heft 46 (15.11.1901) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 46 (15.11.1901)
Date
1901-11-15
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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65. Jahrgang. Ar. 46. Der Gemetndebote. Berlin, 15. November 1901. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung -es Au-enthums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. Z2 Berlin, 10. November. Der Wahlaufruf des Central' Vereins für die Interesserl der jüdischen Gemeinde in Berlin ist bereits ansgegeben worden, und wir würden bei unserem Streben, nach allen Seiten hin objektiv zu bleiben, denselben gern abgedruckt haben, wenn er nicht in einem Tori gehalten wäre, der dies von vornherein ausschließt. Mit dieser« Aufruf werden die Herren wenig machen. Das Stichwort lautet: „Unser Sabbath ist in Gefahr. Schützet unfern Sabbath!" Nun ist aber von liberaler Seite ausdrücklich und feierlich erklärt worden, daß inan auch nicht im Entferntesten daran denke, an dem Sabbath irgendwie zu rütteln. Die Herren haben also kein Necht, das Gegentheil zu versichern. Eine solche Kampfesweise können wir nicht billigen; sie ist unehrlich. Wenn es am Schlüsse heißt: „Hie Sabbath. Hie Sonntag!" so klingt das geradezu demagogisch. Mit heiligen Dingen sollte man kein solches Spiel treiben. Auch nicht einmal im erbittertsten Wahlkampfe. Wir haben unsere ablehnende Haltung dem Sonntagsgottesdienste gegenüber wiederholt ausgesprochen und rnotivirt, aber wir müssen es lebhaft bedauern, wenn der Kampf gegen diesen Versuch, der vielleicht aus irrigen, aber um der Beweggründe willen in jedem Falle achtungswerthen Motiven angeregt wurde, mit solchen Mitteln geführt wird. Schon im Sommer ging uns ein vertrauliches Cirkular der Vorstände der kleinen Synagogen zu, in dem es heißt: „Es handelt sich um die Existenz unserer Synagogen und ganz besonders unserer Religionsschulen! Es handelt sich um die Erhaltung des wahren Jndenthums! Es handelt sich um das Wohl unserer Kinder! Es handelt sich um den von Gott eingesetzten Ruhetag, den Sabbath! Es handelt sich nm die Erhaltung der alten Traditionell, für die schon unsere Väter gelitten und geduldet haben! Alles dies soll uns genommen und gekürzt werden!" Wir haben damals keine Notiz von der Sache genommen, weil wir sie mehr voll der humoristischen Seite aufgefaßt haben. Den Herren will doch Niemand den Sabbath und ihre Traditionen nehmen. Jetzt haben sie sich im Stillen zu einem „Verband der Synagogeu-Vereine von Berlin und den Vororten" zusammengethan, um die Agitation in demselben Stile weiter zu betreiben. Null, das ist ihre Sache. Am Ende kommt es diesen Kreiserr doch nur darauf an, eine möglichst hohe Subvention für ihre Synagogen zu erlangen, und mau kann es bei der Lage der Verhältnisse begreifen, wenn sie sich der Seite zuwenden, die ihnen nach dieser Richtung hin — größere Versprechungen macht. Der „Centralverein" aber sollte sich davor in Acht nehmen, in diesen Ton mit einzustimmen. Und am welligstell hat er ein Necht. bei dieser Gelegenheit und ohne den geringsten Anlaß, gegen die Reformgemeinde in einer Weise zu polemisiren, die bei allen objektiv Denkenden entschiedene Mißbilligung erfahren muß. Haben doch die konservativen Repräsentanten die Subvention für die Resvrmgemeinde stets bewilligt, ja sogar für eine Erhöhung derselben gestimmt. Und gerade die am weitesten nach rechts stehenden unter ihnen waren zur Zeit, da die Frage angeschnitten wurde, der Idee der Einverleibung der Neformgemeinde durchaus nicht abgeneigt. Wozu also jetzt diese durchaus nnmotivirten und unberechtigten Angriffe? Wenn es nun aber gar in dsnl Aufrufe heißt, die „Geschichte der Sonntagsfreunde in der Neformgemeinde" lehre uns, „daß deren Nachkommen keill Bedenken mehr tragen, auch äußerlich durch Abfall den Bruch mit dem Judenthum zu vollziehen, den sie und ihre Väter innerlich längst vollzogen haben", so ist das eine grobe Entstellung der geschichtlichen Thatsachen. Es ist historisch und statistisch sestgestellt, daß unter den Mitgliedern der Reformgemeinde weniger Taufen Vorkommen als anderswo. Die Existenz der Reformgemeinde ist eine wichtige geschichtliche Thatsache. deren Bedeutung heute selbst die Gegner anerkennen sollten, wenn sie Verständniß für den Entwickelungsgang des Jndenthums hätten. Das Tanskapitel ist aber ein so heikles, daß man sich wohl hüten sollte, es gerade bei diesem Anlässe zu berühren. Die Angegriffenen könnten am Ende mit dem Nachweis kommen, daß sich auch die Orthodoxie keineswegs als eine Präservativ gegen den Abfall erwiesen habe und diesen Nachweis durch die Auszählung so eklatanter Fälle unterstützen, daß sie ihre Gegner zum Schweigen zwingen würden. Mall sieht also schon aus diesem einen Beispiel, wie gefährlich es ist, solche Fragen in den Kampf der Parteien hinabzuziehen. Die Verfasser und Absender des Ausrufs hätten sich doch zuerst ans dem Geschichtswerk von Grätz darüber instruiren sollen, wie man derartige geschichtliche Erscheinungen auch bei prinzipieller Gegnerschaft zu benrtheilen habe. Wie wohlthuend sticht voll diesem Schriftstück der Wahlaufruf des „Liberalen Vereins" ab! Derselbe Verein hat übrigens in dieser Woche im Anschlüsse an seinen ersten Aufruf nnd als Antwort aus die Herausforderungen der Konservativen noch das nachfolgende Cirkular verschickt: „Der Centralverein hat einen Aufruf veröffentlicht; wir überreichen den Wählern hiermit nochmals den unserigen, damit sie beide miteinander vergleichen können. Was die liberalen Repräsentanten erreicht nnd erstrebt haben, das will jetzt Alles der Centralverein verlangt und dnrchgesetzt haben. Als wir zur Toleranz aufriefen, war es der Centralverein der vorgab, die Toleranz auf seine Fahne geschrieben zu haben. Da wir den Frieden in der Gemeinde fordern, ist es der Centralverein. der behauptet, er wolle den Frieden. Der Aufruf des Centralvereins verliert sich in maßlose Angriffe, er zeigt unS, wie der Frieden geartet sein würde, den der Centralverein der Gemeinde zugedacht hat. Auf diesen Aufruf giebt es nur eine Antwort: Männer, die diesem Wahl ans ruf zu stimmen, gehören nicht in die Verwaltung unserer RelLg io ns - gemeinde. Wählt liberal! Der Vorstand des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde." — In diesen Tagen ist auch mit dem Wahlzettel zugleich der Verwaltungs- und Rech nun gs bericht des Vorstandes der jüdischen Gemeinde über die Zeit vom 1. April 1898 bis 31. März 1901 erschienen, ein sehr interessantes und beachtenswerthes Schriftstück, auf das wir in nächster Nummer ausführlich zurückkommen. L2 Berlin, 11. November. Aus der letzten Plenarsitzung der Ar men-Kommission der jüdischen Gemeinde, welche unter Vorsitz des Herrn Martin Simon am 31. Oktober cr. stattfand, werden uns einige Punkte der Tagesordnung von allgemeinem Interesse mitgetheilt. Herr Rechtsanwalt Lilieuthal berichtete über das neue Fürsorge - Erziehnngsgeseh. Der Vortragende hob die Bedeutung der Fürsorge-Erziehung im Vergleich mit der nach dem früheren Gesetze zulässigen Zwangserziehung hervor und legte die Fälle dar, in denen nach dem neuen Gesetz eine Unterbringung Minderjähriger zur Fürsorge-Erziehung statlfinden kann. Nach einer Darstellung des vormundschaftsgerichtlichen Verfahrens nnd der Ausführung der Fürsorge - Erziehung schloß der Redner mit dem Ersuchen an die Kommissionsmitglieder, auch ihrerseits bei der Ausführung des Gesetzes dadurch mitzuwirken, daß sie die Stellung von Anträgen auf Fürsorge-Erziehung nur nach genauer Prüfung der einzelnen Fälle veranlassen, daß sie sich für das Amt eines Fürsorgers zur Verfügung stellen, und daß sie sich angelegen sein lassen möchten, geeignete jüdische Familien zur Unterbringung der Fürsorgezöglinge ausfindig zu machen. „Wenn Jeder an seiner Stelle bei der Ausführung mitwirke, werde das bedeutsame Gesetz auch für unsere Glaubensgemeinschaft gute Früchte zeitigen." Die Versammlung beschäftigte sich ferner mit der Frage der vielfachen Gesuche von Lungenkranken, worüber Herr Dr. Leopold Feilchenfeld berichtete. Der Vortragende hält die Errichtung einer Lungenheilstätte für jüdische Patienten für nothwendig. Die in der Nähe von Berlin liegenden Lungenheilanstalten kommen für unsere Kranken kaum in Betracht. Nach Ausweis des Heimstätten-Büreans vom 7. September dieses Jahres waren nämlich für Malchow, Blankenfelde und Belzig so viele Kranken vorgemerkt. daß diese Monate lang ans Aufnahme warten müssen.

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