Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1901)
- Date
- 1901-11-15
- Page
- Seite 552 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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S52 „Macht sich wichtig/' flüsterte die Madame der Wärterin zu. Nach einer Weile kam der Herr Direktor. Er begrüßte die Damen und neigte sich über das Haupt seiner kleinen Frau, Wie er sich dann wieder aufrichtete, mit feiner hohen, kräftigen und doch schmiegsamen Gestalt alles überragend, da sah die junge Frau voll inniger Freude in sein volles Gesicht, das von Geist und Energie erzählte. Das volle, dunkelblonde Haar lag in gewellten Massen um den wohlgeformten Schädel und die hohe Stirn. Der wohlgepflegte, dichte Schnurrbart gab dem glattrafirten Gesicht einen männlich kräftigen Anstrich, wie man ihn bei Geschäftsleuten selten findet. Denn Herr Direktor Conty war Geschäftsmann, allerdings, ein sehr hervorragender: er war Direktor einer großen Emissionsbank. Der Herr Doktor hatte das Zeichen gegeben. Die Amme, begleitet von der Kindsfrau und von der Madame, brachte das Baby. Der Herr Doktor hatte Mühe, eine allzu intime Annäherung der Damen abzuwehren, denn wenn sie auch wußten, daß man einem kleinen Kinde oder einem Kinde überhaupt in diesen Kreisen nicht zu nahe kommen soll — ihr Eifer, dem mächtigen und einflußreichen Direktor zu schmeicheln, trieb sie doch näher an das Spitzenbündel, als dem Herrn Doktor lieb zu sein schien. Am lebhaftesten geberdete sich die kleine Frau Fränkl, und bei ihr war es wirklich Freude an der kleinen Menschenpflanze, die mit den winzigen Fäustchen in die Brüsseler Spitzen hineinstieß. Ihr Mann war reich, sehr reich, einer der größten Grundspekulanten der Stadt; sie brauchten die Bank nicht. „Wie heißt er, der junge Mann?" frug sie. „Er hat noch gar keinen Namen," entgeguete Frau Isolde. „Ah!" riefen alle Damen erstaunt. „Noch keinen Namen?" Der Junge war über eine Woche alt. „Nein. Denn wir wissen nicht, was er werden soll. Mama schreibt, Protestant wäre das Beste; in allen besseren Familien von Berlin läßt man die Knaben jetzt Protestantisch werden." „Ihre Frau Mama lebt in Berlin, und dort ist das auch am Platze," meinte Frau von Stastnh bedächtig. „Ich bin für katholisch. Bei uns in der Familie sind alle Knaben katholisch. Wenn man sich schon absondern will, dann gleich die Religion der Majorität." Frau Feilchenblau war anderer Meinung. Sie hielt die helvetische Konfession für die bessere, was sie auch ausführlich begründete. „Helvetisch, das sind die feinsten Familien in der Stadt; die Brüller von Maischholz, die Herren von Gemma, die Bildhauer Schratter, sie sind alle helvetisch. Man ist da am Sonntag in der Kirche in sehr guter Gesellschaft; auch der Prediger, der Herr Superintendent Forweg, ist ein sehr vornehmer Herr. Ulster Religionsunterricht war ein Vergnügen. Er sagte immer: es ist alles so wie in der jüdischen Religion, nur fortgeschrittener. Das ist doch riesig bequem." „Das sagt unser Herr Pastor auch," mengte sich Frau Bachsteg ins Gespräch, die seit einiger Zeit sich auch zur Augsburger Konfession bekannte. „Uebrigens finden Sie in unserer Kirche auch ein sehr feines Publikum." „Aber schon sehr viel von „unsere Leut", ein bischen zu viel," meinte Frau von Feilchenblau. Das schieil Frau Bachsteg zu ärgern. „So? Und mir hat Jemand vorige Woche erzählt, in der helvetische» Kirche sieht es aus ivie in der Synagoge in der Seitenstettengafse." „Ich muß sagen, mir ist das ziemlich gleichgiltig, was der Junge wird, wenn er nur Christ ist, damit ihm die Kämpfe erspart bleiben, die wir Alle durchzufechteu hatten," beschwichtigte der Herr Papa. „Eigentlich sollte man sich zu Jenen bekennen, die uns Israeliten am geneigtesten sind." „Und das wären?" riefen die Damen neugierig. „Die Engländer." „Was fängt er aber hier mit anglikanisch an?" lehnte die kleine Frau Fränkl ab. „Lassen Sie ihn konfessionslos erziehen," rieth Frau Dr. Korinther. „Wir müssen mit allem alten Kram aufräumen, mit allen alten Vorurtheilen. Dazu gehört auch die Religion. Nur das Positive hat Bestand in der modernen Zeit." Der Arzt hielt es an der Zeit, sich einmengen, denn alle Damen wollten über Frau Dr. Korinther hersallen. Sie hielten die Konfessionslosigkeit für eine große Sünde, die Kinder müßten doch in irgend einer Religion erzogen werden, damit sie vom lieben Himmelvater wüßten. Der Herr Doktor weiß noch einen gewichtigeren Grund. „Nein, meine Gnädige, da bin ich ganz anderer Ansicht. Die Konfessionslosigkeit ist erst recht eiire Absonderung, ich möchte beinahe sagen, eine Auslehnung. Das fällt noch mehr auf, als wenn man Israelit ist. Niemand will mit einem Konfessionslosen zu thun haben, er gehört nirgends hin, er kann auch gar keine Karriere machen, noch weniger als ein Israelit." „Und was die Hauptsache ist," warf die schnippische Frau Fränkl ein, „wenn einer sagt „konfessionslos", dann weiß man gleich, das ist ein Jud." (Schluß folgt.) Sprechsaal. Herr Redakteur! seinem Essay über Zacharias Frankel sagt Herr Dr. Bernfeld Seite 472 mit Bezug auf die Universität in Pest, daß „damals nur diese Hochschule jüdischen Hörern offen stand". Mir ist von einem ausdrücklichen Verbote des Besuches der österreichischen Universitäten seitens jüdischer Hörer überhaupt nichts bekannt; .hingegen heißt es in dem voll Kaiser Josef II. erlassenen Hofdekrete für Böhmen vom 19. Oktober 1781 (Anton Cramer: Vollständige Gesetzsammlung für die Judenschaft in den königlichen Staaten. Prag 1793, p. 130): Auch wird hiermit die Frequeutirung der höheren Schulen auf den erbländischen Universitäten der jüdischen Jugend gestattet. Ans G.Wolss Studien zur Jubelfeier der Wiener Universität, Wien 1865, p. 93, geht überdies hervor, daß schon im Jahre 1790 die Zahl der jüdischen Studenten aus der Wiener Universität eine so bedeutende war, daß man betreffs ihrer besondere Gesetze erließ. Es müssen also andere Gründe vorhanden gewesen sein, welche Frankel veranlaßten. seine Studien in Pest zu machen. Cincinnati, 15. Oktober 1901. Sehr geehrter Herr Redakteur! (H^m alle Weiterungen zu vermeiden, theile ich Ihnen hierdurch ergebenst mit, daß Herrn Oberrabbiner Wolf Nierenberg auS Tatarbina Empfehlungen, die ihm von den Herren Rabbiner Dr. Vogelstein in Stettin und Königsberg sowie von Rabbiner Dr. Bloch-Posen ausgestellt, verloren oder entwendet worden sind. Da diese leicht von einem Unwürdigen benutzt werden könnten, so bittet er von dieser Thatsache in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" Mittheilung zu machen mit dem Bemerken, daß man sich vorsichtigerweise von dem Vorzeiger jener vor Anfang dieses Monats ausgestellten Empfehlungsschreiben den Paß zeigen lassen möchte. Berlin, 11. November 1901. F. B. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.