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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-15 · Heft 46 (15.11.1901) · p. Seite 551

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 46 (15.11.1901)
Date
1901-11-15
Page
Seite 551 (sequence 13)
Language
German
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ein Spiegelglas trug. Sie sah sich sehr deutlich, und sie war zufrieden mit dem Ensemble. Heute sollten die Freundinnen ihren Erstgeborenen zunr ersten Male sehen. Die Kindsfrau, eine ältere Person in bescheidenem Grau, meldete, daß der junge Mann bereit sei. Die Amme in bauschigen kurzen Röcken mit einer Haube, von der zwei lauge Bänder herabslatterten, trug fürsorglich ein kleines Spitzenbündelchen aus der Kinderstube herein.' Die Augen der Mutter leuchteten vor innerem Glück. Die Kindsfrau fing den glückseligen Blick auf, sie schob die wogenden Spitzen auseinander, damit die Mutter das kleine, rosige Gesichtlein deutlich sehen könne. „Ein süßeS Buberl," sagte sie mit diskretem Tone. „Ersieht dem Herrn Direktor sehr ähnlich." „Glauben Sie?" frug zweifelnd die jnnge Frau. „Ohne jede Uebertreibung, der ganze Herr Papa. Sehen Sie diese vollen Wangen, die hohe Stirn, dann der gewisse intelligente Blick. Ich kann sagen, mit Ausnahme vom jungen Grafen Schabsky habe ich noch nie ein so intelligentes Kind gesehen." Die Zusammenpaarung mit dem jungen Grafen Schabsky sollte der Dame augenscheinlich schmeicheln, und die beabsichtigte Wirkung blieb nicht aus. Die Wärterin war inzwischen mit einem kühlenden Trunk gekommen, den sie auf die Marmorplatte des Kästchens stellte. „Der Herr Hofrath hat es dem Herrn Doktor nochmals sagen lassen, gnädige Frau möchten sich heute sehr in Acht nehmend Jede halbe Stunde einen Trunk von dieser Mischung. Der Herr Doktor hat alles selbst angemacht." „Wo ist der Herr Doktor?" „Im Vorzimmer. Er wird mit der „Madame" die Besuche empfangen und die Damen vorbereiten. Sie müssen alle im kleinen Salon warten, bis sie sich erwärmt haben. Die kalte Luft, die sie mitbringen, könnte der gnädigen Frau schaden. Sie sollen auch sonst sehr vorsichtig sein. Der Herr Doktor sagt, größte Ruhe ist nothwendig, und nie zu viel Damen aus einmal." „Er ist zu ängstlich, unser Herr Doktor," meinte die junge Frau. „Die Madame glaubt auch, daß es nothwendig ist," entgegnete die Wärterin. „Sie sagt, die Fürstin Kreuz hat Fieber bekommen, weil die Dame sich beim ersten Empfang zu sehr aufgeregt hat." Die „Madame", von der gesprochen wurde, rauschte selbstbewußt zur Thür herein. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid, um dessen Taille eine schwere Goldkette geschlungen war. Ihr ganzes Auftreten sollte verrathen, daß sie sonst nur bei hohen Aristokratinnen zu assistiren Pflege. In diesem Augenblick schaute sie besonders hochnäsig drein. Draußen im Vorzimmer saß ein armseliger kleiner Jude, den man nicht abweisen konnte, weil er die Karte einer stadtbekannten Dame als Empfehlung vorwies. Sie ordnete das ohnehin ordentliche Bett, nestelte und rückte am Neglige der jungen Mama; dann schickte sie die Kindsfran, die Amme und das Baby ins Kinderzimmer zurück. Ich bitte zu kommen, wenn einige Damen beisammen sind, damit der kleine Herr nicht zu oft gestört wird," ordnete sie an. „So macht es der Hosrath immer bei der Prinzessin", fügte sie bei, um ihrer Anordnring das nöthige Gewicht zu verleihen, denn die Kindsfrau warf ihr einen bitterbösen Blick zu. Dann öffnete sie die Thür des Vorzimmers. Drei Damen, jede schlau lächelnd, trippelten herein. Sie sprachen laut ärztlicher Vorschrift sehr gedämpft, und Jede ließ die Andere ausreden. Dann wurden noch zwei junge Frauen zugelassen. Einige Minuten später trat der Herr Doktor ins Schlafzimmer. Er hatte das Stubenmädchen beauftragt, vorläufig Niemanden einzulassen oder anzumelden. Dabei streifte er den armen Eindringling mit einem bösen Blick — so ein — — Mensch, was konnte der für Bazillen initschleppen. Die Damen hatten die heikelsten Fragen erledigt, und sie fingen an, den Aenßerlichkeiten Aufmerksamkeit zu schenken. Frau von Stastny, eine hohe, dunkle Gestalt in einerfeinen Tuchrvbe mit reicher Applikationsstickerei, besprach das Bett. „Die Einsätze echt Brüssel, der Rand punto tirato, die Arabesken n .jour — nein, dieser Geschmack! Alls einem Wiener Atelier?" fügte sie fragend hinzu. „Wo denken Sie hin." entgegnete Frau Helene Bachsteg, eine junge Blondine. Sie rückte wie zufällig ihre kleine Federnkapotte zurecht. „Nur in Paris kann man etwas recht Exquisites bekommen." Die anderen Damen merkten die Absicht und thaten, als ob die Kapotte nicht existire. Frau von Fräukl, die böte noire der Gesellschaft, hielt sich an das Kleid der Bachsteg. „Ist Ihr Noirö antigue vielleicht aus Paris?" frug die kleine, zarte, leicht bewegliche Frau, deren Hände und Ohren von Brillanten blitzten. „Nein, es ist von Spitzmann. Aber ich hakLs auch nicht gern. Es ist so schwer, so — hart in der Farbenzusammenstellung. Freilich, billig ist es. Was will man für dreihundert Gulden verlangen?" Die junge Hausfrau konnte der Frau Bachsteg Recht geben, ohne die Anhängerinnen Wiens zu verletzen. Das Paradebett, das Negligö sowie die Layette waren von einer Wiener Firma, die in Paris eine Filiale besitzt. „Wissen Sie, meine Damen, daß es »licht mehr Mode ist, von Toiletten zu sprechet!," warf Frau Direktor-Stellvertreter von Feilchenblau ein. „Was ist denn s» vvKne?" riefen Alle gleichzeitig. Der Arzt runzelte die Stirn: man war offenbar zu laut. Frau von Feilchenblau lächelte malitiös. „Wir stehen im Zeichen der erweiterten Frauenbildung — entweder wir sprechen von den Frauenvereinen, die einander aufs Messer bekriegen, oder voll der Damenakademie, oder vom neuen Athenenm, vom Mädchengymnasium. Wo inan jetzt hinkommt, wird von „Bildung" geredet oder von Bildern- Sezession oder Künstlerhaus, das ist die Frage!" Sie streifte dabei mit einem boshaften Seitenblick Frau Dr. Korinther, die bekannt war als „moderne Frau". Die Dame jedoch reagirte nicht auf diese Stiche; sie sprach leise und ernst mit dein Arzte über die Vorbeugnugsmaßregeln gegen Wochenbettfieber in den öffentlichen Krankenhäusern. „Wir sind aber hergekommen, um von Lingerie und Layettes zu reden," warf Frau Fränkl ein, den parodistischen Ton festhaltend. „Also her mit den Layettes und dem was drinsteckt. Wo ist der Held des Tages, der jnnge Herr Eonty?" Auf dieses Stichwort hin stand der Arzt auf. Er sprach sprach sehr langsam und sehr leise, wie um die Tonart des Gespräches zu bestimmen, das ihm etwas zu lebhaft geworden war. „Wir erwarten den Herrn Direktor, dann soll die Vorstellung erfolgen." Er benutzte diese Gelegenheit, um der Wöchnerin den kühlende» Trunk zu reichen. Dann kontrolirte er die Therinomete r

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