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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-15 · Heft 46 (15.11.1901) · p. Seite 550

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 46 (15.11.1901)
Date
1901-11-15
Page
Seite 550 (sequence 12)
Language
German
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550 Israel ist in seiner Moral auf diesen lebensseindlichen Bahnen niemals gewandelt. Die Moral unseres Volkes wollte das menschliche Leben gestalten, durchdringen, weihen und erhöhen. Ja. Israels inessianischer Glaube, der Glaube an ein Fortschreiten der religiösen nnd sittlichen Erkenntniß in der Menschheit, ist der höchste Ausdruck des recht verstandenen Knltnrideals und muß daher auch der Glaube jedes kulturfreudigeu Menschen sein. Und darin! Welche bis dahin unerreichte Verticsung hat unser Volk seiner lebenssreundlichen Moral gegeben! Hier ist der Begriff der Nächstenliebe geprägt und mit der ganzen Gluth edler Leidenschaftlichkeit erfaßt worden. Hier wurde versöhnliche Gesinnung auch gegenüber dem persönlichen Feinde gefordert, Schadenfreude über das Unglück des Feindes als unedel erkannt und Rache als gemein empfunden. Hier wurde zuerst im Gefühl der Menschenwürde und Menschenliebe gegen das allverbreitete Institut der Sklaverei Stellung genommen. Hier ist der Trieb zum Wvhlthun in einer Weise entfesselt worden, die nur noch bei den Indern ihresgleichen findet, und der Sinn für soziale Gerechtigkeit hat im israelitischen Volksgeiste zu Ideen und Einrichtungen von einer wahrhaft bewunderungswürdigen sittlichen Größe und Hoheit geführt. Selbstheiligung durch strenge Mäßigkeit ohne Verpönuug der Lebensfreude, eine fast ideale Reinheit des Familienlebens in Zucht nnd Sitte waren unter den Kulturvölkern des Alterthums in gleichem Grade nirgends anzutreffen. Vor allem aber hat in Israel die Moral zuerst die nationalen Schranken niedergerissen, alle Menschen als Kinder Gottes bezeichnet und im Geiste eine ferne Zukunft geschaut, in welcher alle Menschen einmüthig Gott dienen werden in Reinheit und Heiligkeit, in Gerechtigkeit und Liebe. Solchermaßen hat Israel die Moral der westlichen Kulturvölker vertieft, immer nur darauf bedacht, die Triebe des Menschen zu weihen, nicht sie auszurotten. Wohl hat es in Israel fast zu allen Zeiten eine ethische Neben- oder Unterströmung gegeben, in welcher die asketische Moral als die Vollendung der Moral der Nächstenliebe angesehen wurde. Aber sie hat im offiziellen Jndenthum auch in den traurigsten Zeiten nicht zur Herrschaft gelangen können. Was sie erreichte und auch mit Recht beanspruchen durfte, war nur eine gewisse Anerkennung und Werthschätzung wegen der sich in ihr unzweifelhaft bekundenden sittlichen Kraft. Niemals aber haben die führenden Geister im jüdischen Volke sich entschließen können, der asketischen Moral als solcher höheren Werth oder auch nur innere Berechtigung zuzugesteheu. Ganz anders aber wurde die asketische Moral im Christenthnm bewerthet, das, auf jüdischem Boden entstanden, auch die stärksten Einflüsse des jüdischen Geistes erfahren hat. Die aus den Zeitverhültnissen erklärliche asketische Nebenströmnug in gewissen Kreisen des jüdischen Volkes fand, verstärkt durch ähnlich gerichtete heidnische Einflüsse, in das sich eben bildende Christenthnm nicht nur Eingang, sondern wurde hier mehr und mehr geradezu als die höhere, eigentlich christliche Moral empfunden. Das weltflttchtige, entsagende, beschauliche Mönchsthnm ist, wenn aneh erst späteren und wahrscheinlich heidnischen Ursprungs, der eigentliche, höchste Ans druck der christlichen Moral, die wohl auch die Moral der Nächstenliebe aus dem Jndenthum herübergenomme», diese aber bald der Askese gegenüber als eine Moral zweiten Ranges betrachtet hat. Es ist dies eine historische Thatsache, die nicht verwischt werden darf, und die wir Inden niemals aus dem Auge verlieren dürfen. Geistige Gegensätze müssen ausgetragen, ausgekämpft werden, sie von einem flach interkonfessionellen Gesichtspunkte aus zu vertuschen, ist eine große Versündigung an der Zukunft der Menschheit. Freilich hat der Protestantismus mit dem Mönchsthum den asketischen Geist wenigstens aus dem wirklichen Leben ausgeschieden und sich dadurch der jüdisch-ethischen Auffassung wieder genähert. Allein ihn prinzipiell aufzugeben, wird ihm dadurch sehr erschwert, daß dieser asketische Geist seine Anknüpfungspunkte im Neuen Testament, ja in den Worten Jesu selbst hat. So stellt sich denn die jüdische Sittenlehre immer noch als die von jedem fremdartigen Zusatz prinzipiell freie Moral der werkthätigen Nächstenliebe und der Selbstzucht dar. Ob es der jüdischen Sittenlehre beschieden sein wird, auch in Zukunft noch eine große, kulturhistorische Aufgabe zu lösen, wer will es sagen? Die modernen Völker sind durchaus kulturfreudig gesinnt und innerlich dem asketischen Geiste völlig entfremdet. Ob es jedoch dem Christenthum gelingen wird, diesen Geist trotz der unleugbar vorhandenen Schwierigkeiten nicht nur faktisch, sondern prinzipiell zu überwinden und zu beseitigen, darüber wird sich nichts Bestimmtes behaupten lassen. Wir erinnern nur daran, daß große, im Christenthum geborene, aber freie Geister, wie Schopenhauer und der noch unter uns lebende Tolstoi, dem asketischen Geist das Wort geredet haben, nachdem dieser durch die Bekanntschaft mit Indien neue Würdigung und Werthschätzung gefunden hat. Was aber die Zukunft auch bringen mag, eines wird nicht bestritten werden können: wir Juden haben die Pflicht, uns auf unseren eigenen ethischen Geist zu besinnen, und wenn wir ihn als wahr erkannt haben, ihm unter allen Umständen treu zu bleiben und unsere historische Stellung zu behaupten. Gerade wir haben allen Grund, das große, ernste Wort zu beherzigen, das uns zur Einkehr bei uns selbst ausfordert, das Wort: Erkenue dich selbst! Wie soll er heißend Bon H. Jork-Steiner. I. junge Mama lag voll froher Erwartung auf ihrem kostbaren Lager. Das Haar wand sich in wohldurchdachter Unordnung um ihr kleines Gesicht mit den klugen Augen. Mademoiselle hatte ihr empfohlen, etwas Rouge aufzulegen, aber sie hatte darauf gerechnet, daß ihr noch ziemlich bleiches Gesicht, umrahmt von der dunklen Fülle des reichen Haares, auf den Batistpolstern gute Wirkung machen würde, und ihre Hoffnung war in Erfüllung gegangen. Sie hatte ein mit rothen Bändern durchsetztes Häubchen im Haar, roth waren die Bändermaschen zwischen den reichen Volants der Prachtpolster, roth die seidene Decke, und all das Roth warf rosige Schimmer über ihr Gesicht und über das Spitzengebilde, das ihre Büste bedeckte. So war Leben genug im bleichen Teint und der Kontrast zur dunklen Umrahmung dennoch in voller Wirkung Frau Isolde ließ die Jalousien Hochziehen. Ihrem Bette gegenüber stand ein dreitheiliger Schrank, der im Mittelfelde

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