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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-15 · Heft 46 (15.11.1901) · p. Seite 549

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 46 (15.11.1901)
Date
1901-11-15
Page
Seite 549 (sequence 11)
Language
German
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S4S sich finden, sie würden zu moralischem Heroismus sich nicht aufschwingen können. So würde ein Geschlecht von ethischen Zwergen in der Kulturmenschheit heranreifen, Menschen von schwächlicher und gebrechlicher Gesinnung, Menschen mit mattem Herzschlage, die nur halb dem Guten zugewendet und jeden Augenblick in Gefahr sind, in den Schmutz des Gemeinen hinabzusinken! Ein solcher Anblick aber müßte öde und traurig sein, alle Fortschritte der allgemein geistigen und materiellen Kultur würden über die Trostlosigkeit dieses Anblicks nicht hinwegzutäilschen vermögen. So sehen wir denn, daß die Moral einer Begründung bedarf, die im sittlichen Bewußtsein selbst nicht gefunden werden kann, und diese Begründung kann nur eine religiöse sein. Du sagst, es ist schwer, den sittlichen Anforderungen zu genügen, aber du sollst danach trachten mit dem ganzen Aufwand deiner Kraft: das ist deine Aufgabe. die dir von Gott geworden! Du sollst dich gerade durch die sittliche Kraft deines Handelns als ein Diener Gottes bewähren. Jeden Widerstand gegen das Gebot der Pflicht, der sich in dir regt, sollst du Niederkämpfen, stets eingedenk, daß du nur so das höchste, einzige, wahrhafte Gut des Menschen erlangen kannst, die Liebe Gottes. Vergiß es nie, daß du für all dein Thun Gott verantwortlich bist, keiner deiner Schritte, auch deine geheimste Gesinnung nicht, ist Gott verborgen. Und ihr, die ihr zu den lautersten, edelsten Geistern der Menschheit zählt, die ihr nicht an eure Verantwortlichkeit gemahnt zu werden braucht, euch ängstigt der Gedanke, daß eure reinsten Bestrebungen vom Zufall vernichtet werden können, daß es keine Gewähr für den Sieg des Guten giebt? Seid getrost! Euer Thun ist nicht dem Zufall überliefert, es ist in einen höheren Zusammenhang ausgenommeu, in das Reich Gottes, das seiner Verwirklichung in der Menschheit entgegenstrebt, und dem ihr als bevorzugte Werkzeuge eingefügt sei. So lasset euren Muth nimmer sinken, denn Gott ist mit euch in Kampf und Noth, in Schmerz und Tod, er wird das Werk eurer Hände segnen! Dies und vieles andere bietet die Religion dem Menschen dar, um seine moralischen Triebe vor Ankränkelung durch des Gedankens Blässe zu schützen uud sie im Herzen des Meuschen fest zu verankern. Die Moral bedarfzu ihrer eigenen Festigung und ErhöhuugderReligion;dasBand,dasdieProphetenzwischen ihnen geknüpft haben, darf daher nimmer gelöst werden. Der Genius der Menschheit wird uns vor einer gewaltsamen Auseinanderreißung des Religiösen und Sittlichen bewahren, nachdem beides vor Jahrtausenden durch Israels Propheten fest verbundenworden ist. Wohl können die Forderungen der Moral mit dem Fortschritt der Kultur sich immer mehr vertiefen und verzweigen, aber ihre Verbindung mit der Religion wird nicht mehr gelöst werden können. Der Weg der Menschheit führt vorwärts und aufwärts, nicht rückwärts und abwärts. Bisher haben wir die kulturhistorische Bedeutung der jüdischen Sittenlehre zunächst nur darin erblickt, daß sie in vorbildlicher Weise und unauflöslich Religion und Sittlichkeit miteinander verknüpft hat. Damit ist jedoch diese Bedeutung der jüdischen Sittenlehre erst nach einer Seite bestimmt. Denn auch nach ihrem Inhalt und ihrem Wesen hat letztere eine Richtung eingeschlagen, die auf den Geist der westlichen Kulturvölker einen tiefgehenden Einfluß geübt hat und noch heute übt. Auch hier stellen wir zunächst einen zusammenfassenden Satz auf. den Satz nämlich: Die jüdische Sittenlehre ist nicht darauf ausgegangen, die natürlichen Triebe des Menschen auszurotten: sie hat vielmehr von Anfang an ihr Augenmerk darauf gerichtet, diese Triebe so zu leiten, daß sie lebenerhaltend und kulturfördernd wirken. Sie hat daher auf der einen Seite Mäßigung und Selbstbeherrschung gefordert und auf der andern Seite die Einschränkung der Selbstsucht, und darum hat sie ganz besonders die sozialen Tugenden der Gerechtigkeit und der Liebe in den Vordergrund gerückt. Wir müssen auch dies geschichtlich in einem kurzen Rückblick beleuchten, wenn der kulturhistorische Werth der jüdischen Sittenlehre uns auch nach dieser Richtung deutlich werden soll. Sobald der menschliche Geist sich über die Stufe der Naturwesen erhoben hatte, sobald er zum Selbstbewußtsein erwacht war und sittliche Gefühle sich in ihm zu regen begonnen hatten, da mußte er auch alsbald erkennen, daß er die natürlichen Triebe nicht regellos und ungezügelt walten lassen darf. Aber schon früh traten hier zwei verschiedene Richtungen hervor, von denen die eine die Vernichtung, die andere nur die Regulirung der natürlichen Triebe anstrebte. Demgemäß lehrten die Einen: Armuth, Entsagung, Ehelosigkeit, Abtödtuug des Fleisches, Weltflucht und ein beschauliches Dasein in stiller Zurückgezogenheit, sie müßten das Ziel alles menschlichen Strebens bilden. Man nennt diese Richtung bekanntlich die asketische. Die Anderen dagegen erkannten und fühlten tief das Recht des Lebens und der Lebensfreude, den Werth der Arbeit und der Kultur, und sie betonten daher vor allem die Nothwendigkeit, die natürlichen Triebe in die rechten Bahnen zu lenken, damit die Störungen, die sie sonst Hervorrufen, mehr und mehr schwinden. Demgemäß forderten sie Herrschaft über die Begierde, Heiligkeit des Lebens, des Eigenthums, der Ehre, der Ehe und hilfreichen Beistand in Zeiten der Noth. Sie forderten die nach festen Grundsätzen sich vollziehende sittliche Bethätigung des Menschen mitten im Getriebe des Lebens und sicherten so den Bestand und den Fortschritt der Kultur. Man kann diese Richtung die individual- und sozialethische oder die im engeren und gewöhnlichen Sinne moralische nennen. Im Allgemeinen neigten sich die Kulturvölker der alten Welt der im engeren Sinne moralischen Richtung zu, ohne daß sie dieselbe freilich auch nur entfernt in ihrer ganzen Tiefe und mit allen ihren Konsequenzen erfaßt hätten. Nur bei den Indern wurde seit der Entstehung des Brahmanismus der asketische Geist herrschend, und der Buddhismus trug ihn später in gemilderter Form auch unter die Völker Hinterindiens und unter die der mongolischen Rasse in China und Japan. Noch heute gilt besonders in Vorderindien Derjenige als Vorbild und als Heiliger, der als beschaulicher Einsiedler ein Leben voll Entbehrung und Entsagung führt. Derjenige, der Schmerz und Noth so wenig flieht, daß er sie vielmehr aufsucht uud sich ihnen gegenüber durchaus unempfindlich zeigt. Wir Europäer können uns von dem dort herrschenden Geiste kaum eine entsprechende Vorstellung machen, trotz der Mönche und Nonnen, die uns von der katholischen Kirche her bekannt sind. Was wir dort erfahren, hat für unsere Empfindung etwas so abschreckend Düsteres, daß wir lieber darauf verzichten, ein Bild von dem Lebe» der indischen Heiligen zu zeichnen. Es genüge uns zu wissen, daß dieser asketische Geist noch heute in einem großen Theil der östlichen Kultnrwelt heimisch ist und dort als das Kennzeichen der höchsten Moralität gilt.

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