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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-11-15 · Heft 46 (15.11.1901) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 46 (15.11.1901)
Date
1901-11-15
Page
Seite 548 (sequence 10)
Language
German
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548 sie die Geistesgeschichte der Menschheit nur selten hervorgetrieben hat. Kein Wunder, das! sie endlich mit ihrer Lehre von der engen Verknüpfung der Religion und der Moral in ihrem Volke durchdrangen nnd sie ihm zu einem dauernden, unverlierbaren Besitz machen konnten. Kein Wunder, daß beim Untergang der altenKultttrwelt die stärksten, nachhaltigsten JmpulsezurNeugestaltung des religiös-sittlichen Lebens mittelbar und unmittelbar von Israel und von Palästina ausgegangen sind. Das Heidenthum vermochte sich dem Christenthum und dem Islam gegenüber nicht zu behaupten, jenen beiden Religionen gegenüber, deren Sittenlehre, soweit sie mit der unseligen übereinstimmt, ganz und gar auf dem Boden der israelitischen Religion erwachsen ist. So ist die ethisch-religiöse Auffassung, die heute zum Gemeingut aller westlichen Kulturvölker geworden ist, ein Werk und ein Geschenk Israels und seiner großen Propheten. Wir müssen hier einen Augenblick einhalten und uns einer Frage zuwenden, die sich dein verehrten Leser vielleicht gerade während unserer Ausführungen aufgedrängt haben haben wird. Wir haben gesagt: Israel habe zwischen Religion und Moral ein enges Band geknüpft und schon dadurch allein welthistorische Bedeutung erlangt. Aber, so wird vielleicht eingeworfen, ist nicht der moderne Geist gerade darauf bedacht, die Moral von der Religion völlig loszulösen und ganz auf sich selbst zu stellen? Hat man sich nicht bemüht, und bemüht man sich nicht noch heute, die Prinzipien, die Grundsätze zu suchen, aus denen sich sämmtliche Forderungen der Moral herleiten lassen? Und muß dies nicht ganz berechtigt erscheinen, da die Moral ja, wie wir selbst zugegeben haben, ihre eigenen Wurzeln im Menschen hat? Die moralischen Forderungen sind ja mit innerer Nvthwendigkeit während der Entwickelung des menschlichen Gemeinschaftslebens hervorgetrete», und so hängt von ihrer Erfüllung das Bestehen, das Gedeihen nnd der Fortschritt jeder menschlichen Gemeinschaft ab! Die Moralgesetze haben für die menschliche Gesellschaft den Werth von Naturgesetzen, ohne die sie unaufhaltsam zu Grunde gehen muß. Und weiter, wenn es ein eigenes, selbständiges sittliches Bewußtsein im Menschen giebt, muß der Mensch nicht schon uni seiner moralischen Würde willen darauf halten, das Gute zu thntt allein um des Guten willen und nicht im Hinblick auf Gott und seinen heiligen Willen? Fragen dieser Art liegen direkt auf unserem Wege, und wir dürfen ihnen nicht ausweichen. Was werden wir also daraus erwidern? Unserer Antwort müssen wir eine ganz kurze Bemerkung vorausschicken, weil uns vielleicht manches von dem, was wir zu sagen haben, nicht angenehm berühren wird. Es ist falsch und es ist unrecht, von der Natur des Menschen gering zu denken; aber es ist eben so falsch und eben so unrecht, sie zu überschätzen. Wir müssen uns bemühen, alle Dinge in ihrem wahren Lichte zu sehen. Wer der Wahrheit nicht fest und ruhig ins Auge blicken kann, der wird sie niemals erkennen! Nach dieser kurzen Bemerkung antworten wir nun: Wohl! Es ist richtig, daß die moralischen Forderungen mit Nothwendigkeit aus dem Gemeinschaftsleben herauswachsen und in der Gefühlswelt des Menschen ihre natürlichen Anknüpfungspunkte finden. Es ist auch richtig, daß dem Menschen ein sittliches Bewußtsein eignet, aus welchem man mit mehr oder, weniger Sicherheit die einzelnen Forderungen ableiten kann. Was aber werden die meisten Menschen, denen der Glaube fehlt, sagen, wenn wir sie auf das sittliche Bewußtsein und die moralische Pflicht allein Hinweisen, vorausgesetzt, daß sie ehrlich genug sind, es zu sagen? Sie werden sagen: Gewiß! Wir sind gern bereit, zu thun, was die Pflicht von uns verlangt, wir fühlen auch, daß es dies allein ist, was dem Menschen Werth und Würde verleiht! Ja, wir räumen unumwunden ein, daß der einzige, wahrhafte Vorzug des Menschen vordem Thiere eben darin besteht, daß er zur Sittlichkeit berufen ist. Wir wollen thun, was recht und gut ist, wir wollen es thnil, aber wir wollen es thun, soweit wir können. Gewiß! Wir haben Pflichten gegen and ere Menschen, wir sollen uns befleißigen, strenge Redlichkeit und aufrichtiges Wohlwollen zu üben, aber — wir haben auch Pflichten gegen uns selbst. Hart ist der Kampf des Lebens, nur mit dem Aufgebot unserer ganzen Kraft können wir erlangen, was wir brauchen. Wir können oft beim besten Willen die hohen sittlichen Anforderungen nicht erfüllen, weil die Noth uns drängt, denn wir wollen leben, wollen nicht gar so kümmerlich leben! Und auch unsere Frauen und unsere Kinder, für die wir doch allererst sorgen müssen, auch sie wollen leben! Und haben wir und sie nicht ein Anrecht darauf, zu leben und ein bescheidenes Maß an Glück zu genießen? Nur eine kurze Spanne Zeit ist uns vergönnt, und wir sollen sie nicht genießen? Wir sollen ängstlich zurückbeben, wenn fremdes Wohl unserem eigenen im Wege steht? Seht nur hin! Wer gar zu gewissenhaft ist, verkommt nicht vorwärts! Das Glück lächelt nur dem, der im rechten Augenblicke zugreift und nicht ängstlich fragt, ob er darf. Eine gewisse durchschnittliche Anständigkeit der Gesinnung, mit Klugheit, viel Klugheit gepaart, das ist es, was am besten durch die Welt hilft! Wenn man uns dies alles entgegenhält, was werden wir erwidern? Eure sittliche Würde muß bei eurem Verhalten nothwendig leiden? Man wirö uns dies zugeben, und die Besseren werden es mit schmerzlichem Bedauern zugeben, aber man wird wiederholen, daß die Lage des Menschen, wie sie nun einmal ist, ein anderes Verhalten verkehrt und unsinnig erscheinen lasse. Der moderne Mensch ist unwiderruflich zur Reflexion, zum Nachdenken über sich selbst erwacht, er folgt nicht mehr unbedingtund unmittelbar den moralischen Regungen in seinem Innern, er übt Kritik an dem sittlichen Bewußtsein selbst: er fragt nach dem Recht und der Richtigkeit desselben. So kann es denn nicht zweifelhaft sein: ruhte unser sittliches Leben allein auf dem Grunde des sittlichen Bewußtseins, dann ruhte es auf einem sehr schwachen, schwanken Grunde. Es würde des inneren Halts und der nöthigen Festigkeit entbehren, weil die Beweggründe zum sittlichen Verhalten nicht stark und kräftig und zwingend genug wären. Und nun gar von einem Eifer für das Gute, der bis zur Selbstaufopferung geht, von einem Martyrium im Dienste der idealen Aufgaben der Menschheit, davon könnte vollends nicht die Rede sein. Warum sein Glück, sein Leben für den Sieg des Guten hinopfern, wenn alles vom blinden Zufall beherrscht ist und der Sieg des Guten sehr ungewiß ist? Vielleicht sind all die erhabenen Regungen des Menschengeistes wohl erhabene, aber ohnmächtige, leicht zerrinnende Wasserblasen, die der Strom des Lebens hier lind da aufwirft, die aber die Richtung desselben in keiner Weise bestimmen können? Selbst die edelsten Geister, deren Natur alles sittlich Gemeine im Tiefsten widerstrebt, selbst diese würden die Kraft zum Märtyrium kaum in

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